VI. Versäulung und Entsäulung in der Gegenwart

Das Begriffspaar Versäulung-Entsäulung prägt seit den 1950er Jahren die Deutungen der niederländischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Erfolg der Bildsprache ist dabei erstens auf seine bestechliche Einfalt zurückzuführen. Das einprägsame Bild eines Tempels mit vier Säulen und einem gemeinsamen Dach bleiben jedem, der es aufgenommen hat, präsent. Zweitens geht der Erfolg auch auf den Umstand zurück, dass die Karikatur der versäulten Gesellschaft sowohl für Gegner als auch Befürworter exklusiver, ausgedehnt organisierter Gemeinschaften, eine prominente Rolle weltanschaulicher Traditionen oder eine Pazifikationsstrategie der politischen Eliten Anknüpfungspunkte bot. Gegner konnten die statischen und altertümlichen Aspekte hervorheben, während Befürworter auf die übergreifende Stabilität, die jeweilige robuste Organisation der Gemeinschaften oder die wünschenswerte Übersichtlichkeit hinweisen können.

Der von dem Gegensatz zwischen Versäulung und Entsäulung suggerierte Bruch der 1960er Jahre in der niederländischen Geschichte kommt auf ähnliche Weise den Bedürfnissen unterschiedlicher Gruppen entgegen. Zunächst haben die sich überstürzenden Ereignisse dieser Epoche auf viele Zeitgenossen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Der Umstand, dass sich hinter diesen stürmischen Ereignissen an der Oberfläche langsame strukturelle Veränderungen verbergen, korrespondiert also nicht mit den unmittelbaren Eindrücken der Augenzeugen.

Außerdem beharren diejenigen, die sich in den 1960er Jahren aufgemacht hatten, die Gesellschaft zu verändern, gern auf die einschneidenden Veränderungen dieser Epoche, um ihr eigenes Wirken aufzuwerten und um die Beständigkeit alter Strukturen als antiquiert anzuprangern. Auch diejenigen, die ihre politische Stellung unter Berufung auf die von ihnen selbst durchgeführten Erneuerungen legitimierten, hatten ein Interesse daran, diese Veränderungen als möglichst einschneidend darzustellen. Schließlich bilden auch diejenigen, die vergangenen Zeiten nachtrauern, sich gerne ein, dass es eine tiefe Kluft zwischen ihrer Gegenwart und der Vergangenheit gibt. Eine solche Nostalgie prägt beispielsweise viele Rückblicke auf die früheren sozialdemokratischen und katholischen Lebenswelten, in welchen ihre Einheitlichkeit, Übersichtlichkeit und Geborgenheit häufig übertrieben wird.

In der Verwendung dieser Begriffe ist gegenwärtig ein Paradox zu sehen. Während in der niederländischen Geschichtswissenschaft ihre Brauchbarkeit immer stärker angezweifelt wird, sind die Begriffe im Alltag und in der Publizistik stark verwurzelt. In den historischen Studien hat man sich vor allem in den 1980er Jahren eingehend mit dem Phänomen der Versäulung auseinandergesetzt. Wichtige Einzelstudien legten Siep Stuurman und Hans Righart vor. Ersterer wies auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen organisierten Gemeinschaften und auf die Machtpolitik der Eliten in diesem System hin, während letzterer aufzeigte, dass sich auch in anderen europäischen Ländern ähnlich segmentierte Gemeinschaften herausgebildet hatten. Diese Schlussfolgerung hat in den 1990er Jahren vor allem der belgische Soziologe Staf Hellemans weiter untermauert.

Gleichzeitig lief an der Universität von Amsterdam ein groß angelegtes Forschungsprojekt zur Entstehung der Versäulung an. Im Laufe dieses Projektes entstanden regionale Studien und Überblickswerke, in der sich allerdings vor allem zeigte, dass es eine unmögliche Aufgabe war, die Versäulung als ein kohärentes System darzustellen. Auf lokaler Ebene zeigten sich divergierende Entwicklungen, während es ebenso wenig gelungen war, auf nationaler Ebene ein eindeutiges Gebilde zu unterscheiden.

In einem Rückblick auf das Projekt stellte der Historiker Piet de Rooy fest, dass über die Definition der Versäulung keine Übereinstimmung erreicht worden war. Es war unklar, wann eigentlich die Rede von Versäulung sein sollte, wie ein Maß an Versäulung festgestellt werden könne und auf welche Ursachen sie zurückgeführt werden sollte. De Rooy plädierte deshalb dafür, den Begriff nicht länger als analytische Kategorie zu verwenden. Auf den Charakter des Begriffs ging auch Hans Blom, der Initiator des Projekts, ein. Er wies darauf hin, dass es sich um eine kräftige Form der Bildsprache handele, die zu hinterfragen sei. Auch er konnte die Ergebnisse des Projektes nicht auf ein gemeinsames Ergebnis zurückführen.

Obwohl somit der Nutzen einer Deutung der niederländischen Geschichte anhand der Begriffe Versäulung und Entsäulung fraglich erschien, ist aus dem Versäulungsprojekt keine deutliche Alternative hervorgegangen. De Rooy schlug vor, sich lieber auf politische Strukturen zu besinnen, hat die Begriffe in späteren Werken allerdings auch wieder aufgegriffen. Am stärksten hat sich der Historiker Maarten van Rossem gegen sie ausgesprochen. Allerdings tat er dies nicht so sehr, weil er die metaphorische Wirkung oder die analytische Schärfe der Begriffe anzweifelte, sondern weil er meinte, dass eine von ihm nicht genau definierte Versäulung in der niederländischen Geschichte nicht so wichtig gewesen sei. Ein bedeutender Teil der niederländischen Eliten sei nicht versäult gewesen, für die wirtschaftliche, kulturelle und politische Geschichte der Niederlande und seine internationale Politik sei eine Deutung anhand dieser Begriffe deshalb nicht ertragreich.

Trotz dieser Zweifel und sogar Ablehnung der Versäulung als Deutungskategorie der niederländischen Geschichte spielt sie weiterhin eine Rolle im alltäglichen und publizistischen Sprachgebraucht. In der Debatte um die Zukunft des niederländischen öffentlichen Rundfunks ist beispielsweise häufig die Rede von „versäulten“ Strukturen. Damit wird auf den Umstand hingewiesen, dass die Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk anhand der Mitgliederzahlen der jeweiligen angemeldeten Rundfunkvereine aufgeteilt wird . Das heutige System, das die Aufteilung der Sendezeit nicht festschreibt, sondern aufgrund der Mitgliedszahl der Rundfunkvereine in regelmäßigen Abständen neu bestimmt, wurde aber erst in den 1960ern konzipiert. Es als „versäult“ anzudeuten, obwohl zu dem Zeitpunkt der Konzeption diese Versäulung nach gängiger Meinung bereits im Schwinden begriffen war, scheint unlogisch.

Der Grund für die Verwendung der Säulenmetapher in der Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk trotz seiner eigentlichen Unsinnigkeit und ist erneut in der polemischen Natur der Bildsprache zu suchen: Wenn sie den Begriffe der Versäulung einsetzen, geht es den Kritikern des Rundfunksystems nicht darum, eine möglichst genaue Analyse zu erörtern, sondern wollen sie vor allem suggerieren, dass wir es mit einem starren und überholten Phänomen zu tun haben. Letztere Assoziation wirkt seit den 1960er Jahren umso stärker, da Versäulung in einer allgemein als entsäult bezeichneten Gesellschaft notwendigerweise anachronistisch erscheinen muss.

Auf diese Weise spielen Versäulung und Entsäulung auch heute noch eine Rolle in der niederländischen Gesellschaft. Als analytische Kategorien taugen sie allerdings nicht, weil dann eine polemische Karikatur als angemessene Beschreibung aufgewertet werden würde. Analysiert man aber ihre Verwendung in heutigen und früheren Debatten, so können sie weiterhin als Schlüssel zu dem Denken über die niederländische Vergangenheit und Gegenwart dienen.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012