I. Einführung: Entsäulung und Wertewandel

In den langen 1960er Jahren geriet das niederländische Gesellschaftsmodell der Versäulung aus dem Takt. In dieser Transformationsphase kam es durch ein enormes materielles und technisches Wachstum zu tiefen sozialen, kulturellen und politischen Verwerfungen. Die blühende Ökonomie führte zur Aufgabe der staatlich kontrollierten Niedriglohnpolitik, was das Einkommen zu Beginn der 1960er Jahre erheblich ansteigen und immer mehr Menschen am gesamtgesellschaftlichen materiellen Wohlstand teilhaben ließ. Gewachsene Einkommen und nicht zuletzt auch Arbeitszeitverkürzungen erlaubten es nun auch den unteren Mittelschichten - und damit den meisten Arbeitnehmern - an einer breiten Freizeit- und Konsumkultur zu partizipieren. Besonders die jüngere Generation profitierte hiervon.

An den Wochenenden ging man außer Haus oder man traf sich mit Freunden, auch schon mal im Tanzlokal oder im Jazzkeller in der Stadt und nicht mehr in der christlichen Jungmännervereinigung. Die Anschaffung eines Motorrollers wie eines Plattenspielers eröffnete ungekannte Möglichkeiten der individuellen Selbstentfaltung. Der Fernsehapparat wurde zum Mittelpunkt des Wohnzimmers.

Diese neue Mobilität auf verschiedensten Ebenen, die Möglichkeit breiter Schichten in Stadt und Land plötzlich zwischen verschiedenen Optionen der individuellen Freizeitgestaltung wählen zu können, offenbarten die Grenzen der althergebrachten gesellschaftlichen Säulen. Denn eine Unterhaltungssendung im Fernsehprogramm des katholischen Rundfunks wurde nun auch in einem protestantischen Haushalt nicht mehr automatisch abgestellt, wenn sie denn populär war. Gerade in Fernsehsendungen wurden auch gesellschaftliche Tabus auf sexueller Ebene durchbrochen. Vor allem aber in den urbanen Jugendkulturen fand in den 1960er Jahren eine „kulturelle Revolution“ statt.

Bedeutungsverlust der Kirchen

Ein ganz entscheidendes Merkmal der niederländischen Entsäulung ist der Bedeutungsverlust der Kirchen. Bereits in den 1920er Jahren hatte es eine Welle der Säkularisierung vor allem im Protestantismus gegeben, die zu einem vergleichsweise hohen Anteil von Konfessionslosen in der Bevölkerung geführt hatte. Etwa in der Mitte der 1950er Jahre setzte sich diese Entwicklung langsam fort. Sowohl bei den Protestanten und diesmal auch verstärkt unter Katholiken ging zunächst die Zahl des sonntäglichen Kirchenbesuchs zurück. Zehn Jahre später zeichnete sich dann ein wahrer Exodus aus den althergebrachten kirchlichen Lebenswelten ab. 1966 waren 36% der Niederländer nicht mehr kirchlich gebunden, ganze zwölf Prozentpunkte mehr als noch acht Jahre zuvor gemessen.

Besonders stark zeigte sich die konfessionelle Entsäulung im Zerfall der bislang starren Organisationsgerüste. Die Religion spielte eine immer geringere Rolle in der konfessionellen Vereinslandschaft oder sie wurde vor dem Hintergrund der Ökumene neu definiert. So arbeiteten viele christliche Vereine, Gewerkschaften und politische Parteien immer mehr zusammen und fusionierten häufig später miteinander. Die Mitgliederverluste in all diesen traditionellen Organisationen waren wie auch in den Kirchen selbst enorm.

Die wenig religiös konnotierten „neutralen“ Säule der Sozialisten und Liberalen allerdings profitierten in den 1970er Jahren von den gesellschaftlichen Öffnungsprozessen. So waren auf der parteipolitischen Ebene die Sozialdemokraten in dieser Zeit die stärkste Kraft und zusammen mit den beiden liberalen Parteien D´66 und VVD hatte man das einst so mächtige Bollwerk der christlichen Parteien in eine deutliche Minderheitenposition gebracht.

Kurz gesagt: Der Zerfall der Säulen markierte eine kulturelle Öffnung der Gesellschaft auf allen Ebenen. Der unterschiedliche Glaube, die soziale und auch die lokale Herkunft einer Person spielten eine geringere Rolle. Persönliche und kulturelle Freiheit hatte nun Vorrang vor der Sicherheit alter Gewohnheiten und Gewissheiten. Dass diese Zeit des Umbruchs verhältnismäßig ruhig vonstatten ging, liegt daran, dass die Eliten an den Spitzen der Säulen all die Veränderungen mittrugen, wenn nicht sogar mit voranbrachten. So blieb der gesellschaftliche Konsens weiterhin gewahrt und die politische Kultur des Landes auch in den neuen Konstellationen weitgehend friedlich.

Autor: Clemes Wirries
Erstellt: Mai 2008