VI. Versäulung

Bei der versäulten Struktur der Niederlande denkt man an die Einteilung der Politik und Gesellschaft in streng getrennte weltanschauliche Segmente bestehend aus Katholiken, Protestanten und Sozialdemokraten. Und streng getrennt bedeutete: Ein katholischer Junge besuchte natürlich katholische Schulen und wurde Mitglied eines katholischen Fußballvereins. Ebenso selbstverständlich verliebte er sich in ein katholisches Mädchen, das er auch heiratete. Er wählte die katholische Partei und war Mitglied der katholischen Gewerkschaft. Sein Sozialleben spielte sich im eigenen katholischen Kreis ab, ob es nun darum ging, Schach oder Dame zu spielen oder Ziegen zu züchten, für alle Freizeitbeschäftigungen gab es eigene katholische Organisationen. Er kaufte sein Brot bei einem katholischen Bäcker und natürlich kam am Ende eines reichen katholischen Lebens auch der Bestattungsunternehmer aus katholischem Hause. Von der Wiege bis zur Bahre blieb man innerhalb der eigenen Säule – ob katholisch, protestantisch oder sozialdemokratisch –, abgeschirmt von den anderen weltanschaulichen Säulen.

Der Politikwissenschaftler Arend Lijphart

Wie ist es möglich, dass man in einem so geteilten Land wie den Niederlanden, in dem so viele (religiöse) Minderheiten ohne nennenswerten Kontakt nebeneinander bestanden, doch von einer stabilen Demokratie sprechen konnte? Der niederländisch-amerikanische Politologe Lijphart gab darauf 1968 in seinem Buch The Politics of Accomodation. Pluralism and Democracy in the Netherlands eine Antwort. Noch im gleichen Jahre wurde eine niederländische Ausgabe veröffentlicht und von beiden Versionen sind später mehrere Auflagen erschienen. Lijphart sah die Niederlande in verschiedene Bevölkerungsgruppen geteilt, jede mit einer eigenen Weltanschauung und damit verbunden mit politischen und gesellschaftlichen Organisationen. Protestanten, Katholiken und ‚Neutrale‘ – durch eine horizontale Trennlinie wieder in Sozialdemokraten und Liberale geteilt – lebten in vertikalen ‚Säulen‘ isoliert nebeneinander her. Da Querverbindungen zwischen den Säulen fehlten, so Lijphart, sollte man in den Niederlanden politische Instabiliät erwarten.

Dass davon jedoch nicht die Rede war, erklärte er aus der überdachenden Zusammenarbeit zwischen den Führern der versäulten Bevölkerungsgruppen. Die politischen Eliten hatten sich 1917 in der so genannten Befriedung (pacificatie) gefunden. Die Verfassungsänderung dieses Jahres regelte in einem großen politischen Tauschgeschäft zwei fundamentale Fragen aus dem 19. Jahrhundert: Protestanten und Katholiken wurden im Schulwesen finanziell gleichgestellt und akzeptierten im Gegenzug das allgemeine Wahlrecht. Die Niederlande, so Lijphart, funktionierten seit diesem Moment gemäß den Spielregeln der Befriedungspolitik. Diese beinhalteten, dass sich die politische Elite verantwortungsvoll und zielgerichtet verhielt (sachliche Politik), dass sie die weltanschaulichen Ansätze der anderen Säulen akzeptierte (pragmatische Toleranz) und dass sie wichtige Fragen einem gemeinsamen Entscheidungsprozess unterwarf (Spitzenverhandlung). Zu den Spielregeln gehörten auch eine ausgeglichene Verteilung der Finanzen und Amtseinsetzungen über die Säulen (Proportionalität), die Reduzierung von komplizierten politischen Problemen auf technische Fragen (Entpolitisierung) und die Zurückhaltung bei der Weitergabe von Informationen nach außen, um Kompromisse zu vereinfachen (Geheimhaltung).

Schließlich sollten die politischen Parteien der Regierung ausreichend Spielraum gewähren, um die Befriedungspolitik durchführen zu können (die Regierung regiert). Seine Erklärung der politischen Stabilität vervollständigte Lijphart noch mit einem anderen Merkmal der niederländischen Befriedungspolitik: der großen politischen Passivität der Mehrheit der Bevölkerung. Aufgrund der treuen und gehorsamen Haltung der innerhalb der Säulen organisierten Masse verfügten die jeweiligen Säuleneliten über den notwendigen Spielraum für ihre überdachende Zusammenarbeit. Es war dies versäulte Gebäude, so Lijphart, das der niederländischen Politik zwischen 1917 und 1967 Stabilität verlieh. Den Schlusspunkt sah Lijphart im Jahre 1967, als das Aufkommen der neuen Parteien (D66), der schwere Verlust der KVP und das sich verändernde politische Klima verdeutlichten, dass die Spielregeln und die Merkmale der Befriedungspolitik ihre bindende Kraft verloren hatten.

Kritik an Lijpharts Modell

Lijpharts Studie wurde schnell ein Klassiker und wie kein anderes Buch hat es der Diskussion über die niederländische Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert seinen Stempel aufgedrückt. Lijphart blieb allerdings nicht unwidersprochen. Um nur einige Punkte zu nennen: Kritiker bemängelten, dass er eine viel zu schematische Gliederung der niederländischen Gesellschaft verwende und nur unzureichend in der Lage sei, die Unterschiede zwischen der versäulten niederländischen Gesellschaft und anderen pluralistischen westlichen Gesellschaften zu verdeutlichen. War darüber hinaus die überdachende Zusammenarbeit zwischen den Eliten wirklich ein so typisch niederländisches Phänomen und waren die Spielregeln nicht auch auf andere demokratischen Staaten übertragbar? Wenn Lijphart die Befriedungspolitik nur für die Periode 1917–1967 für zutreffend hält und damit die politische Stabilität dieser Zeit erklärt, dann unterstellt dies für die Zeit vor 1917 und nach 1967 Instabilität. Weder das eine noch das andere war der Fall und damit scheint eine wichtige Grundlage von Lijpharts Befriedungsthese wegzufallen.

Außerdem: Vernachlässigt Lijphart nicht die historischen Wurzeln der Zusammenarbeit zwischen den Eliten? Für Lijphart ist die Befriedungspolitik eine gezielte Entscheidung der Eliten, um der Instabilität vorzubeugen, aber liegen die Wurzeln der Verhandlungen und der Zusammenarbeit nicht eher in der seit dem 16. Jahrhundert allmählich gewachsenen niederländischen politischen Kultur? Zu kritisieren ist auch Lijpharts unscharfe Abgrenzung der ‚neutralen Säule‘. Kann man Sozialdemokraten wirklich als untere Schicht einer dritten Säule betrachten? Bilden sie nicht vielmehr eine eigene vierte Säule? Dies sind nur einige Fragen, die Lijphart hervorgerufen hat und über die inzwischen regalfüllende Abhandlungen verfasst worden sind.

Andere Ansätze

So sehr die Versäulungsdiskussion seit 1968 auch um Lijphart kreiste, die wissenschaftliche Debatte über die Versäulung begann schon in den fünfziger Jahren und weist verschiedene theoretische Zugänge auf. Der Soziologe J.A.A. van Doorn – ein scharfsinniger Beobachter der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Niederlanden – umschrieb die Versäulung als ein System der Sozialkontrolle, wobei die säulengebundenen Organisationen vor allem der Sicherung der eigenen Ideologie und Weltanschauung dienen sollten. In einer vergleichbaren Perspektive steht die These, dass Versäulung nichts anderes war als eine defensive kirchliche Strategie, um die eigenen Gläubigen gegen die Einflüsse der Individualisierung abzuschirmen: Durch den Aufbau der eigenen Subkulturen (Säulen) konnten die Säkularisierung, der Materialismus und der heidnische Klassenkampf außen vor gehalten werden. In einem mehr politisch-historischen Ansatz geht es um die These, dass die Versäulung im späten 19. Jahrhundert vor allem für die aufblühenden politischen Parteien ein Mittel war, um eine Massenanhängerschaft zu gewinnen.

Dabei weist man darauf hin, dass die Entstehung der politischen Parteien und der Versäulung gleichzeitige Phänomene waren, die auch untereinander zusammenhingen. Darauf aufbauend kann man die Versäulung auch als Mittel und Ergebnis von Emanzipationsbestrebungen betrachten. Bei diesem Ansatz ist die Versäulung ein Phänomen, das seit dem späten 19. Jahrhundert den Katholiken, Protestanten und Sozialdemokraten die Gelegenheit bot, sich mit Gesinnungsgenossen zu organisieren und sich anschließend politisch und gesellschaftlich in Abgrenzung zu den anderen zu entwickeln. Die Zahl der Versäulungstheorien ist groß und der Wert der verschiedenen Ansätze hängt stark von den Untersuchungsfragen und der Weltanschauung, den Organisationen und dem Zeitraum ab, worüber man spricht. Kein einziger Ansatz bietet eine schlüssige Antwort auf die vielen Fragen, die mit dem Phänomen zusammenhängen. Das einzige, worüber Sicherheit besteht, ist, dass für einen Einblick in die Geschichte der Niederlande seit dem späten 19. Jahrhundert die Begriffe Versäulung und Entsäulung von zentraler Bedeutung sind.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007