IV. Versäulung als politische Kategorie in den Sechzigern

Die Verquickung einer verzerrenden Karikatur der niederländischen Gesellschaft und ihrer wissenschaftlichen Analyse setzte sich in den 1960er Jahren fort. Wo Soziologen die Debatte in den 1950ern dominierten, übernahmen Politikwissenschaftler diese Rolle in dem darauffolgenden Jahrzehnt. Sie nahmen die vermeintliche Passivität der Wählerschaft zum Ausgangspunkt ihrer Analysen und meinten, das Verhalten der niederländischen Eliten würde diese Passivität sowohl fördern als auch benötigen. Allerdings sei dieser Zustand weder wünschenswert noch haltbar.

Zunächst sprach der Politikwissenschaftler Hans Daalder 1965 über das untätige Verhalten niederländischer Bürger. In seiner Antrittsvorlesung kritisierte er die entpolitisierende und pragmatische Haltung der Eliten. Sie verhielten sich wie die früheren Regenten in dem sie leise zu Kompromissen über politische Streitpunkte kämen. Durch diese distanzierte und verschwiegene Haltung vergrößerten sie den Abstand zwischen Bürgern und Elite. Da die Bürger außerdem in getrennten Gruppen organisiert seien, würden sie in der niederländischen Demokratie zur Rolle des schweigenden und passiven Beobachters gezwungen.

Daalder benutzte die Wörter Säule und Versäulung 1965 nicht. Er sprach dennoch über die Rolle der Eliten und die Folgen der sozialen Segmentierung und wurde deshalb zu einem wichtigen Gesprächspartner für den in den USA arbeitenden Polititwissenschaftlers Arend Lijphart, der diese Begriffe wie kein anderer geprägt hat. Lijphart fragte sich in seinem ursprünglich auf Englisch verfassten Politics of Accommodation wie es möglich sei, dass die Niederlande trotz des großen Abstands zwischen den verschiedenen Gruppen der Bevölkerung eine stabile Demokratie geblieben waren. Die Antwort fand er in dem Verhalten der Eliten, die durch ihr kompromissbereites und verschwiegenes Vorgehen eine dauerhafte Krise vermieden hatten.

Die Blaupause für ihre „Pazifikationspolitik“ habe die Elite in der so genannten „Pazifikation von 1917“ gefunden. Laut Lijphart befanden sich die Niederlande am Anfang des 20. Jahrhunderts in einer tiefen Krise, weil zu dem Zeitpunkt weder über die Finanzierung der Schulen, noch über das Wahlrecht oder über die soziale Frage Einigkeit zwischen den liberalen, sozialdemokratischen, protestantischen und katholischen Parteien erreicht werden konnte. Die Minderheitsregierung um Premierminister Pieter Cort van der Linden hätte diese Pattstellung durchbrochen, indem sie zwei Kommissionen einberief, die über die Schulfrage und über das Wahlrecht beraten sollten. In diesen Kommissionen konnten die verfeindeten Gruppen hinter verschlossen in beiden Fragen einen Kompromiss ausarbeiten. Eine Änderung der Verfassung im Jahr 1917 bekräftigte diesen Kompromiss, der eine Gleichstellung privater und öffentlicher Schulen bei der Finanzierung und ein allgemeines Männerwahlrecht vorsah.

Laut Lijphart hatten die niederländischen Eliten im Laufe dieser Einigung die Grundsätze für ihre Handelsweise gefunden: sachliche Politik, pragmatische Toleranz, Spitzenkonferenzen zur Kompromissfindung, Proporz als Grundlage für die Verteilung der öffentlichen Mittel, Depolitisierung, Geheimhaltung und das Prinzip, das die Regierung möglichst ungestört regieren sollte. Diese Prinzipien gestatteten nicht nur die erfolgreiche Zusammenarbeit unter den Eliten der verschiedenen Gruppen, sondern ermöglichten es der Spitze der jeweiligen Bevölkerungsgruppe auch, ihre Anhängerschaft in Zaum zu halten, weil die Gegensätze nicht öffentlich aufgespielt, sondern hinter verschlossenen Türen beruhigt wurden.

Wie Daalder zuvor hatte auch Lijphart Bedenken gegen dieses vermeintliche System. Zunächst fördere es eine passive Haltung unter der Bevölkerung. Ihre Unmündigkeit sei teils die Folge des Verhaltens der Eliten, teils aber auch auf ihre eigene Zurückhaltung zurückzuführen, die ihrerseits das Verhalten der Eliten bestätigen würde. Außerdem äußerte Lijphart sich kritisch über den demokratischen Gehalt dieses Zustands: Inwiefern kontrollierten die Wähler ihre Eliten, wenn sie diese stets bedenkenlos wiederwählten? Und entzögen sich die geheimen Spitzengespräche zwischen den Eliten, die teilweise sogar in festen Kommissionen eingerichtet worden waren, nicht der demokratischen Kontrolle?

Diese Darstellung Lijpharts hat viel Kritik geerntet. Zunächst ist seine historische Perspektive zweifelhaft, denn viele der Verhaltenszüge der Eliten, die er beschreibt, sind nicht erst seit 1917 zu sehen. Gleichermaßen sind sie auch seit 1917 nicht so kontinuierlich zum Einsatz gekommen, wie es Lijphart vermuten lässt. Verbunden mit dieser Kritik am Wendepunkt, als den Lijphart die Verfassungsänderung 1917 bezeichnet, sind auch die Zweifel an Lijpharts Darstellung der Ereignisse im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Von der von ihm beschworenen tiefe Krise kann kaum die Rede sein, denn in den Fragen der Schulfinanzierung und des Wahlrechts bahnten sich bereits Kompromisse an, die nur noch festgeschrieben werden mussten. Das dritte große Thema, die soziale Frage, wurde weder 1917, noch in der Folgezeit durch einvernehmliche Zusammenarbeit gelöst. Ihre wichtigsten Fürsprecher, die Sozialdemokraten, waren seit einem gescheiterten Revolutionsaufruf 1918 als Gesprächspartner verpönt. Sie wurden bis 1939 in keine Regierung aufgenommen.

In eine ähnliche Richtung geht die Kritik am Bild der Gesellschaft, das Lijphart für die Jahre 1917 bis 1967 schildert. Es stimmt in vielen Punkten mit der Karikatur der Versäulung überein, die in den gesellschaftlichen Polemiken der 1950er Jahre aufgekommen war. Allerdings waren die Niederlande weder so stark zerteilt, noch so harmonisch, wie es Lijphart vermuten lässt. Die ständigen Auseinandersetzungen über das Verhältnis der Gruppenrechte und der nationalen Einheit in der Zwischenkriegszeit bleiben ebenso wie jene Versuche auf der Strecke, in der Nachkriegszeit zu einer Neuordnung zu kommen. Auch die Schärfe dieser Debatten, die in den 1950er Jahren zum Beispiel zum vorübergehenden Ende der Zusammenarbeit der Gewerkschaftsbünde führte, spielt seine Darstellung zu sehr herunter. Die auf das Bild eines griechischen Tempels suggerierende Karikatur der Starrheit und Zerteilung hat Lijphart in seiner Studie bekräftigt, statt sie zu hinterfragen.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Januar 2012