II. Wilde Verhaftungen, ordentliche Verfahren

Gegen M.M. Rost van Tonningen, einer der beiden wichtigsten Kollaborateure in den Niederlanden, konnte kein Prozess mehr geführt werden. Unter nicht ganz geklärten Umständen war er im Internierungslager ums Leben gekommen. Laut offizieller Verlautbarung hatte er Selbstmord begangen. Vorausgegangen waren üble Quälereien durch seine Bewacher. Vielen anderen erging es zunächst ähnlich, doch nach Monaten des Chaos gelang es der Regierung, die Zustände in den Lagern zu verbessern und ordentliche Rechtsverfahren zu organisieren.

Die Regierung im Londoner Exil hatte schon vor Kriegsende versucht, die Verhaftungen in geordnete Bahnen zu lenken. Erlasse regelten, wer in ein Internierungslager zu bringen sei und wer nicht. So lange der Krieg noch andauerte, erschien es angebracht, den Kreis der zu Verhaftenden weit zu fassen. Dies entsprach auch einer Forderung der Alliierten, die die Gefährdung der eigenen Kriegsführung minimieren wollten. Nach einer Kapitulation der Besatzer konnte man die Kriterien dann enger definieren.

Das Chaos der Verhaftungen

Einen ordentlichen Ablauf wollte auch der Widerstand, der seine eigenen Listen erstellte. Er konnte für sich in Anspruch nehmen, die Verhältnisse vor Ort besonders gut zu kennen – besser als die Militärbehörden, die zunächst die Staatsmacht vertraten. Aber die Bemühungen waren vergeblich, Listen und Erlasse wurden Makulatur. Denn die Initiative ging auf die Bevölkerung über und besonders häufig auf Menschen, die sich erst in den letzten Kriegsmonaten dem Widerstand angeschlossen hatten. Es begann eine Zeit der wilden Verhaftungen. Ein vager Verdacht oder die Denunziation eines böswilligen Nachbarn reichten aus, um in ein Internierungslager eingeliefert zu werden.

Nach der Befreiung von der deutschen Besatzung kam es in den Niederlanden zu keiner Nacht der langen Messer. Einen kleinen Befreiungsrausch erlaubte sich die Bevölkerung aber doch. Bezahlen mussten die Kollaborateure, vor allem aber die „moffenmeiden“, also die Frauen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten. Überall im Lande wurden ihnen die Haare abgeschnitten, und häufig wurden sie zusätzlich mit Teer beschmiert. Aber auch andere Kollaborateure mussten Demütigungen ertragen. Bevor sie in die Internierungslager abgeführt wurden, stellte man sie öffentlich zur Schau – mit Schildern um den Hals, die ihre Schandtaten verkündeten. Nicht pure Gewalt, sondern eine, für die Betroffenen allerdings tief erniedrigende, Symbolik dominierte die erste Abrechnung. Die Bevölkerung reagierte die aufgestaute Angst und Wut ab, und häufig auch die Scham, selbst nicht aktiven Widerstand geleistet zu haben.

Missstände in den Lagern

Die Austreibung der Sündenböcke war eine Angelegenheit von Wochen, dann kehrte die Bevölkerung – zumindest als der Krieg überall im Lande beendet war – langsam zur Tagesordnung zurück. In den Internierungslagern jedoch blieb man von geordneten Zuständen weit entfernt. Es konnte auch kaum anders sein. Denn es fehlten einfach die Kapazitäten, um all die Verhafteten – in der Spitze waren es beinahe 100 000 Personen gleichzeitig – menschenwürdig und zugleich sicher unterzubringen. So kam es zu Zuständen wie im berüchtigten Lager an der Levantkade in Amsterdam. Hier wurden Tausende von Häftlingen in Lagerschuppen auf dem Hafengelände untergebracht, wo sie auf dünnen Lagen Stroh schliefen. Sanitäre Einrichtungen gab es praktisch nicht. Hinzu traten Missstände, wie sie auch in anderen Lagern verbreitet waren. Die ohnehin knappen Essensrationen erreichten die Internierten oftmals unvollständig, und viele der Bewacher waren schlicht überfordert, während einige ihre Position gezielt zur Begehung von Grausamkeiten benutzten. Im Lager De Harskamp schossen die Bewacher sogar in Baracken hinein, in denen ehemalige SS-Angehörige untergebracht waren. Die Schätzung des Geschichtsschreibers A.D. Belinfante, dass in den Lagern etwa 40 Personen eines gewaltsamen Todes starben, ist mit Sicherheit nicht übertrieben.

Angesichts ihrer eigenen Taten konnten die Internierten auf wenig Mitleid rechnen. Ein Vorstoß der Regierung, einen großen Teil der Gefangenen bis zum Beginn ihres Prozesses auf freien Fuß zu setzen, um so die Verhältnisse zu verbessern, scheiterte im Spätsommer 1945 am öffentlichen Widerstand. Die Bevölkerung fand die Zustände zwar ebenfalls inakzeptabel, aber als Lösung forderte sie nicht Freilassungen, sondern schnelle Prozesse. Die Regierung saß in der Falle. Denn die hohe Zahl der Betroffenen ließ eine schnelle Abarbeitung der Verfahren nicht zu, und das bedeutete weiter viel zu hohe Interniertenzahlen und somit Missstände in den Lagern. Die Lagerinsassen blieben, wo sie waren; oftmals ohne Anklageerhebung, ohne Kontakt zu einem Rechtsanwalt, zum Teil sogar ohne verhört und über die Tatvorwürfe unterrichtet zu werden.

Ordnung mit Verspätung

Erst ein neues Kabinett durchschlug den Gordischen Knoten, als es ab dem Sommer 1946 grundlegende Verfahrensänderungen durchsetzte. Die Sonderstaatsanwälte sollten die  „leichten Fälle“ nunmehr nicht nur beschleunigt freilassen, sondern auch ihre Verfahren unter Auflagen einstellen. Die Auflagen dienten zum Teil der Reintegration in die Gesellschaft, doch andere – Geldbußen oder auch der Entzug bürgerlicher Ehrenrechte – waren nichts anderes als Strafen. Insgesamt aber behandelte die Regierung die „leichten Fälle“ jetzt vorrangig als soziales Problem. Es sollte unbedingt verhindert werden, dass eine Gruppe von Zehntausenden Ausgestoßenen entstand, die sich verbittert gegen den Rest der Gesellschaft stellen konnte. Juristische Erwägungen und die Frage des Umgangs mit der Vergangenheit rückten in den Hintergrund.

Die Verfahrenseinstellungen entlasteten die Gerichtete, die bis zum Ende des Jahres 1947 den größten Teil der verbleibenden Prozesse abhandelten. 19 Tribunale, 5 Sondergerichtshöfe und ein Oberster Sondergerichtshof sprachen Recht gegen Kollaborateure und NS-Verbrecher. In den Tribunalen wirkten, erstmals in der niederländischen Rechtsgeschichte, auch Laien an der Rechtsprechung mit. Dagegen lag das Verfahren bei den Sondergerichtshöfen vollständig in den Händen ausgebildeter Juristen. Auch wenn der Gesetzgeber von einigen Grundregeln wie dem Rückwirkungsverbot abgewichen war, gelten die Verfahren im Allgemeinen als fair – zumal die Regierung die Rechte der Angeklagten 1947 stärkte.

Gewinner und Verlierer

Wenn die Gerichte in zuvor nicht da gewesener Zahl lange Haftstrafen oder gar die Todesstrafe verhängten, dann war das nur eine Reaktion auf das ebenfalls nicht da gewesene Ausmaß der Verbrechen während der Besatzungszeit. Während allerdings die politische Kollaboration nachdrücklich verfolgt wurde, folgte auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit und vor allem auf die Taten der Besatzungsmacht keine angemessene Bestrafung. Nur 242 Deutsche mussten sich vor den Sondergerichten verantworten – auch eine Folge der Tatsache, dass immer weniger Gesuchte aus den westlichen Besatzungszonen in Deutschland ausgeliefert wurden. Amerikaner, Briten und Franzosen wollten angesichts des beginnenden Kalten Krieges den Deutschen nicht mehr zu sehr auf die Füße treten.

Es waren besonders die „schweren Fälle“, die von den Entwicklungen profitierten. Denn ihre möglicherweise komplizierten und somit auch langwierigen Verfahren kamen als letztes an die Reihe. Sie bekamen nicht nur ordentliche Prozesse, sondern wurden zusätzlich dadurch begünstigt, dass die Urteile der Gerichte mit wachsendem Abstand zum Kriegsende in der Tendenz milder wurden und das Interesse der Öffentlichkeit sich von der Sonderrechtsprechung abwandte. Die „leichten Fälle“ hingegen hatten die symbolische Abrechnung unmittelbar nach der Befreiung ebenso miterlebt wie die unhaltbaren Zustände in vielen der Internierungslager. Für sie war die Sonderrechtsprechung alles andere als ordentlich verlaufen.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: September 2007