VIII. Eine Hypothek für die Beziehungen. Das Problem der NS-Verbrecher und das Verhältnis zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik

Eine Generalbereinigung wollten die Deutschen. Alle aus dem Krieg herrührenden Konflikte mit den Niederlanden sollten in einem großen Vertragswerk gelöst werden. Als Zeichen des guten Willens erwartete man eine beschleunigte Freilassung der deutschen NS-Verbrecher. Doch die Niederländer handelten nicht nach außenpolitischen Gesichtspunkten, sondern streng nach den Prinzipien von Recht und Gerechtigkeit. Und waren ihrerseits verstimmt über ein völlig unterentwickeltes deutsches Schuldbewusstsein. Erst als dieses Bewusstsein gewachsen war, schloss sich eine psychologische Kluft, die die Nachbarn über Jahrzehnte getrennt hatte.

Unverkennbar irritiert schrieb der deutsche Botschafter Mühlenfeld im Januar 1954 an das Auswärtige Amt: „Der schwerblütige Holländer ist zwar vielleicht zu vergessen bereit, wenn er daraus materiellen Vorteil zieht. Aber seine kalvinistische Erbmasse erschwert ihm ein Vergeben.“ Wiederholt hatte Mühlenfeld auf eine schnellere Freilassung deutscher NS-Verbrecher gedrängt – erfolglos. Frustriert berichtete er nun über die fehlende Bereitschaft der Niederländer, das Problem unter außenpolitischen Vorzeichen zu betrachten.

Unverständnis über deutsche Interventionen

Niederländische Politiker gingen auf die deutschen Wünsche nicht ein. Sie konnten nicht, und sie wollten auch nicht. Viel zu groß war die Gefahr eines handfesten Skandals. Begnadigungen und Freilassungen prominenter Delinquenten wie des Wehrmachts-Befehlshabers Christiansen (er wurde im Dezember 1951 aus der Haft entlassen) hatten für ausreichend Schlagzeilen gesorgt, obwohl sie ohne deutschen Druck zustande gekommen waren. Innenpolitisch stellte die Behandlung der NS-Verbrecher mindestens so sehr ein Problem dar wie außenpolitisch.

Vor allem aber sorgte die mangelnde Bereitschaft der Deutschen für Empörung, die grausamen Verbrechen der Inhaftierten anzuerkennen. Das fing schon bei der Wortwahl an. Ein Teil der deutschen Zeitungen sprach konsequent von „Kriegsgefangenen“ statt von Kriegsverbrechern, und der von Diplomaten verwendete Begriff „Kriegsverurteilte“ zielte letztlich ebenfalls neben die Wahrheit. Hinzu kamen Berichte von deutschen Provinzzeitungen über eine angeblich schlechte Behandlung der deutschen Inhaftierten in niederländischen Gefängnissen und allzu plumpe Forderungen nach einem „Gebt sie frei!“, die von Politikern wie dem FDP-Bundestagsabgeordneten Erich Mende mitgetragen wurden.

Das Thema war mehr als sensibel, die Stimmung gereizt. So reagierte Koos Vorrink, Vorsitzender der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion, äußerst wütend, als er wieder einmal mit dem Problem konfrontiert wurde. Es sei „unbegreiflich, wie eine demokratische deutsche Regierung sich für diese nationalsozialistischen Massenmörder, die ihre bestialischen Gefühle hier in Holland abreagiert hätten, einsetzen könne“, hielt er dem Vorgänger Mühlenfelds als Botschafter in den Niederlanden, du Mont, vor.

Die deutschen Interventionen führten nicht zu Nachgiebigkeit, sondern eher zu einer Verhärtung der Fronten. Für die Niederlande bedeutete die Behandlung der NS-Verbrecher auch eine der seltenen Gelegenheiten, Deutschland auf Augenhöhe zu begegnen oder gar am längeren Hebel zu sitzen. Dies beförderte nur die Entwicklung des Problems zu einer Prestigefrage. Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern ging die Entlassung der Inhaftierten in den Niederlanden tatsächlich besonders langsam vonstatten, wie auch die Tabelle zeigt. Die Klage Botschafter Mühlenfelds über die Unbeweglichkeit der Niederländer hatte durchaus reale Hintergründe.

Die Zahl inhaftierter deutscher NS-Verbrecher in westeuropäischen Gewahrsamsländern (1950-1956)
1.4.50 15.12.50 15.12.51 1.12.53 20.5.54 29.5.55 25.5.56
Frankreich 867 671 331 168 130 64 26
Niederlande 218 112 83 63 59 51 32
Belgien 126 73 30 4 5 5 4
Dänemark 53 23 14 4
Norwegen 51 60 26

Brüchige Stille

Erst 1960 konnte die niederländische Regierung aufatmen. Rechtsanwalt Dr. Schölle, juristischer Vertreter der NS-Verbrecher, verkündete im Gespräch mit Justizminister Beerman das Ende der deutschen politischen Interventionen. In der Bundesrepublik waren in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erneut Prozesse gegen Kriegsverbrecher angelaufen, und endlich begann auch dort eine Einsicht in das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen zu wachsen. So sprachen deutsche Spitzenpolitiker das Problem der letzten Inhaftierten ausschließlich in vertraulichen Vier-Augen-Gesprächen mit ihren niederländischen Amtskollegen an. Nichts davon gelangte an die Öffentlichkeit, weitere Verstimmungen blieben aus.

Das blieb im Wesentlichen auch in den siebziger Jahren so, obwohl die deutschen Diplomaten nun wieder mehr Aktivitäten entwickelten. Im Unterschied zur Nachkriegszeit stellten sie keine impliziten Forderungen auf, versuchten sie keine bilateralen Tauschgeschäfte einzufädeln. Stattdessen baten sie aus ausschließlich humanitären Gründen und in sorgfältig gewählten Worten um Gnade für die letzten drei NS-Verbrecher, die inzwischen zu alten Männern geworden waren. Probleme gab es allerdings mit dem Verband der Heimkehrer (einer Organisation ehemaliger Kriegsgefangener) und vor allem mit Präses Ernst Wilm, der die Inhaftierten im Auftrag der Evangelischen Kirche betreute und in seiner Verzweiflung über den vollkommenen Stillstand nicht einmal vor der Drohung mit einem Hungerstreik zurückschreckte. Auch sein Handeln änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass deutsche Beiträge zur Debatte um die Behandlung der NS-Verbrecher keine nachhaltigen Resultate erzielten.

Helfen durch Nichtstun

Wirkung zeigte erst die demonstrative Zurückhaltung des Bundespräsidenten von Weizsäcker bei seinem Staatsbesuch 1985. Er verzichtete darauf, sich in der Öffentlichkeit zugunsten der nunmehr nur noch zwei inhaftierten NS-Verbrecher einzusetzen. Stattdessen erklärte er, eine Freilassung könne nur aufgrund des niederländischen Rechtsgefühls erfolgen. Hinter diesem Auftreten stand Otto von der Gablentz, der von 1983 bis 1990 als Botschafter der Bundesrepublik in den Niederlanden amtierte und von Weizsäcker davon überzeugte, eine Belastung der deutsch-niederländischen Beziehungen unbedingt zu vermeiden. Die ausdrückliche Enthaltung von deutscher Seite machte es prominenten niederländischen Ex-Widerstandsangehörigen einfacher, sich schließlich doch zugunsten einer Freilassung der letzten Inhaftierten zu verwenden – eine Initiative, die 1989 in die Entlassung der NS-Verbrecher Ferdinand aus der Fünten und Franz Fischer aus dem Gefängnis von Breda mündete. So bleibt als Fazit die paradox erscheinende Feststellung, dass die deutsche Seite am meisten Einfluss auf den Gang der Dinge entwickelte, als sie auf offene Versuche der Einflussnahme ausdrücklich verzichtete.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: September 2007