VII.II. Einheit und Vielfalt (1914 bis 1960)

Die zivilgesellschaftliche Mobilisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – insbesondere auch die Entstehung der Netzwerke gleichgesinnter Organisationen – machten eine engere Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden und Organisationen der Bürgerschaft möglich. Das Verhältnis zwischen Behörden und isolierten Gemeinschaften einerseits, sowie das Verhältnis exklusiver und inklusiver zivilgesellschaftlicher Organisationen andererseits, verursachten große gesellschaftliche Spannungen in den Jahren 1914 bis 1960.

Die Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Organisationen, die von niederländischen Behörden in den überseeischen Gebieten bereits seit dem 19. Jahrhundert praktiziert worden war, wurde auf europäischem Boden während des Ersten Weltkriegs im größeren Ausmaß erprobt. Um die sozioökonomische Folgen des Krieges zu koordinieren wurde, das Koninklijk Nationaal Steun Comité gegründet, in dem Vertreter sechzig bedeutender zivilgesellschaftlichen Organisationen – unter anderem der Gewerkschaftsbewegung – unter der Ägide der nationalen Regierung zusammenkamen. Auch delegierte die Regierung der im Krieg neutralen Niederlande Verhandlungsgespräche über Themen wie Wirtschaftsbeziehungen teilweise an privaten Organisationen, damit sie keiner Neutralitätsbrüche bezichtigt werden konnte.

Nach dem Ende des Krieges wurden viele dieser koordinierenden Organisationen zwar wieder aufgehoben, die Möglichkeiten der staatlichen Koordination zivilgesellschaftlicher Aktivitäten waren jetzt jedoch bekannt. In der Zwischenkriegszeit wurden daher beispielsweise für Arbeitnehmerfragen und für die Gestaltung der Schulpolitik Gremien ins Leben gerufen, in denen Vertreter verschiedener Organisationen und weltanschaulichen Richtungen zur gemeinsamen Beratung zusammengeführt wurden. Den beteiligten Organisationen gewährten solche Konstruktionen einen gewissen Einfluss, während sie den Behörden die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Koordination erweiterten.

Diese Kooperation zwischen staatlichen Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen stieß aber auch auf erhebliche Widerstände. Da die Zusammenarbeit mit den Organisationen der drei umfassend organisierten weltanschaulichen Gemeinschaften für beide Seiten ertragreich war, sahen sich weniger stark vernetzte Gruppen bei solchen Versuchen im Nachteil. In den 1920ern ergab sich in diesem Zusammenhang eine Debatte um die Gestaltung des Rundfunks, die für diese Spannung exemplarisch ist.

Mitte der 1920er Jahre etablierte sich die Hilversumsche Draadloze Omroep (HDO) erfolgreich als Rundfunkanbieter. Sein Direktor Willem Vogt strebte für die HDO eine Rolle als nationale Rundfunkanstalt an, vergleichbar mit der britischen BBC. Allerdings beanspruchten Vertreter der katholischen, orthodox-protestantischen und sozialdemokratischen Gemeinschaften Sendezeit für ihre eigenen Rundfunkvereine. Damit stand das an nationale Einheit orientierte Modell Vogts einem an den einzelnen Gemeinschaften orientierten Modell gegenüber. Um seine Idee zu verteidigen, gründete Vogt einen eigenen Rundfunkverein, die Algemeene Vereeniging Radio Omroep (AVRO), die sich weltanschaulich neutral und national inklusiv aufstellte. Eine Pattstellung drohte, welche die AVRO unter anderem mit einer Unterschriftenaktion zu durchbrechen versuchte. Im Jahr 1929 lieferte der Verein 400.000 Unterschriften am Regierungssitz Den Haag ab, um ihre Forderung nach einem nationalen Rundfunkverein zu bekräftigen. Die Regierung entschied sich jedoch anders: Sie verteilte die Sendezeit über die vier wichtigsten Kontrahenten – die AVRO und die ihr opponierenden drei Vereine –, die jeweils 20 Prozent der Sendezeit gestalten durften. Die restlichen 20 Prozent verteilte die Regierung über kleinere Vereine und ein allgemeines Programm.

Solche Drahtseilakte zwischen nationaler Einheit und dem Einfluss einzelner weltanschaulicher Gemeinschaften waren immer wieder umstritten. Als in den 1930er Jahren die wirtschaftliche Krise auch in den Niederlanden zu sozialen und politischen Spannungen führte, machten Kritiker den Einfluss der weltanschaulichen Gemeinschaften und die von ihnen geförderte Isolation einzelner Gruppen für die Immobilität der Gesellschaft verantwortlich. Solche Kritik kam nicht nur von extremistischen Gruppierungen wie den niederländischen Nationalsozialisten, sondern auch von konservativer und liberaler Seite.

Der deutsche Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 beendete diese Debatte keinesfalls. Im Gegenteil: Während der Besatzung bekam eine Bewegung, die sich der Förderung nationaler Einheit au die Fahne geschrieben hatte, große Unterstützung. Die Nederlandse Unie, angeführt von dem Triumvirat Louis Einthoven, Johannes Linthorst Homan und Jan de Quay, warb bis zu ihrer Zwangsauflösung in kürzester Zeit 600.000 Mitglieder. Das gemeinsam getragene Leid und der gemeinsame Feind förderten die Idee einer nationalen Gemeinschaft in den Jahren 1940 bis 1945. Als die Niederlande 1945 befreit wurden, standen verschiedene Gruppen bereit, die Hoffnung einer größeren Einheit praktisch zu gestalten.

Die wichtigsten Vertreter des Einheitsbestrebens fanden sich 1946 in der Partij van de Arbeid (PvdA) zusammen. Ehemalige Sozialdemokraten, Christdemokraten und Linksliberale gründeten gemeinsam eine Partei, die eine Integration aller weltanschaulichen Gruppierungen aufgrund gemeinsamer Interessen als Niederländer und Arbeitnehmer anstrebte. Entgegen ihrer Hoffnung auf einen so genannten „Doorbraak“ (dt. „Durchbruch“) hielten jedoch viele Katholiken und orthodoxen Protestanten ihren traditionellen Parteien die Treue. Der Frust über das Ausbleiben einer tiefgehenden Erneuerung der Gesellschaft nach 1945 wurde ein wichtiger Nährboden für die Polemik, in der die Säulenmetapher aufkam .

Obwohl es nicht zur tiefgreifenden Neuerung der Gesellschaft kam, wie die Anhänger des „Doorbraak“ sie sich wünschten, verschob sich die Balance zwischen nationaler Einheit und einzelnen Gemeinschaften nach 1945 jedoch trotzdem eindeutig zugunsten der nationalen Einheit. Die Krise der 1930er und die Erfahrungen des Krieges hatten allen Beteiligten von der Notwendigkeit einer besseren Zusammenarbeit überzeugt. So kam es nach dem Ende der Besatzung zur Gründung einer Reihe koordinierender Gremien, die an der Tradition ähnlicher Gremien aus der Zwischenkriegszeit anknüpften, aber über weitreichendere Kompetenzen verfügten. Die Gewerkschaftsbünde kooperierten in einem overlegorgaan (dt. Beratungsgremium) und die Vertretung von Arbeitnehmerschaft und Arbeitgeberorganisationen in der Stichting van de Arbeid. Die beiden letzten Gruppen berieten ebenfalls gemeinsam mit von der Regierung ernannten Vertretern im Sociaal-Economische Raad, dessen Berichte in der Politik heute nach wie vor hohes Ansehen genießen.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012