VI. Der Protest auf der Straße

Die gesellschaftlichen Öffnungsprozesse der langen 1960er Jahre bereiteten nicht nur im Rahmen des Parteiensystems der Partizipationsdemokratie den Boden. Außerhalb von Parteien und Parlamenten engagierten sich immer mehr Menschen für Ziele, die auf den ersten Blick außerhalb ihrer Alltagswelt zu liegen schienen. Die Ban-de-Bom-Bewegung gegen das nukleare Wettrüsten der Großmächte des Kalten Krieges war von Großbritannien aus auch in die Niederlande hinübergeschwappt. Auch die globalen Proteste gegen den Vietnamkrieg und die weltweite Studentenbewegung machten sich in den Niederlanden bemerkbar, vor allem in Amsterdam.

Die niederländische Hauptstadt hatte schon immer vielen Menschen Platz geboten, die sich in den provinzielleren Gegenden des Landes beengt fühlten. Für junge Leute, vor allem für Studenten, bot Amsterdam ein offenes Klima mit zahlreichen kulturellen Angeboten, die im Rest der Niederlande fehlten. Auch politisch hatte die Stadt schon lange den Mainstream der Zeit konterkariert. Die linken Parteien, Sozialdemokraten und Kommunisten holten hier bei Wahlen stets zwei Drittel aller Stimmen. Gab es Anlass zum Protest gegen staatliche Autoritäten, wurde dieser lautstark und sichtbar auf der Straße artikuliert. In den 1960er Jahren verdichtete sich allerdings die Zahl der Protestereignisse und auch wurden sie unkonventioneller, die Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt härter. Besonders klar traten zunächst zwei Protestbewegungen in den langen 1960er Jahren in den Vordergrund, die „Provos“, aus deren Ausläufer wenig später die „Kabouter“ wurden, die als Wegbereiter für eine breite alternative Subkultur gelten können und die Studentenbewegung, die an den Universitäten der Hauptstadt ihr Zentrum im Land hatte.

Provos und Kabouter

Seit 1962 hatte der avantgardistische Künstler Robert Jasper Grootveld mit sonderbaren Aktionen gegen die Zigarettenindustrie auf sich aufmerksam gemacht. Er übermalte Tabakreklamen in ganz Amsterdam mit großen K´s, die für Krebs standen. Im Sommer 1964 begann Grootveld dann auf dem Spui, einem Platz in der Stadtmitte neben der Universität, allsamstägliche Mitternachtsrituale durchzuführen. Rund um das Lievertje, einer kleinen Figur in der Mitte des Platzes, die von der Tabakindustrie gestiftet worden war, versammelten sich hunderte von Jugendlichen, um an dem Spektakel teilzuhaben. Darunter war auch der Philosophiestudent Roel van Duyn, der schließlich im Mai 1965 mit einigen Freunden die ersten Flugblätter druckte, die die Überschrift „Provo“ trugen.

Für Provo waren die Menschen zu einer großen grauen Masse geworden, einem „Lumpenvolk“, dem man nur das „Provotariat“ entgegen setzen könne, was die Menschen aus der Versklavung durch die Konsumgesellschaft befreien sollte. Die Pamphlete der Provos waren allerdings wenig theoriegeladen und nicht sehr konkret in ihrer Kapitalismuskritik, auch wenn man sich gerne auf Anarchisten wie Kropotkin berief. Eine gleichnamige Zeitschrift erblickte etwa zur selben Zeit das Licht der Welt. Sie enthielt auch schon mal Anleitungen zum Bombenbau und wurde daher oft von der Polizei beschlagnahmt. Bekannt und populär als gegenkulturelle Vorreiter wurden die Provos aber vielmehr mit ihren spektakulären Aktionen, vor allem mit den „weißen Plänen“.  

Mithilfe des „weißen Fahrradplanes“ sollten Autos aus der Innenstadt Amsterdams verbannt werden, um die Luftverschmutzung zu vermindern. Stattdessen sollten kostenlos bereitgestellte weißgestrichene Fahrräder für die Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Der „weiße Kinderplan“ sollte zu mehr Kindergartenplätzen führen und der „weiße Hühnerplan“ sah vor, dass Polizisten zu Sozialarbeitern umgeschult werden sollten.

Das Schlüsselwort „ludiek“ (spielerisch), abgeleitet von „homo ludens“, bestimmte stets diese Aktionen, brachte die Bevölkerung Amsterdams allerdings auch dazu, darüber nachzudenken,  wie man die Lebensqualität der Stadt  real verbessern konnte.

Die spektakulären Aktionen der Provos fanden zu den Hochzeitsfeierlichkeiten von Kronprinzessin Beatrix und Claus von Amsberg im Mai 1966 ihren Höhepunkt. Sie hatten Gerüchte gestreut, die Pferde des königlichen Gefolges mit LSD zu betäuben oder mit weißen Mützen verrückt zu machen, wofür sich schließlich auch der Verfassungsschutz interessierte. Schließlich wurden bei der Feier Rauchbomben gezündet, die tatsächlich für einige Beunruhigung sorgten. Der deutsche Diplomat Claus von Amsberg war für viele Niederländer, gerade einmal zwei Jahrzehnte nach der deutschen Besatzung, ein rotes Tuch. So hatte Provo bereits nach Bekanntwerden der Verlobung im Jahr zuvor ein Flugblatt verbreitet, auf dem Claus von Amsberg, Prinz Bernhard und der spanische Kronprinz Juan Carlos abgebildet waren, darunter die Frage: „Wer von diesen dreien ist der größte Demokrat?“ Die Antwort wurde den potentiellen Lesern gleich mitgegeben, indem man Kurzbiografien mit der vermeintlich „faschistischen“ Vergangenheit der drei Prinzen versehen hatte. Das Pamphlet flatterte in das Schiff, mit dem das Kronprinzenpaar eine Rundfahrt durch die Grachten der Hauptstadt machte.

Mit dieser Aktion hatten es die Provos in ihrem Kampf gegen das Establishment auf die Spitze getrieben, denn die Polizeiaktionen gegen die Gruppierung nahmen jetzt zu. Im Jahr darauf löste sich die Gruppe schließlich formell auf, feierte aber in Form der „Kabouter“ im Frühjahr 1970 ihre Wiederkehr.

Die „Kabouter“ (Heinzelmännchen) proklamierten einen eigenen Staat, den „Oranje Vrijstaat“, dessen Zentren sich über die ganze Stadt verteilten. Bei Kommunalwahlen im selben Jahr traten die Kabouter mit einer eigenen Liste an und gewannen 11% der Stimmen. Anführer war auch hier wieder Roel van Duyn, der als Realo der Gruppe sogar in den Magistrat der Stadt gewählt wurde.

Das verspätete ´68 – Die niederländische Studentenbewegung

Neben außenpolitischen Themen wie dem Vietnamkrieg und dem Wettrüsten der Supermächte des Kalten Krieges bildete die persönliche Erfahrung der Situation an den Hochschulen einen wichtigen Nährboden für die Studentenproteste der späten 1960er Jahre. Schon 1963 hatte sich die  Studentenvakbeweging (SVB) gegründet, die nach französischem Vorbild die studentischen Interessen als eine Gewerkschaft vertreten wollten. Ihre Ziele waren zunächst rein materieller Art gewesen. Sie forderten höhere Staatsstipendien, günstiges Mensaessen und vor allem bezahlbaren Wohnraum. Daneben sollten die Institutionen der studentischen Selbstverwaltung an den einzelnen Universitäten wie auch landesweit demokratisiert werden. Tatsächlich wurden einige ihrer Forderungen in die Tat umgesetzt, auch weil ihre Vertreter einen offensiven Umgang mit den Medien nicht scheuten.

Die Ideen der amerikanischen „New Left“ fanden ebenso schnell Eingang in den eigentlich überparteilichen und zunächst unpolitischen Studentenverband. Hatte die Zeitung der SVB, der „Demokrater“, anfänglich beinahe ausschließlich über studentische Themen berichtet, kamen mit der Zeit auch Reportagen über Agrarreformen in Kuba, den Vietnamkrieg und die innenpolitische Situation der Niederlande vor. Nach dem Tod Benno Ohnesorgs in Berlin radikalisierten sich die niederländischen Studenten, man wandte sich ebenso wie die deutsche Studentenbewegung der „direkten Aktion“ zu.

Im Mai 1969 kulminierten die Forderungen nach einer umfassenden Demokratisierung der Hochschulen in einer zehntägigen Besetzung des Maagdenhuis, worin sich das Rektorat der Universität von Amsterdam (UvA) befand. An der Besetzung nahmen neben der SVB verschiedene Gruppierungen teil, die sich – ursprünglich aus dem gemäßigten linken politischen Spektrum stammend – ebenfalls weiter radikalisiert hatten, wie die sozialistische Studentenvereinigung Politeia oder die Socialistische Jeugd (SJ). Wortführer der Besetzer war Ton Regtien, der die SVB sechs Jahre zuvor mitbegründet hatte und immer noch als der intellektuelle „spiritus rector“ der Gruppe galt. Auch in anderen Universitätsstädten hatte es Besetzungsaktionen gegeben, die aber weniger spektakulär verlaufen waren.

Nachdem das Maagdenhuis in Amsterdam schließlich von der Polizei geräumt worden war und in den zwei folgenden Monaten die Gerichtsverhandlungen gegen die Besetzer stattfanden, verebbte die Bewegung schnell. Der Rektor der UvA, der Juraprofessor Belinfante sprach sich für ein mildes Umgehen der Justiz mit den Besetzern aus mit der Begründung, dass sie ihr Leben schließlich noch vor sich hätten. Die Vorschläge der studentischen Rektoratsbesetzer zu grundlegenden demokratischen Strukturreformen wurden indessen von den Organen der Universität Amsterdam schnell umgesetzt, und auch landesweit bemühte man sich mit dem Wet Universitaire Bestuurshervorming (WUB) im darauffolgenden Jahr, den Forderungen nach einer Demokratisierung der Hochschulen Rechnung zu tragen - wenngleich die Reformen wohl auch auf Kosten der Lehre geschahen, wie viele der beteiligten Hochschullehrer später bemerkten.

Autor: Clemes Wirries
Erstellt: Mai 2008