VIII. Der Hirtenbrief von 1954: Höhepunkt und Anfang vom Ende der Versäulung

In einer Zeit, in der Katholiken und Sozialdemokraten als Koalitionspartner einträchtig dem Wiederaufbau Gestalt gaben, veröffentlichten die niederländischen Bischöfe einen Hirtenbrief, in dem sie die Katholiken ernstlich vor eben diesen Sozialdemokraten warnten. Am 25. Mai 1954 wurden in allen katholischen Kirchen Passagen aus der Schrift „Der Katholik im öffentlichen Leben dieser Zeit“ vorgelesen (nach der Messe konnten die Gläubigen das 50 Seiten umfassende Schriftstück für fl 0,25 hinten in der Kirche kaufen), wobei es den Katholiken bei Strafe der Verweigerung der Heiligen Sakramente und des kirchlichen Begräbnisses verboten wurde, Mitglied in einer sozialdemokratischen Vereinigung oder Gewerkschaft zu werden, regelmäßig Sendungen des sozialdemokratischen Radiosenders VARA zu hören und regelmäßig sozialdemokratisch ausgerichtete Zeitungen zu lesen. Die Mitgliedschaft in der PvdA wurde nicht verboten – so weit wollten die Bischöfe nicht gehen –, aber „unverantwortlich“ genannt. Der Gedanke, die Säulengrenzen zu durchbrechen, wurde allerdings explizit verurteilt: „Wir stellen also fest: ... dass ein ‚Durchbruch’ zur Partij van de Arbeid ein ebenso großer Abbruch für die eigenen katholischen Partei ist.“ In der PvdA sollte sogar eine Lebenseinstellung dominieren, „die nichts von den Grundsätzen und Prinzipien wissen will, die für den Christen heilig sind“. Die Botschaft an die Katholiken in der PvdA war damit klar: Kehr zurück in den Mutterschoß der eigenen Säule. Abgesehen von dieser speziellen Botschaft an die ‚durchgebrochenen‘ Katholiken bezweckte der Hirtenbrief im Allgemeinen eher eine Disziplinierung und eine ideologische Abgrenzung mit dem Ziel, die eigene Säule und die entsprechenden Organisationen (Partei, Gewerkschaft, Rundfunkanstalten, Presse usw.) zu stärken.

Drohendes Abbröckeln der katholischen Machtbasis?

Die Bischöfe hatten offenbar mit Bedauern festgestellt, dass die KVP bei den Wahlen von 1952 der PvdA als stärkster Partei den Vortritt hatte lassen müssen, und fürchteten ein weiteres Abbröckeln der katholischen Eintracht und Macht. Ihre Botschaft passte daher auch gänzlich in die versäulte Struktur: Während an der Spitze der Säulen die Eliten gut zusammenarbeiteten, wurde den einfachen Mitgliedern der eigenen Säule mit schwerem Geschütz verboten, sich mit dem Gedankengut des anderen anzufreunden. Die Trennwände zwischen den Säulen durften vor allem nicht durchlässig werden – deshalb auch die scharfe Verurteilung des Durchbruchs –, da dies die eigene Macht untergraben würde. Der positive Effekt blieb nicht aus: Zwischen 1949 und 1954 hatte die KVP 130 000 Mitglieder verloren (von 400 000 auf 270 000), nach dem Hirtenbrief strömten die Mitglieder wieder herbei (160 000) und 1955 zählte die Partei 430 000 Mitglieder. Bei den Wahlen von 1956 blieb die KVP zwar noch etwas schwächer als die PvdA, aber sie gewann 3 % (von 28,7 auf 31,7 %) und verlor bis zu den Wahlen von 1963 nicht mehr an Boden. Dieses Ergebnis weist einerseits darauf hin, dass die katholische Säulenelite ihren Anhang größtenteils noch in der Hand hatte und dass disziplinierende Versäulungsmechanismen noch gut funktionierten. Auch die katholische Presse war folgsam und stellte sich fast ausnahmslos hinter den bischöflichen Fingerzeig. Andererseits kann von einem Bumerangeffekt gesprochen werden, der die PvdA und den Durchbruchsgedanken gerade stärkte. Die Katholiken in der PvdA, vereint in der Katholischen Arbeitsgemeinschaft der Partei, distanzierten sich Anfang 1955 offiziell von der bischöflichen Intervention. Ein Teil der katholischen Intelligenzia hatte ebenfalls Kritik geäußert und darauf hingewiesen, dass derartige Ermahnungen von einer inzwischen veralteten Autoritätsmentalität zeugten. Solche Reaktionen machten deutlich, dass die Brüche in der katholischen Säule, die die Bischöfe ja gerade kitten wollten, noch offener zutage traten. Dies galt umso mehr, da sich die politisch-gesellschaftliche Diskussion über den Hirtenbrief bis zu den Wahlen von 1956 hinzog – der Historiker Bosscher spricht sogar von der „wichtigsten Frage“ in der Innenpolitik zwischen 1954 und 1956 – und ein Teil der öffentlichen Meinung feststellte, die Bischöfe blickten in Richtung Vergangenheit statt Zukunft. Selbstverständlich ließ die PvdA nicht nach, dies an den Pranger zu stellen, für einen modernen, individuellen Freiheits- und Demokratiebegriff zu plädieren und dadurch den Durchbruchsgedanken offensiv zu verbreiten. Mit Erfolg: In der öffentlichen Debatte wuchs die Kritik an der bischöflichen Ermahnung, die Mitgliederzahl der PvdA wuchs um fast 19 % und was noch wichtiger war: Bei den Wahlen von 1956 gewann sie 4 % hinzu und wurde, noch deutlicher als 1952, stärkste Partei.

Bilanz

Zieht man abschließend eine Bilanz des Hirtenbriefs und dessen Folgeerscheinungen, so ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite wird deutlich, wie sehr das versäulte System in den Niederlanden der 50er Jahre noch verankert war: Die bischöfliche Intervention selbst, die darauf folgende Stärkung der KVP, aber auch die Fortsetzung der pragmatischen Zusammenarbeit von KVP und PvdA in der Regierung – die Verhältnisse im Kabinett blieben kollegial – bildeten einen deutlichen Beweis der noch intakten Versäulung. Auf der anderen Seite trotzten die ‚durchgebrochenen‘ Katholiken in der PvdA dem bischöflichen Schreiben und die Wahlgewinne der PvdA 1956 waren die Antwort der Wähler auf eine als anachronistisch empfundene Botschaft, was gerade darauf hinweist, dass die säulengebundene Disziplin nicht mehr selbstverständlich und deren Ende eingeläutet war.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007