XVII. Regierungen in den Niederlanden (1946 bis 2002)

Regierungen der Wiederaufbaujahre (1946-1958)

In den Jahren des Wiederaufbaus (1946–1958) waren KVP und PvdA die beiden wichtigsten Regierungsparteien, sie wurden allerdings durch die konservativ-liberale VVD oder die protestantischen Parteien ARP und CHU ergänzt. Die KVP und die PvdA verfügten zwar gemeinsam über eine breite Mehrheit im Parlament, zur Stärkung ihrer eigenen Position und als Gegengewicht zu den Sozialdemokraten wollten die Katholiken die Zusammenarbeit jedoch stets auf andere Parteien ausweiten. So kamen die Kabinette der so genannten ‚breiten Basis‘ zustande, an denen anfänglich die konservativ-liberale VVD und die CHU beteiligt waren (1948–1952), bis 1958 nahmen anschließend die zwei protestantischen Parteien ARP und CHU mit auf der Regierungsbank Platz. Durchschnittlich konnten die Kabinette dieser Jahre auf eine Mehrheit von etwa 80 % der Parlamentssitze aufbauen. Es waren Jahre des politischen und sozialen Konsenses, in denen in großer Eintracht an einer wirtschaftlichen Gesundung und der Etablierung eines Sozialstaats gearbeitet wurde.

Regierungen der Entsäulungs- und Polarisierungsjahre 1958-1977

Mit dem Bruch 1958 zwischen ‚römisch [katholisch]‘ und ‚rot‘ begann für die PvdA eine lange Zeit in der Opposition. Abgesehen von einem kurzen Intermezzo (1965–1966) hatten die Sozialdemokraten bis 1973 nicht an der Regierungsbildung teil, stattdessen trugen die drei konfessionellen Parteien gemeinsam mit der VVD die Regierungsverantwortung. Das massive Abbröckeln des kon-fessionellen Machtblocks bei den Wahlen zwischen 1967 und 1972 ermöglichte es der PvdA, die Initiative zu ergreifen und als progressive Partei das Gedankengut der 60er Jahre in die Praxis umzusetzen. Im Jahre 1973 kam unter dem PvdA-Chef Joop Den Uyl das am weitesten links stehende Kabinett der Nachkriegsgeschichte zustande, das sich ambitioniert die gleichmäßige Verteilung von Wissen, Wohlstand und Macht zum Ziel setzte.

Von der erneuten christlich-demokratischen Dominanz bis zum Ende der “Lila-Regierungen 1977-2002

Von 1977 bis 1989 folgte erneut eine Periode, in der die Christdemokraten und die Konservativ-Liberalen nahezu ohne Unterbrechung die Regierung bildeten. Im Jahre 1989 kam ein CDA-PvdA-Kabinett zustande, das bei den Wahlen von 1994 mit einem dramatischen Verlust für beide Parteien endete. Gleichzeitig gewannen sowohl die Rechts- als auch die Linksliberalen in diesem Jahr kräftig an Stimmen hinzu, so dass zum ersten Mal seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts im Jahre 1917 eine Regierung ohne Beteiligung der Christdemokraten gebildet wurde. So neu und erfrischend dies auch war, zu einem Bruch mit der Linie des christdemokratischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers (1982–1994) kam es nicht. So gesehen begann mit den so genannten ‚violetten’ Koalitionen (PvdA, VVD und D66) unter Wim Kok keine wirklich neue politische Phase. Selbige begann erst mit dem politischen Erdrutsch 2002, der im Zeichen des Auftretens von und des Mordes an dem Populisten Pim Fortuyn stand und der violetten Koalition ein jähes Ende bereitete.

Kabinette 1920 bis 2008
Abkürzungen: Konf. = Konfessionell; R-lib. = Rechtsliberal; Soz. = Sozialdemokratisch; Lib. = Liberal
Kabinette Konf. R-lib. Soz. Lib. Sons.
1918 - 1922 Ruys de Beerenbrouck (ARP, CHU, RKSP) 1920
1922 - 1925 Ruys de Beerenbrouck (ARP, CHU, RKSP)
1925 - 1926 Colijn (ARP, CHU, RKSP)
1926 - 1929 De Geer (ARP, CHU, RKSP)
1929 - 1933 Ruys de Beerenbrouck (ARP, CHU, RKSP) 1930
1933 - 1935 Colijn (ARP, CHU, RKSP, VDB, LSP)
1935 - 1937 Colijn (ARP, CHU, RKSP, VDB, LSP)
1937 - 1939 Colijn (ARP, CHU, RKSP)
1939 Colijn (ARP, CHU, LSP)
1939 - 1940 De Geer (ARP, RKSP, CHU, VDB, SDAP) 1940
1940 - 1945 Gerbrandy (ARP, RKSP, CHU, LSP, SDAP)
1945 - 1946 Schermerhorn-Drees (KVP, ARP, PvdA, VVD)
1946-1948 Beel (KVP, PvdA)
1948 - 1952 Drees (PvdA, KVP, CHU, VVD) 1950
1952 - 1956 Drees (PvdA, KVP, CHU, ARP)
1956-1958 Drees (PvdA, KVP, CHU, ARP)
1959 - 1963 De Quay (KVP, CHU, ARP, VVD) 1960
1963 - 1965 Marijnen (KVP, ARP, CHU, VVD)
1965 - 1966 Cals (KVP, ARP, PvdA)
1966 - 1967 Zijlstra (KVP, ARP)
1967 - 1971 De Jong (KVP, ARP, CHU, VVD) 1970
1971 - 1972 Biesheuvel (KVP, ARP, CHU, VVD, DS'70)
1973 - 1977 Den Uyl (PvdA, D'66, PPR, KVP, ARP)
1977 - 1981 Van Agt (CDA, VVD) 1980
1981 - 1982 Van Agt (CDA, PvdA, D'66)
1982 - 1986 Lubbers (CDA, VVD)
1986 - 1989 Lubbers (CDA, VVD)
1989 - 1994 Lubbers (CDA, PvdA) 1990
1994 - 1998 Kok (PvdA, VVD, D'66)
1998 - 2002 Kok (PvdA, VVD, D'66) 2000
2002 - 2003 Balkenende (CDA, VVD, LPF)
2003 - 2006 Balkenende (CDA, VVD, D'66)
2006 Balkenende (CDA, VVD, D'66)
seit 2006 Balkenende (CDA, PvdA, ChristenUnie)

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: Juli 2004