IV. Der Zerfall der Säulenorganisationen und konfessionellen Parteien

Auch die Organisationen im Vorfeld der Kirchen erodierten in dieser Zeit. Der katholische Gewerkschaftsbund NKV stellte fest, dass seine Zielsetzungen sich von denen des weltlichen, sozialdemokratisch dominierten NVV nicht mehr unterschieden. Beide Verbände arbeiteten seit 1968 eng zusammen und fusionierten 1976 schließlich. Nur der protestantisch geprägte Bund CNV verschloss sich dem Aufgehen in einer Einheitsgewerkschaft.

Die „Katholische Volkspartei“ (KVP), die jahrzehntelang an allen Regierungen beteiligt war, musste seit den Parlamentswahlen von 1967 erhebliche Verluste hinnehmen, von denen sich die Partei auch später nicht mehr erholte. Der Fall der Regierung Cals in der „Nacht von Schmelzer“ 1966 hatte ebenso gezeigt, dass der gemeinsame Glaube nicht mehr den nötigen Kitt darstellte, den es brauchte, um in einer haushaltspolitischen Frage einig sein zu können.

Die Partei der Gereformeerden, die ARP, hatte noch den stärksten Zusammenhalt bewiesen und dennoch behutsam eine programmatische Neuorientierung vollzogen. So plädierte mit deutlicher Berufung auf die Bibel der Abgeordnete Hoogendijk für eine Gesellschaft, in der der Staat die persönliche Freiheits- und Verantwortungssphäre sichern sollte. Dies konnte man als Umkehr von den alten antirevolutionären Prinzipien auffassen, die die „Souveränität im eigenen Kreis“ im Sinne Abraham Kuypers gegenüber der Obrigkeit verfochten. Seit 1966 nannte sich die ARP im Untertitel  „Evangelische Volkspartei“, um den christlichen Bezug zu unterstreichen. Gerade vor diesem Hintergrund wurde in der Partei die Dritte-Welt-Debatte immer heftiger geführt und die Konsumgesellschaft kritisiert. Viele „Radikale“, die in diese Richtung dachten, spalteten sich schließlich im April 1968 von KVP und ARP ab und gründeten die „Politieke Partij Radicalen“ (PPR), die wenig später das christliche Lager endgültig verließ, da sie nunmehr vor allem ökologische Themen in den Vordergrund stellte.

Seit 1967 beteiligten sich Politiker aller drei großen christlichen Parteien an Gesprächen über die Möglichkeit einer gemeinsamen Sammlungspartei. Gemeinsame Listenverbindungen der Katholiken mit den beiden reformierten Parteien ARP und CHU waren seit dem Ende der 1960er Jahre bei Gemeindewahlen an der Tagesordnung und legten auch hier den Grundstein für das endgültige Verschmelzen zu einer einzigen christdemokratischen Partei im Jahr 1980.

Auswirkungen auf Medienlandschaft

In der Medienlandschaft zeigte sich die katholische Entsäulung in der veränderten redaktionellen Gestaltung der konfessionsnahen Presse wie auch in der Radio- und Fernsehstation KRO. Die protestantische Rundfunkstation NCRV stellte ihr Programm ebenso auf die neue Zeit ein, weshalb es 1970 zur Gründung eines neuen Evangelischen Rundfunk (EO) kam, der sich dem Rückhalt konservativer Protestanten sicher sein konnte.

Die wichtigste meinungsbildende katholische Tageszeitung, die „Volkskrant“, die der katholischen Arbeiterbewegung nahegestanden hatte, trennte sich 1965 von ihrem religiösen Anspruch und wurde schnell zu einem maßgeblichen linksliberalen Blatt. Die ebenfalls angesehenen katholischen Tageszeitungen „De Maasbode“ und „De Tijd“ verloren hingegen so stark an Lesern, dass sie schließlich fusionierten und später nur noch wöchentlich erscheinen konnten.

Konfessionelle Schulen wie Hochschulen stellten fortan Lehrer und Dozenten ein, die nicht mehr zwingend das richtige Bekenntnis haben mussten und auch bei den Schülern und Studenten wurden diesbezüglich keine Fragen mehr gestellt.

Autor: Clemes Wirries
Erstellt: Mai 2008