VIII. Ministerpräsident Drees (1948-1958) und das politische Klima der 1950er Jahre

Untrennbar mit dem Aufbau des niederländischen Sozialstaates verbunden ist der PvdA-Sozialminister und spätere Ministerpräsident Drees, der 1947 ein nach ihm benanntes Notgesetz ins Leben rief, das älteren Menschen ein Minimumeinkommen garantierte. In seiner Zeit als Ministerpräsident (1948–1958) kam 1956 das definitive Allgemeine Rentengesetz (Algemene Ouderdomswet, AOW) zustande, eine Pflichtversicherung für eine allgemeingültige Staatsrente, die auch heute noch Teil der niederländischen Altersversorgung ist. So wurde in den Jahren des Wiederaufbaus der Grundstein zu einem umfassenden System der sozialen Vorsorge gelegt, das im Übrigen erst in den wirtschaftlich erfolgreichen 60er Jahren mit der Einführung des Kindergeldes (1963), dem Sozialhilfegesetz (1965) und dem Gesetz zur Berufsunfähigkeitsversicherung (WAO, 1967) und anderen Gesetzen vollendet wurde. Es ist bemerkenswert, dass die Niederlande in diesen Jahren des kräftigen Ausbaus des Sozialversicherungssystems fast durchweg von konfessionell-liberalen Regierungen ohne sozialdemokratischen Anteil regiert wurden. Dass gerade diese Regierungen – mit Unterstützung der PvdA in der Opposition – das Sicherungsnetz des niederländischen Sozialstaates derartig feinmaschig knüpften, so dass sich die Niederlande gemeinsam mit Schweden zur europäischen Spitze in puncto sozialer Sicherheit entwickelten, verdeutlicht, wie groß der parteiübergreifende Konsens war.

"Vadertje Drees"

Dennoch ist es hauptsächlich der Sozialdemokrat Drees, dessen Name sofort mit dem Aufbau des niederländischen Sozialstaates in Zusammenhang gebracht wird. Seinen Ruf begründete Drees 1947 als Sozialminister mit dem oben genannten Notgesetz. Van Drees trekken (von Drees Stütze beziehen) wurde ein geflügeltes Wort und sprichwörtlich für das neue soziale Sicherheitsdenken der Nachkriegsjahre. Während seiner Zeit als Ministerpräsident konnte Drees auf diesem Ruf aufbauen und eine Form der Führung verkörpern, die einen sozialen, schlichten und nationalen Charakter trug und damit genau in das politische Klima der 50er Jahre passte. Er war ein eingefleischter Parteimann, aber entwickelte sich zu einer ‚nationalen Figur‘ und war auch außerhalb seiner eigenen Partei als Regierungschef unumstritten. Durch seinen sozialen Ruf und seine einfache Lebensweise, in der harte Arbeit und mäßiger Genuss selbstverständlich waren, konnten sich viele mit dieser ‚Vater‘-Figur der 50er Jahre identifizieren. Er personifizierte das nicht parteipolitisch gebundene Wiederaufbaudenken nach dem Motto ‚samen-de-schouders-eronder‘ (Gemeinsam packen wir das an!) und lebte eine neue Form der demokratischen Führung vor. Schon 1947 lobte die liberale Tageszeitung Nieuwe Rotterdamse Courant Drees als „Musterniederländer, wie wir ihn gerne sehen. Nüchtern – common sense – und dennoch nicht ohne Ideale.“ Charakteristisch für Drees’ Stil ist die Anekdote über den Empfang für den amerikanischen Außenminister George Marshall, der 1948 zu Gesprächen über das nach ihm benannte wirtschaftliche Hilfsprogramm für Europa Den Haag besuchte. Der Amerikaner besuchte den niederländischen Ministerpräsidenten zu Hause in seinem einfachen Haager Reihenhaus und bekam von Frau Drees eine Tasse Tee mit einem Keks serviert. „Ein Land, in dem der Ministerpräsident in solch einfachen Verhältnissen lebt“, soll Marshall später gesagt haben, „hat dringend Bedarf an wirtschaftlicher Hilfe.“ Zyniker könnten behaupten, dass Marshalls Reaktion präzise das gewünschte Ergebnis war, aber der bescheidene Empfang war kein durchsichtiger Trick, sondern charakteristisch für den ‚normalen‘ Drees, der genauso bescheiden lebte wie der Durchschnittsniederländer in jenen Jahren. Sucht man nach der Grundlage seiner Popularität, stößt man immer wieder auf Begriffe wie Existenzsicherheit für alle, Gerechtigkeit, Sicherheit, Geborgenheit und Zuverlässigkeit. Der Groninger Historiker Henk te Velde hat mit Recht darauf hingewiesen, dass bei dieser Form des Sozialismus keine Aufregung und kein Chaos in der Ferne lagen, sondern ein breiter Konsens und eine ruhige Existenz für jeden. Vor diesem Hintergrund konnte Drees nach den Entbehrungen von Krieg und Besatzung die nationale ‚Vaterrolle‘ spielen, woran in den wiederaufbauenden Niederlanden auch Bedarf herrschte. Niemals zuvor in der niederländischen Geschichte war ein Ministerpräsident eine derartige nationale und integrierende Persönlichkeit gewesen. Dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat eine solche Rolle spielen konnte, verdeutlicht, welche Veränderungen sich im Vergleich mit den 30er Jahren vollzogen hatten.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007