III. Der Marshallplan und die niederländische Einbettung in die Pax Americana

Vor dem Hintergrund der dramatischen Wirtschaftslage ist es nicht verwunderlich, dass die Niederlande besonders positiv auf das amerikanische Angebot vom Juni 1947 reagierten, Europa umfangreich - finanziell wie materiell - beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zu unterstützen. Die Marshallplanhilfe, die ab 1948 nach Europa floss, leistete einen wesentlichen Beitrag zum Durchbruch des niederländischen „Wirtschaftswunders“, das Ende der 40er Jahre begann und die Niederlande in den 50er Jahren zu einem wirtschaftlich sich schnell modernisierenden Land machte. Bis 1973 wuchs die niederländische Wirtschaft jährlich um durchschnittlich 5 %. Es waren ebenso wie in anderen westeuropäischen Ländern ‚die goldenen Jahre‘ des Wachstums und der Arbeitsplätze. Nach einem mühsamen Anfang in den ersten Nachkriegsjahren begann ab 1948 der Aufschwung, der mit einer Amerikanisierung im Denken über Produktion und Konsum einherging.

Die "Stad Vlaardingen" mit Marshall-Kohle 1948
Die "Stad Vlaardingen" mit Marshall-Kohle 1948
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Die amerikanischen Vorstellungen von efficiency, scientific management und human relations waren in der Betriebsführung nicht neu, aber mit der Marshallplanhilfe und der Industrialisierung in den Niederlanden der Nachkriegszeit erhielten sie einen neuen Impuls. Die Niederlande wurden in die Pax Americana aufgenommen. Dies galt zwar für ganz Westeuropa, dennoch ist die These, dass die Niederlande gemeinsam mit der Bundesrepublik zu den Ländern gehörten, die amerikanischen Einflüssen am offensten gegenüberstanden, sicherlich nicht ganz falsch. „You can be like us“, lautete einer der Slogans der Kampagnen, mit denen in den europäischen Ländern für den Marshallplan geworben wurde. Diese Kampagnen in der Öffentlichkeit und das auf dem amerikanischen Modell beruhende Modernisierungsdenken passten genau in den Rahmen, in dem der niederländische Wiederaufbau stattfand: Kapazitätserhöhung, Industrialisierung und Liberalisierung der internationalen Handelsbeziehungen. In großer Übereinstimmung stellten sich die Niederlande hinter die Implikationen des Marshallplans, in dem mit der Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen ab 1947/1948 nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf geistiger sowie außen- und sicherheitspolitischer Ebene viele Linien der Amerikanisierung zusammentrafen.

Sozialdemokratie und Marshallplan

Besonders charakteristisch ist die Haltung der niederländischen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften in diesem Zusammenhang. Bei der Bekanntmachung des Marshallplans war man in diesem Kreis einerseits über die angebotene wirtschaftliche Hilfe erfreut, aber andererseits angesichts der wirtschaftlich-ideologischen Implikationen auch zurückhaltend. Drohte nicht die Gefahr, dass der Kapitalismus nach amerikanischem Muster die Verwirklichung der eigenen Vorstellungen im Hinblick auf wirtschaftliche Planung und soziale Gerechtigkeit erschweren würde? Derartige ambivalente Gefühle verschwanden unter Einfluss des Kalten Krieges allerdings schnell und in der sozialdemokratischen Presse erschienen ab 1948 Artikelserien über die USA, die – mit einem deutlich vorgefassten Ziel – ein positives Bild von Amerika zeichneten. War Roosevelts new deal-Politik der 30er Jahre nicht eine amerikanische sozialdemokratische Variante gewesen? Bot der Marshallplan nicht gute Möglichkeiten, um die eigenen sozialdemokratischen Ziele zu realisieren? Und schließlich konnte man diejenigen, die sich davon nicht überzeugen ließen, auf die zentrale Bedeutung des amerikanischen Beitrags an der deutschen Niederlage und der nicht weniger zentralen Rolle, die die Amerikaner jetzt bei der Abwehr der russischen Gefahr spielten, hinweisen.

Im Herbst 1948 gab die PvdA ein Pamphlet mit dem Titel „Wohnt der Weihnachtsmann in Moskau?“ heraus, das vor allem in Stadtvierteln mit großem kommunistischem Anhang verteilt wurde. Über die Bedeutung des Marshallplans war dort zu lesen: „Der Marshallplan verhilft uns wieder zu Wohlstand. Er hilft uns, wieder stark zu werden. Er macht uns kräftiger und er trägt dazu bei, dass wir uns bald wieder besser verteidigen können, wenn es zu einem russischen Angriff kommen sollte.“ So kommen im Marshallplan verschiedene Linien zusammen, die für die Niederlande in den 50er Jahren charakteristisch waren. Ausgehend von einem breiten politischen Konsens – nur die Kommunisten fielen heraus –, erneuerten sich die Niederlande intern nach amerikanischen Vorbild, nicht so sehr in Form von Imitation oder Kolonisation, sondern – wie der Soziologe Kees Schuyt es umschrieben hat – in Form von Anpassung, Interpretation und Diffusion. Das galt nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Universität und Wissenschaft, die sich nun nicht mehr wie vor dem Krieg an Deutschland orientierten, sondern an den Vereinigten Staaten. Und: nicht zuletzt in der Außenpolitik entwickelten sich die Niederlande zu einem außergewöhnlich loyalen und treuen Bündnispartner Washingtons.

Verknüpft man diesen Rahmen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus mit der Frage nach Bruch oder Kontinuität nach 1945, fällt auf, dass die Einbettung in die Pax Americana zu wichtigen Veränderungen in den Niederlanden führte. Der Marshallplan leistete nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Gesundung, sondern war auch ein wichtiges Glied in der neuen politisch-mentalen Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten, die in der Innenpolitik das Blatt wendete und in der Außenpolitik die frühere Abseitshaltung endgültig beendete.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007