IV. Politische Erneuerung nach 1945

Vorbereitungen während der Besatzungszeit: Das Geisellager in St.Michielsgestel

Während des Kriegs war auf verschiedenen Ebenen und an unterschiedlichen Orten über die politische Struktur der Niederlande nach dem Krieg gesprochen worden. ‚Erneuerung‘ war dabei ein Schlüsselwort, an das hochgespannte Erwartungen geknüpft wurden, wenngleich die Meinungen über dessen Auslegung unterschiedlich waren. Wichtig waren vor allem die Diskussionen im Geisellager im nordbrabantischen St. Michielsgestel (auch unter dem Namen Gestel bekannt), das Anfang Mai 1942 von den Besatzern in dem dafür beschlagnahmten katholischen Internat Beekvliet eingerichtet worden war. Bekannte Niederländer, von denen angenommen wurde, dass sie mit dem Widerstand sympathisierten, wurden festgenommen und in St. Michielsgestel interniert.

Die Besatzer drohten mit der Exekution der Geiseln, um ein Ende der Widerstandsaktionen zu erzwingen. In den ersten Monaten wurden tatsächlich acht Geiseln erschossen, doch die Reaktionen in der niederländischen Bevölkerung und im Lager selbst waren so entrüstet, dass der „Reichskommissar für die besetzten Niederlande“ Arthur Seyß-Inquart danach von weiteren Erschießungen absah. Alles in allem gab es insgesamt 1900 Geiseln, auch wenn so viele niemals gleichzeitig in St. Michielsgestel einsaßen. Anfangs betrug ihre Zahl 1200. Aufgrund der Freilassung verschiedener Kategorien von Gefangenen ging diese Zahl bis September 1944 auf 270 zurück. Die kurz darauf folgende Befreiung des Südens der Niederlande führte anschließend zu ihrer Freilassung.

 A. Seyß-Inquart in Nürnberg 1945/46
A. Seyß-Inquart in Nürnberg 1945/46
© gemeinfrei, Wikipedia, Charles Alexander

Das Ende der Versäulung

Das Geisellager in St. Michielsgestel war deshalb für die Erneuerung nach dem Krieg so bedeutend, da hier ein großer Teil der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Elite der Vor- und Nachkriegszeit kürzere oder längere Zeit gefangen gehalten wurde. Abgesehen von der anfänglich Drohung mit Exekution führten die Geiseln im Vergleich zu anderen Gefangenen in anderen Lagern ein privilegiertes Leben, denn St. Michielsgestel war kein Straf- oder Arbeitslager. Es gab zahlreiche Vorträge, Studiengruppen, Diskussionen, Filmvorführungen und Konzerte. Es diskutierten wichtige Vertreter der niederländischen Elite miteinander über politische und gesellschaftliche Fragen, über Krisenerscheinungen der Vergangenheit und über die Gestaltung der Niederlande nach der Befreiung. Ein Teil der Aktivitäten spielte sich innerhalb der vertrauten Umgebung der eigenen weltanschaulichen Säulen ab, aber charakteristisch für den ‚Geist von Gestel’ war, dass viele mit der früheren ‚Engstirnigkeit’ brechen wollten und auf der Suche nach einer neuen Basis für die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse waren.

So wuchs die gemeinsame Überzeugung, dass die frühere ‚Antithese‘ – der Gegensatz zwischen Christen und Nichtchristen – überkommen werden müsse und dass für eine politische Zusammenarbeit die Parteiprogramme und nicht die religiösen oder weltanschaulichen Grundhaltungen entscheidend sein sollten. Das bedeutete auch, dass die Parteibildung nach dem Krieg auf einer anderen Basis stattfinden und die Vielfalt an politisch-gesellschaftlichen Trennlinien und das sich daraus ergebende Wirrwarr von versäulten Organisationen und Gruppierungen verschwinden müssten. In Gestel wurde damit die Grundlage für die Gründung der Niederländischen Volksbewegung (Nederlandse Volksbeweging, NVB) nach dem Krieg geschaffen, die als Massenbewegung die Erneuerung verbreiten sollte. Ob diese Volksbewegung selbst eine neue Partei sein müsse oder nur ein Sammelbecken, aus dem heraus neue Parteien entstehen sollten, war noch unklar. Auf jeden Fall sollte die Zahl der Parteien durch das Niederreißen der Trennwände zwischen den Säulen stark eingeschränkt werden müssen.

Der misslungene “Durchbruch”

Die Erneuerungspläne von 1945 enthielten vor allem hochgespannte Erwartungen und den Wunsch nach dem Bruch mit der ‚Vorkriegs‘-Politik. Dabei hofften viele, dass die nationale Einheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl, die beide während der Besatzungszeit gestärkt worden waren, auch nach der Befreiung anhalten würden. Die Nederlandse Volksbeweging, die gemäß den Ideen von Gestel im Mai 1945 gegründet wurde und Motor der Veränderungen sein sollte, bekam es allerdings sehr schnell mit der Unausführbarkeit der vagen Erneuerungspläne zu tun. Nachdem der äußere Druck der Kriegs- und Besatzungssituation verschwunden war, Absichtserklärungen nicht mehr ausreichten und politische Entscheidungen getroffen werden mussten, etablierten sich die alten Muster schneller, als viele in ihrem Erneuerungsoptimismus gehofft hatten. Sozialdemokraten und Katholiken, die sich in einer fortschrittlichen neuen politischen Partei hätten finden müssen, waren dafür intern und untereinander zu uneinig und so kehrte 1945–1946 eine Vorkriegspartei nach der anderen auf die politische Bühne zurück. Das galt für die beiden protestantischen Parteien ARP und CHU, für die Katholiken und für die Konservativ-Liberalen.

Die Erneuerung der Sozialdemokratie

Trotzdem schien im Februar 1946 mit der Gründung der Partij van de Arbeid (PvdA) ein Aufbrechen der alten Strukturen möglich. Auf dem Gründungskongress sprachen Vertreter der verschiedensten Richtungen: frühere Prominente der protestantischen, katholischen, linksliberalen und sozialdemokratischen Parteien und Gruppierungen machten mit ihrem Eintritt in die neue Partei deutlich, dass sie die Versäulung durchbrechen wollten und dass die PvdA nicht einfach eine Fortsetzung der Sociaal-Democratische Arbeiderspartij (SDAP) der Vorkriegszeit sein dürfe. Dennoch war klar, dass die Sozialdemokraten bei weitem die größte Gruppe innerhalb der neuen Partei bildeten. Um den Übertritt aus den anderen Säulen in die neue Partei zu vereinfachen, wurden Arbeitsgemeinschaften für verschiedene Weltanschauungen gebildet, in denen Katholiken, Protestanten und Humanisten unter dem gemeinsamen PvdA-Dach ihre Ideen austauschen konnten. Auch die ehemaligen Symbole der SDAP wie die rote Fahne und die Internationale verschwanden im Hintergrund, um das neue Gesicht zu zeigen und den Neulingen den Zugang zu erleichtern.

Die Hoffnung auf einen Durchbruch auch bei den Wählern wurde bei den ersten Nachkriegswahlen im Mai 1946 allerdings grausam zerstört. Man hatte bei Prognosen im Frühjahr 1946 den Stimmenanteil noch bei minimal 35 % angesetzt, die Optimisten sogar bei 40 oder 45 %, und nun blieb die PvdA bei armseligen 28,3 % stecken. Sie musste nicht nur die KVP, die von einem bischöflichen Aufruf an das Kirchenvolk, vor allem der eigenen Partei treu zu bleiben, unterstützt wurde, als größte Partei vorbeiziehen lassen. Der erzielte Prozentsatz war sogar niedriger, als der, den die drei Parteien, die gemeinsam die PvdA gebildet hatten (SDAP, CDU und VDB), bei den letzten Vorkriegswahlen zusammen erreicht hatten. Bei den Wahlen von 1948 verlor die Partei sogar noch mehr an Boden und landete bei 25,6 %, während die KVP ihre dominante Position noch leicht ausbauen konnte. Erst in den 50er Jahren verbuchte die ‚Durchbruchspartei‘ Erfolge. In den Jahren 1952 und 1956 übertraf die PvdA sogar die KVP, obwohl auch diese Ergebnisse hinter den hochgespannten Erwartungen aus dem ersten Nachkriegsjahr zurückblieben. Betrachtet man die Wahlergebnisse aus den Jahren 1946 und 1948, kann der Schluss nicht anders lauten, als dass auf parteipolitischer Ebene von einer Kontinuität mit den Vorkriegsjahren gesprochen werden muss. Wiederherstellung der alten Verhältnisse, nicht Erneuerung, lautet daher auch das Schlüsselwort. Der Krieg schien nicht mehr als ein Intermezzo gewesen zu sein und der ‚Geist von Gestel‘ und die Erneuerungsrhetorik waren schnell vergessen.

Zwischen Restauration und Erneuerung

Dennoch ist es zu einfach, ausschließlich von politischer Restauration zu sprechen. Die wichtigste Neuerung war, dass nach 1945 die Sozialdemokratie definitiv in das politische Machtzentrum eindrang und bis 1958 Regierungsverantwortung trug. Im Gegensatz zu anderen demokratischen Staaten, in denen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Sozialdemokraten längere Zeit an der Regierung beteiligt gewesen waren, hatte die niederländische SDAP erst 1939 in eine Regierung eintreten können. Auch während des Kriegs waren drei SDAP-Minister Teil der in London ansässigen Exilregierung gewesen. Diese Entwicklung war in den 30er Jahren vorbereitet worden, als die SDAP Abstand vom Marxismus nahm, mit keynesianischen Methoden die Wirtschaftskrise bekämpfen wollte, und im Zuge der zunehmenden Kriegsgefahr ihren Aufrüstungswiderstand aufgegeben hatte.

Aufgrund dieser Kursänderung näherten sich Sozialdemokraten und der Arbeiterflügel der katholischen Partei an, was durch gemeinsame Kritik an der liberalen Laissez-faire-Krisenpolitik der damaligen Regierungen noch erleichtert wurde. So gesehen hatte die Regierungsbeteiligung nach 1945 ihre Vorgeschichte in den 30er Jahren, aber die zentrale Stellung, die die PvdA dabei erlangte – sie stellte zwischen 1948 und 1958 mit Dr. Willem Drees sogar den Ministerpräsidenten – war neu. Dass der ‚Geist von Gestel‘ und die Öffnung der Sozialdemokratie für neue Gruppen bei dieser Einnistung im Machtzentrum eine Rolle gespielt haben, liegt auf der Hand. Der angestrebte Durchbruch war missglückt, aber die Selbstverständlichkeit einer sozialdemokratischen Regierungsbeteiligung war ein neues Phänomen in der niederländischen Politik.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007