XI. Niederländische Außenpolitik nach 1945

Das Ende der traditionellen Neutralitätspolitik

Bis zum deutschen Überfall am 10. Mai 1940 hatten die Niederlande krampfhaft an ihrer Neutralitätspolitik festgehalten und gehofft, dass sie – ebenso wie im Ersten Weltkrieg – von den Kämpfen verschont blieben. Warnungen, Adolf Hitler würde sich nicht an sein Versprechen halten, die niederländische Neutralität zu akzeptieren, wurden der Regierung regelmäßig übermittelt - doch viele Möglichkeiten, sich gegen die deutsche Aggression zu wehren, gab es nicht. Die späte und geringe Verstärkung der Verteidigungsmaßnahmen hatte zur Folge, dass man sich gegen die deutsche Übermacht nur kurze Zeit würde behaupten können. Außerdem stand die Neutralitätspolitik einer offenen Annäherung an Großbritannien und Frankreich im Weg, die darüber hinaus selbst lange Zeit in ihrer appeasement-Politik verstrickt waren. Dies alles bedeutete, dass am 10. Mai 1940 die vertraute Neutralitätspolitik definitiv Schiffbruch erlitten hatte. Die Niederlande wurden ein alliierter Partner und wollten – so waren die Pläne zu Kriegszeiten – nach der Befreiung eine aktive Außenpolitik verfolgen. Wie diese Politik genau aussehen sollte, war natürlich noch nicht klar und sollte vor allem von den internationalen politischen Verhältnissen bestimmt werden. Fest steht jedoch, dass eine Rückkehr zur Neutralitätspolitik der Vorkriegsjahre nicht erwogen wurde.

Abwartende Haltung

In den Jahren 1945–1948 befand sich die niederländische Außenpolitik noch in einer Übergangsphase ohne klare Konturen. Den Haag wartete ab, wie sich die Ost-West-Beziehungen entwickelten und hoffte unter Außenminister van Boetzelaer (1946–1948) auf ein gemeinschaftliches Sicherheitssystem unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Es gab kaum Alternativen zu dieser abwartenden Haltung. Dafür waren die zukünftigen Beziehungen in Europa zu ungewiss und die Möglichkeiten einer Einflussnahme zu gering. Außerdem verfügten die Niederlande über keine Tradition einer aktiven Außenpolitik und der nationale Wiederaufbau, die innere politische Erneuerung und zunehmend auch die Kolonialfrage beanspruchten alle Aufmerksamkeit. Mit dem endgültigen Bruch zwischen Ost und West im Jahre 1947 entstand allerdings eine Situation, die den Niederlanden die Gelegenheit bot, aus dem Windschatten der internationalen Politik herauszutreten. Am Anfang dieser Entwicklung stand die sowjetrussische - und osteuropäische - Ablehnung des Europäischen Wiederaufbau-Programms (Marshallplan). Die Haltung der Sowjetunion vergrößerte die Möglichkeiten der kleinen westlichen Länder, bei der Umsetzung des Marshallplans selbst etwas einzubringen. Die Niederlande, Belgien und Luxemburg nutzten ihre Chance und traten im Sommer 1947 gemeinsam und erfolgreich im Benelux-Verbund auf der Pariser Konferenz zum Marshallplan auf. Die durch eine abwartende Haltung gekennzeichnete Übergangsphase der ersten Nachkriegsjahre war damit beendet und die Niederlande machten sich auf, Partner in den sich bildenden westlichen Blocks zu werden.

Die Niederlande, Deutschland und die Anfänge des Kalten Krieges

Ebenfalls 1947 wurde endgültig klar, dass Ost und West sich nicht auf eine gemeinsame Deutschlandpolitik würden einigen können und dass Deutschland unweigerlich geteilt werden würde. Auf diese Realität mussten sich die Niederlande einstellen und auch in der Deutschlandpolitik wurde deutlich, dass die abwartende Phase in der Den Haager Außenpolitik zu Ende ging. Als der britische Außenminister Ernest Bevin im Februar 1948 Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg einlud, sich auf sicherheitspolitischer Ebene mit Großbritannien zu verbünden, reagierte Den Haag positiv. Im Prozess der europäischen Blockbildung nahm das Gewicht der kleineren Länder zu und die Niederlande versuchten – aufs Neue im Benelux-Verband –, dies als Hebel zu benutzen, um auf die Deutschlandpolitik der westlichen Besatzungsmächte, d.h. der Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich, Einfluss zu nehmen. Auch wenn der niederländische Einfluss auf die Politik der ‚Großen Drei’ minimal blieb, erhielt die niederländische Deutschlandpolitik durch den Beschluss zur Gründung eines westdeutschen Staates auf der Londoner Sechsmächtekonferenz 1948 seine endgültige Richtung. Schon zuvor war deutlich geworden, dass die Niederlande ein energischer Fürsprecher eines kontrollierten deutschen Wirtschaftsaufbaus waren, und nun – mit der sich abzeichnenden Teilung Deutschlands – sollte die Devise lauten: völlige Integration der zu gründenden Bundesrepublik in die westliche Zusammenarbeit. Wie schnell die Niederlande sich auf die neue Situation einstellten, zeigt sich an einer Bemerkung des Außenministers van Boetzelaer bei der Gründung der von Bevin initiierten Westlichen Union (Brüsseler Pakt) im März 1948. Obwohl dieser Vertrag implizit noch gegen eine eventuell wiederauflebende deutsche Gefahr gerichtet war, machte van Boetzelaer hinter den Kulissen keinen Hehl daraus, dass der zu gründende westdeutsche Staat in Zukunft Mitglied dieses Bündnisses werden müsse. Gut zwei Jahre später, nach dem Ausbruch des Koreakriegs (1950–1953), plädierten die Niederlande schnell für eine deutsche Wiederbewaffnung und eine deutsche Mitgliedschaft in der NATO. So machten der Kalte Krieg und die empfundene sowjetrussische Bedrohung die Niederlande zu einem natürlichen, ja aktiven Partner in der westlichen Zusammenarbeit.

Politik der "positiven Integration"

Aktiv bedeutete, dass Den Haag immer intervenierte, wenn seine nun im Westen verankerten Interessen zur Diskussion standen. Dabei fällt auf, dass die Niederlande im Hinblick auf die Bundesrepublik eine Politik der so genannten ‚positiven Integration‘ verfolgten. Ab 1949/1950 plädierten sie stets für eine gleichberechtigte Position der Bundesrepublik in der westlichen Zusammenarbeit und damit für eine schnelle Verringerung der Befugnisse der Besatzungsmächte. Der zugrunde liegende Gedanke war, dass die Bundesrepublik nur dann ein zuverlässiger Partner des Westens werden würde, wenn sie dieselben Rechte und Pflichten bekäme wie die anderen Staaten. Eine diskriminierte Bundesrepublik, so die niederländische Befürchtung, würde sich schlecht behandelt fühlen, sich vom Westen abwenden und gemeinsame Sache mit der Sowjetunion machen. Wiederholt intervenierte Den Haag in den frühen 50er Jahren bei den ‚Großen Drei’ mit Plädoyers, die Bundesrepublik stärker gleichberechtigt zu behandeln. Mit der Ratifizierung der Pariser Verträge im Mai 1955 war dieses Ziel erreicht: Die Bundesrepublik wurde Mitglied der NATO und nahezu souverän. Dass Den Haag in dieser Entwicklung nur eine untergeordnete Rolle spielte und keinen bedeutenden Einfluss ausübte, heißt nicht, dass die Niederlande mit dem Verlauf des Integrationsprozesses der Bundesrepublik in den Westen nicht zufrieden sein konnten.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007