I. Einführung

Mit „‚Verzuiling‘ einer ganzen Nation“ überschrieb der Spiegel im Jahr 1971 einen Artikel über die Niederlande. Die Niederländer lebten laut dem Autor seit geraumer Zeit „in einer Art von Stämmen, in unterschiedlichen ‚Säulen‘, friedlich, aber mit Scheuklappen für die anderen, nebeneinander“. Diese Ordnung, die der Autor für einmalig in Europa hielt, beherrsche die ganze Gesellschaft. Sie wanke zurzeit zwar durch das Auftreten verschiedener Protestgruppen, aber bislang scheine sich gegen das zähe System keine wirkliche Veränderung durchsetzen zu können.

Mit dieser Darstellung wiederholte der Spiegel ein Bild der niederländischen Gesellschaft, welches zu dem Zeitpunkt auch in den Niederlanden selbst gängig geworden war. Demnach hatten sich die Einwohner des Landes in vier so genannten Säulen aufgeteilt: eine katholische, eine protestantische, eine sozialdemokratische und eine neutrale oder liberale. Innerhalb dieser Säulen spielten sich sowohl das private wie auch das öffentliche Leben der Bürger ab. Diese Situation machte die Niederlande zu einem Sonderfall in der Welt.

Weil „Versäulung“ im Land selbst und auch im Ausland zu einer zentralen Deutungskategorie der niederländischen Gesellschaft avanciert ist, stellt sie einen wichtigen Schlüssel zu ihrer Geschichte und Gegenwart dar. Dieser Schlüssel öffnet Fenster zu drei Bereichen der neuesten Geschichte des Landes: zur Art und Weise, in der Bürger sich zivilgesellschaftlich organisiert haben, zur gesellschaftlichen Rolle der Religion und zur Gestaltung der Politik.

Mit der Bildsprache der Versäulung haben Beobachter über diese drei Bereiche Aussagen gemacht, die im Folgenden entwirrt werden. Dazu findet sich auf diesen Seiten zu jedem Themenbereich (Zivilgesellschaft, religiöse Ordnung sowie Politik) eine einzelne Darstellung.

Allerdings muss der Wirren  der Versäulung nicht nur sortiert, sondern auch die Entstehung und Wirkung der Bildsprache selbst kritisch analysiert werden. Dabei fällt auf, dass die Säulenmetapher im Rahmen einer Polemik um die Zukunft der Niederlande eingeführt wurde. Sie kam nicht als angemessene analytische Beschreibung, sondern als Karikatur auf. Anhand dieser karikaturhaften Darstellung ist in der Folgezeit ein dreifacher Mythos über die niederländische Geschichte entstanden: das „versäulte“ Königreich sei eine statische, strikt aufgeteilte Gesellschaft, ihr Zustand sei einzigartig in der Welt und der Übergang von der versäulten zu der entsäulten Gesellschaft im Laufe der 1960er Jahre sei ein radikaler Bruch gewesen.

Die zwei in diesem Dossier zu verfolgenden Spuren – Begriffsgeschichte und Geschichte der Bereiche Zivilgesellschaft, religiöse Ordnung und Politik – zeigen, wie sehr dieser dreifache Mythos das Bild der niederländischen Geschichte entstellt hat, und ermöglichen somit auch eine neue Sicht auf diese Geschichte.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012