III. Evangelische Radikalität – Der niederländische Reformprotestantismus

Die protestantischen Lebenswelten in den Niederlanden waren immer sehr uneinheitlich gewesen. Zwei große reformierte Kirchen, die Hervormden und die Gereformeerden, dazu Remonstranten, Lutheraner, Altreformierte und zahlreiche Spielarten freier Gemeinden zeichneten sich durch theologische Streitigkeiten und einen wenig hierarchischen Aufbau aus, was sie maßgeblich vom römischen Katholizismus unterschied. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die unterschiedlichen Positionen zur gesellschaftlichen Neuorientierung der langen 1960er Jahre nur allzu verständlich.

Dass nach einigen Jahrzehnten der Stabilität die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger in den 1950er Jahren wieder deutlich zurückging, hat aber auch hier eine Debatte über die „geistliche Malaise“ in Gang gebracht. Vielen Theologen erschien eine verstärkte Ökumene als geeignetes Mittel, die Kraft des Glaubens zu revitalisieren. 1966 verabschiedeten die Leitungen der drei größten protestantischen Kirchen ein Dokument unter dem Titel „Samen op weg“. Damit wurde eine enge Zusammenarbeit der drei Gruppierungen eingeleitet, die auch hier mittlerweile zum Zusammenschluss geführt hat. Parallel dazu gab es  Bestrebungen, die Ökumene auch über den Protestantismus hinweg voranzutreiben. So forcierte man das gemeinsame Abendmahl mit den Katholiken. In Amsterdam beschloss 1967 eine Synode der Gereformeerden, dass künftig alle Ämter der Kirche, auch die des Predigers, Frauen offen stehen sollten. Bisher hatte gerade diese Kirche sich einer Neubewertung der Geschlechterrollen verweigert.

Die Antworten auf den kulturellen Umbruch kamen auch bei den Protestanten nicht nur von denjenigen, die man politisch oder religiös im linksliberalen Lager vermutet hätte. Ein einflussreicher Rapport der Hervormden Kirchenführung erklärte das Wort der Bibel per se für progressiv, schließlich sei das Heidentum das rückständige Element gewesen. In der Zukunft habe man zu erwarten, dass „der erhöhte Herr durch sein Wort und seinen Geist wirklich dabei ist, die Welt zu erneuern.“ Auch wenn die direkt auf die Bibel bezogenen Lehrsätze nebulös klingen mögen, meinten sie doch die tatsächliche Veränderungsbereitschaft der protestantischen Eliten.

Da die Protestanten keinen Dogmen eines fernab in Rom residierenden Papstes unterworfen waren und es geschickt verstanden, die neue Zeit theologisch zu begründen, erlebten ihre Kirchen in den 1960ern einen weniger starken Mitgliederverlust als bei den Katholiken. Die Mitgliederzahl der Hervormden sank zwischen 1958 und 1975 von 23% auf 17%, während die Gereformeerden ihren Anteil bei 10% stabil hielten.

Die orthodoxen, meist auch räumlich isolierten altreformierten Gemeinden, z. B. in Staphorst oder auf der Insel Urk waren vom kulturellen Wertewandel des Protestantismus am wenigsten betroffen und behielten ihre Separatkultur, die der Mehrheitsbevölkerung als vollkommen anachronistisch erscheinen musste. Hier lebten die Gläubigen weiterhin ihren Alltag nach stark reglementierenden Grundsätzen.

Religionszugehörigkeit in den Niederlanden 1958-2004 (in %)
Quelle: Jos Becker/ Joep de Hart: Godsdienstige veranderingen in Nederland. Verschuivingen in de binding met de kerken en de christelijke traditie, Den Haag 2006, Bijlage B 3.3
Jahr Keine Römisch-
Katholisch
Nederlands-
hervormd
Reformiert Übrige
1958 24 42 23 8 3
1966 36 30 17 14 3
1970 39 34 16 8 3
1975 42 30 16 10 3
1979 42 30 17 8 3
1980 50 25 14 8 2
1981 49 27 14 7 3
1983 50 28 12 6 3
1985 52 26 12 8 3
1986 52 26 12 7 3
1987 54 24 11 7 4
1991 57 22 11 7 4
1992 57 23 10 6 4
1993 60 20 10 6 4
1994 58 21 9 7 5
1995 62 19 9 6 4
1996 62 18 9 6 5
1997 60 20 9 7 4
1998 60 19 9 7 5
1999 63 18 8 7 4
2000 65 17 9 6 4
2002 66 18 7 5 4
2004 64 17 6 4 8

Autor: Clemes Wirries
Erstellt: Mai 2008