Ein wegweisendes Buch. Die Niederländer und ihre Kenntnisse über den Holocaust zur Zeit des Zweiten Weltkriegs

Rezension

Bart van der Boom: „Wij weten niets van hun lot“. Gewone Nederlanders en de Holocaust. Amsterdam 2012.

Die Antwort auf die Frage, was die Niederländer während der Jahre 1940 bis 1945 vom Schicksal der deportierten Juden wussten und wissen konnten, scheint im vergangenen Jahrzehnt immer einfacher geworden zu sein: Ja, die meisten Niederländer kannten es, aber sie verdrängten ihre Kenntnis und schauten weg. Diese These ist unter anderem in Ies Vuijsjes Tegen beter weten in (dt. Wider besseres Wissen) aus dem Jahr 2006 zu finden.[1] Darin wird nicht nur dem niederländischen Volk ein kritischer Spiegel vorgehalten, sondern werden auch Historiker wie Abel Herzberg, Jacques Presser und Loe de Jong beschuldigt, den Mythos des Nichtwissens aufrechterhalten zu haben. Die Belege dafür, dass man während der Besatzungszeit tatsächlich viel gewusst haben muss, scheinen überzeugend: Auch in diesen Jahren wurden Begriffe wie „Ausrottung“, „ermorden“ und „niedermachen“ häufig gehört, gelesen und gebraucht. Wie kann man da noch behaupten nichts gewusst zu haben?

Bart van der Boom macht es sich nicht so leicht. Er bietet in „Wij weten niets van hun lot“. Gewone Nederlanders en de Holocaust (dt. Wir wissen nichts von ihrem Schicksal“. Der durchschnittliche Niederländer und der Holocaust) äußerst nuancierte und überzeugende Betrachtungen der Fragestellung, was man wusste und wissen konnte. Dazu untersuchte er viele sowohl von Juden als auch von Nichtjuden verfasste Tagebücher, die während der Besatzung geschrieben wurden und bei denen somit nicht die Gefahr der nachträglichen Färbung besteht. Van der Boom sagt zu Recht, dass die insgesamt 164 Tagebuchverfasser keinen repräsentativen Querschnitt der niederländischen Bevölkerung darstellen, aber in seinen ausführlichen Reflektionen über das Tagebuch als historische Quelle zeigt er glaubhaft, dass er zu allgemeinen Aussagen über die Gedanken der Niederländer zur Besatzung und der Judenverfolgung fähig ist.

Um entwirren zu können, was man wusste, glaubte, vermutete und befürchtete, untersuchte van der Boom die Tagebücher hinsichtlich der Themen „Stimmung“, „Kenntnis“ und „Verhalten“, die in logischer Reihenfolge aufeinanderfolgend behandelt werden. Nachdem in den vergangenen Jahren der Begriff „grau“ die Debatte über das Handeln der Bevölkerung stark bestimmt hat, ist van der Booms Interpretation eine Erleichterung – bei allem Verdienst, der sicherlich auch Chris van der Heijdens 2001 erschienenem Buch Grijs Verleden (dt. Graue Vergangenheit) zuzusprechen ist.[2] Aufbauend auf sein früheres Werk „We leven nog“. De stemming in bezet Nederland (dt. „Wir leben noch“. Die Stimmung in den besetzten Niederlanden) verweist Van der Boom auf die frühe heftige niederländische Ablehnung der Besatzer, die sich aus einer Mischung aus Empörung, der Hoffnung, dass die Besatzung nicht so schlimm werden und nicht so lange anhalten würde, Angst und Machtlosigkeit zusammensetzte.[3] In diesem „komplexen Kräftefeld“ fand die Anpassung an die Besatzung statt, aber diese Anpas-sung, so van der Boom, war ganz deutlich „etwas anderes […] als Gleichgültigkeit, geschweige denn Zustimmung“ (S. 164). Darüber hinaus wird noch einmal deutlich, dass „gut“ und „böse“, beziehungsweise „böse“ und „nicht böse“ in einem frühen Stadium der Besatzung durchaus die Kategorien waren, in denen gedacht wurde.

Auch die Reaktionen auf die Judenverfolgung müssen in diesem „mentalen Kontext“ betrachtet werden. Die große Mehrheit der Niederländer lehnte das deutsche Vorgehen diesbezüglich ab – nicht nur weil es von den „verhassten Besatzern“ kam, sondern auch, weil die Verfolgungspolitik im Widerspruch zur niederländischen Tradition der Toleranz stand (S. 184). Hinzu kam – und dieser Gedanke findet sich in vielen Tagebüchern wieder – dass die anti-jüdischen Maßnahmen als Vorbote dessen gesehen wurden, was auch dem Rest der Bevölkerung bevorstand. Als im Sommer 1942 die Deportationen begannen, waren dann auch nicht Gleichgültigkeit und Zustimmung die Regel – obwohl es auch solche Reaktionen sicherlich gab –, sondern Wut und Empörung. Steht dies nicht im Widerspruch zur hohen Zahl an Juden, die aus den Niederlanden deportiert wurden, könnte man einwenden? Auch van der Boom stellt sich diese Frage. Er hält allerdings zu Recht fest, dass die hohe Anzahl Deportierter nichts über die Schuld der Umstehenden aussagt und dass der Gehorsam dieser Umstehenden ebenso wenig ein Beweis für ihre Gleichgültigkeit und ihren Antisemitismus ist (S. 218).

Aber was wussten „die Niederländer“ nun genau? Was war ihnen über das Schicksal der Deportierten bekannt? Auch hier geht der Autor sehr genau vor und analysiert zunächst die Informationen, die Zeitgenossen zur Verfügung standen – von Meldungen von deutscher Seite, über Briefe von Deportierten, Zeugenberichte und alliierten Radio-Quellen bis hin zur illegalen Presse. Nimmt man alle Informationen zusammen, dann hätte man 1943/44 tatsächlich „eine ziemlich umfassende Vorstellung des Holocausts“ haben können. Entscheidend ist allerdings die Frage, ob es Zeitgenossen ebenfalls möglich war, die Informationen aus den verschiedenen Quellen zu einem solchen Bild zusammenzufügen. Nuanciert stellt van der Boom fest, dass Sachverhalte, die nachträglich deutlich erscheinen, für Zeitgenossen viel weniger offenkundig gewesen sein müssen. Sie hatten nicht immer alle Quellen beisammen, so wie der Historiker heutzutage. Zudem kannte der Zeitgenosse, anders als der Nachkriegsbetrachter, nicht die Grenzen zwischen Wahrheit, Lüge und Propaganda und wusste darum auch nicht, wo Tatsachen aufhörten und Übertreibungen begannen. Wichtig ist darum nicht nur, welche Informationen zur Verfügung standen, sondern vor allem, wie sie genutzt wurden (S. 262). Mit dieser Aussage kommt van der Boom zum Kern seiner Analyse.

Detailliert geht van der Boom anschließend auf eine kleinere Auswahl der untersuchten Tagebücher ein. Hierbei wird deutlich, dass viele in den finstersten Worten über das Schicksal der Deportierten schrieben. „Wer nach Polen geht, ist abgeschrieben“, notierte Philipp Mechanicus in seinem Tagebuch aus Westerbork, das später unter dem Titel In depot (dt. Im Depot) erschien (S. 327).[4] Andere schrieben, dass auf die Deportierten der „sichere Tod“ warte oder dass sie „zu Tausenden“ und „systematisch“ „abgeschlachtet“ würden (S. 369). Aber diese Begriffe – und hier liegt ein wichtiges Ergebnis dieser Studie – hatten damals noch nicht die fatale Bedeutung, die sie nach 1945 bekommen sollten. Auch als später im Krieg die Existenz von Gaskammern einem Teil der Niederländer bekannt wurde, überstieg der industriell organisierte Genozid direkt nach der Ankunft in Auschwitz und Sobibor das damalige Vorstellungsvermögen. Mit den Worten van der Booms: „Der normale Niederländer konnte sich die genozidale Intention der Deutschen vorstellen, jedoch nicht ihre genozidale Methode; das Ziel schon, nicht jedoch das Mittel“ (S. 373). Die meisten Niederländer – Juden und Nichtjuden – waren der Meinung, dass den Deportierten schwere Zwangsarbeit und eine schlechte Behandlung bevorstanden, die sicherlich den Tod vieler zur Folge haben sollten, aber man tappte bezüglich der genauen Geschehnisse „im Osten“ im Dunkeln. In den Gerüchten war sicherlich die Rede von Vergasung, Massenexekutionen, ja sogar von Millionen Toten, aber kurz vor der Befreiung war im Londoner Radioprogramm zu hören und in der illegalen Presse zu lesen, dass nahezu alle aus den Niederlanden Deportierten noch lebten. Aus diesem Gewirr an Fakten, Vermutungen und Gerüchten mussten sich die Niederländer nach und nach ein Bild formen. Dieses Bild war sehr düster und dramatisch, aber es war viel diffuser und undeutlicher als Vuijsje und andere in den letzten Jahren behauptet haben.

Diese Unwissenheit über den Holocaust ist von unentbehrlicher Bedeutung, um das Verhalten der Zeitgenossen zu erklären. Wenn Zeitgenossen mehr darüber gewusst hätten, was Deportierten in Ausschwitz und Sobibor bevorstand, hätten viele Juden nicht zwischen Untertauchen oder Mitmachen gezweifelt und hätten Nichtjuden viel häufiger ihre Hilfe angeboten. Mit dieser „wenn“-Argumentation schafft van der Boom keinen neuen – potenziellen – Widerstandsmythos. Dafür ist er skeptisch genug hinsichtlich der menschlichen Bereitschaft, anderen in Not zu helfen. Aber er verdeutlicht überzeugend, dass die Kenntnisse aus der Zeit nach 1945 über das Schicksal der deportierten Juden eine schlechte Grundlage bieten, um die Haltung der damaligen Zeitgenossen zu analysieren und zu begreifen.

Van der Boom hat in bester Tradition des historischen Verstehens ein wichtiges Buch geschrieben. Die These, dass „die Niederländer“ vom Holocaust wussten, aber diese Kenntnis ignorierten, kann ad acta gelegt werden. Damit bestätigt und verfeinert der Autor auf überzeugende Weise, was de Jong schon vor langer Zeit in seinem 14-teiligen Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog (dt. Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg) geschrieben hat.[5] „Loe de Jong“, so van der Boom, „hatte Recht“ (S. 419).

Diese sehr positive Bewertung von van der Booms Analyse schließt Kritik nicht aus. Der Autor wiederholt in Kapitel 3 teilweise das, was er in Kapitel 2 bereits beschrieben hat. Unerwartet und einfach fehl am Platze ist an anderer Stelle die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen ihm als Dozenten und einem Studenten während einer Lehrveranstaltung (S. 315). Schließlich ist es etwas merkwürdig, dass er einen großen Teil des Schlusskapitels benutzt, um seitenlang in Form einer Rezension noch einmal mit Vuijsjes Interpretationen abzurechnen. Dazu hatte er im vorherigen Text ausführlich Gelegenheit – und Schlussbetrachtungen sollten vor allem der Verdeutlichung eigener Erkenntnisse dienen. Diese sind im Buch genügend vorhanden, sie werden im letzten Kapitel jedoch nicht klar genug herausgestellt. Diese Kritikpunkte ändern nichts an der Tatsache, dass Van der Boom ein wegweisendes Buch geschrieben hat, das einen großen Leserkreis verdient und wofür er zurecht den hoch angesehenen Libris Geschiedenis Prijs 2012 erhalten hat.


[1] Vgl. Vuijsje, Ies: Tegen beter weten in. Zelfbedrog en ontkenning in de Nederlandse geschiedschrijving over de jodenvervolging, Amsterdam 2006.
[2] Chris van der Heijden hielt in seinem provozierenden Buch fest, dass die bisherigen Charakterisierungen des Verhaltens der Niederländer während der Besatzungsjahre falsch seien. Statt der Gegenüberstellung von „weiß“ (Widerstand) und „schwarz“ (Kollaboration) bzw. von „gut“ und „böse“ muss ihm zufolge das Verhalten der Niederländer als „grau“ beschrieben werden: Jeder kämpfte um sein Überleben, ging Kompromisse ein und die Entscheidung darüber, ob man im Widerstand aktiv war oder kollaborierte, war weniger eine Konsequenz aus Entscheidungen für oder gegen den Nationalsozialismus, sondern eher das Resultat von Zufällen. Vgl. Van der Heijden, Chris: Grijs verleden. Nederland en de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 2001.
[3] Vgl. Van der Boom, Bart: „We leven nog“. De stemming in bezet Nederland, Amsterdam 2003.
[4] Vgl. Mechanicus, Philipp: In depot. Dagboek uit Westerbork, Amsterdam 1964.
[5] De Jong, Loe: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, 14 Bände, Den Haag 1969–1989.

Autor: Friso Wielenga
Erstellt: Oktober 2012