II. Los von Rom? – Der niederländische Reformkatholizismus

Bereits gegen Mitte der 1950er Jahre hatten sich die Bindekräfte des niederländischen Katholizismus immer mehr gelockert. Durch schnell fortschreitende technische Modernisierung, größere Mobilität und Urbanisierung wurden die Kennzeichen einer abgeschotteten katholischen Lebenswelt zurückgedrängt. Vor allem in den Städten war die Entfremdung zwischen der Amtskirche und ihren Mitgliedern zu spüren. In intellektuellen Kreisen stellte man die Dogmen des Klerus ohnehin in Frage. So verwundert es nicht, dass die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger rasch zurückging. Ein schleichender Abschied vom Milieu hatte begonnen, der sich zehn Jahre später um so deutlicher zeigte.

In der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, das von 1962 bis 1965 in Rom stattfand, traten die Risse in der Katholikenschaft klar hervor. Viele  niederländische Katholiken hatten die Beschlüsse des Konzils begrüßt, die der Kirche ein zeitgemäßes Gesicht verleihen sollten. Die Heilige Messe sollte fortan in den Landessprachen der Gläubigen gehalten werden und sich nicht mehr hinter lateinischen Formeln verstecken. Zudem sollten sich die Laien vielmehr als früher aktiv am Gemeindeleben beteiligen können. Die päpstliche Enzyklika „Populorum Progressio“ stellte die sozialen Probleme der Entwicklungsländer in den Mittelpunkt.

Ein Kronzeuge der katholischen Modernisierung war der Bischof von Den Bosch, Wilhelmus Bekkers, der durch seine nachdenkliche Offenheit in der Bevölkerung allseits beliebt war. Als 1963 die Antibabypille auf dem niederländischen Markt zugelassen wurde, erklärte er, es möge Ehepaaren selbst überlassen werden, ob sie das Verhütungsmittel benutzen wollten. 1966 gab die niederländische katholische Kirche einen neuen, an den Zeitgeist  angepassten Katechismus heraus. Der Inhalt dieses Lehrwerks für den katholischen Alltag ging dem Vatikan in Teilen viel zu weit und so versah man nach kurzer Zeit die Ausgaben mit einer Art „römischem Kommentar“.

Unter dem 1963 erwählten Papst Paul IV. befand sich die katholische Kirche ohnehin wieder auf konservativem Kurs. 1968 verkündete er in einer erneuten Enzyklika das Ziel des unbedingten Schutzes ungeborenen Lebens. Somit war die Position der Amtskirche zu Empfängnisverhütungsmitteln offiziell geklärt, was die niederländischen Katholiken nicht daran hinderte, weiterhin in progressivem Fahrwasser zu schwimmen.

Von 1968 bis 1970 versammelten sich die Spitzen der niederländischen Katholiken zweimal jährlich zu einem Pastoralkonzil, in dem erneut Beschlüsse gefasst wurden, die der römischen Kirchenführung missfielen. Die Versammlung beschäftigte sich mit Alltagsfragen der Gläubigen, aber auch mit der marxistisch beeinflussten Befreiungstheologie, die in Lateinamerika großen Einfluss besaß. Als das Konzil die Zölibatsverpflichtung der Priester genauso wie das Verbot der Pille offen in Frage stellte und die Mehrheit des niederländischen Episkopats diese Forderungen begrüßte, wurde das Verhältnis zum Vatikan für mehrere Jahre sehr grundsätzlich auf die Probe gestellt.

Die Situation der Kirche wurde nicht einfacher dadurch, dass die „lokalen“ bischöflichen Eliten sich der Modernität nicht verschlossen hatten. Der von Rom vorgegebene Kurs war schließlich maßgebend und entsprach nicht den Vorstellungen der fortschrittlich denkenden niederländischen Katholiken. Viele von ihnen waren daher irritiert über den Standort ihrer Kirche und wandten der Institution endgültig den Rücken zu. Andere verharrten in der Orthodoxie und atmeten in den 1970ern auf, als mehrere Bischöfe ernannt wurden, die als konservativ galten.

Wie schnell die Entkirchlichung in den langen Sechzigern voranschritt zeigt auch ein nüchterner Blick auf die Zahlenstatistik. Während 1963 noch 301 Priester geweiht wurden, waren es 1972 gerade noch 26. Mehr als 200 Priester verließen in dem selben Zeitraum die Kirche, um fortan ein weltliches Leben führen zu können. Viele von ihnen heirateten, wie der bekannte Theologe Huub Oosterhuis, der zahlreiche Psalmen und geistliche Gedichte geschrieben hatte, die in viele Sprachen übersetzt worden waren.

In ihrer Gesamtheit sank die Anzahl der gläubigen Katholiken rapide von 42% im Jahr 1958 auf gerade noch 30% im Jahr 1975 ab.

Autor: Clemes Wirries
Erstellt: Mai 2008