Niederlande nach 1945: Politik und politische Kultur

I. Einführung: “Vor dem Krieg” und “nach dem Krieg”

‘Vor dem Krieg‘ und ‚nach dem Krieg‘ – lange Zeit war dies für viele Niederländer die selbstverständliche Einteilung in der jüngsten niederländischen Geschichte. Die Zeit vor 1940 stand dabei für wirtschaftliche Misere, soziale Gegensätze, innenpolitischen Stillstand und ein Sich-abseits-Halten von den großen Fragen in der Außenpolitik. Die Niederlande, so die Vorstellung, hätten zwar ausgedehnte koloniale und maritime Interessen gehabt, seien aber gleichzeitig ein stark nach innen gerichtetes Land gewesen, das seine konservativen Eigenarten gehegt und gepflegt habe. Im Gegensatz dazu seien die Jahre nach 1945 von beispiellosem Wohlstandswachstum, sozialer Harmonie sowie politischer und wirtschaftlicher Modernisierung geprägt gewesen. So verläuft im historischen Bewusstsein vieler Zeitgenossen eine grundlegende Trennlinie zwischen den Vor- und den Nachkriegsjahren. In diesem Bewusstsein stellten die Jahre 1940 bis 1945 kein Intermezzo innerhalb einer kontinuierlichen historischen Entwicklung dar, sondern einen Bruch zwischen der Welt der Vorkriegszeit mit Stillstand, Konservatismus und Isolation und der von nach 1945 mit ihrer Dynamik, Modernisierung und Offenheit. 

Kontinuität oder Diskontinuität?

Stimmt dieses Geschichtsbild mit den historischen Entwicklungen überein oder geht es hier um eine persönliche Interpretation der Kriegsgeneration, welche die Jahre 1940–1945 vor allem als Zäsur in ihrem eigenen Leben erfuhr? Zeigt sich bei näherer Betrachtung nicht, dass die Strukturen der Vorkriegszeit besonders festgefahren waren und dass in Wirklichkeit nach 1945 eher von einer Fortsetzung der 30er Jahre die Rede sein muss?

Für beide Auffassungen gibt es gute Gründe und sie schließen sich auch gegenseitig nicht aus. Konzentriert man sich auf die versäulten Strukturen in Politik und Gesellschaft und die Entwicklung des Wählerverhaltens, dann fanden die Veränderungen vor allem in der zweiten Hälfte der 60er Jahre statt. Betrachtet man dagegen die Rolle des Staates, die sozialen Verhältnisse, die wirtschaftliche Modernisierung, die Rolle der Sozialdemokratie oder auch die Außenpolitik, dann waren gerade die Jahre des Wiederaufbaus nach 1945 eine Phase grundlegender Veränderungen. Die Antwort auf die Frage nach Kontinuität und Veränderung und damit nach den Zäsuren in der niederländischen Nachkriegsgeschichte wird demnach durch die Perspektive bestimmt, aus der heraus man diese Jahre untersucht. Überblickt man die politischen und politisch-kulturellen Entwicklungen seit 1945, dann ergibt sich eine Einteilung in drei Phasen:

Phase 1: Wiederaufbau im Konsens 1945-1958
Phase 2: Wohlstand, Entsäulung und Polarisierung 1958-1977: die langen sechziger Jahre
Phase 3: Realismus, 'no nonsense' und erneuter Konsens 1977-2002

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007