IX. PHASE 2: Wohlstand, Entsäulung und Polarisierung 1958-1977: die langen sechziger Jahre

Diese Periode ist durch den Ausbau des Wohlstands, der Entsäulung der politischen und gesellschaftlichen Landschaft, Protestbewegungen, Polarisierung, sozialen Spannungen und Reformbestrebungen charakterisiert. Betrachtet man die Regierung Den Uyl (1973–1977) als die ‚Umsetzung‘ der veränderten politischen Kultur der 60er Jahre, dann nahm diese Phase, die man die ‚langen 60er Jahre’ nennen könnte, erst 1977 ein Ende. Zweifellos hatten die Niederlande 1958 ein gänzlich anderes Aussehen als im unruhigen Jahr 1966 und dieses Jahr unterschied sich deutlich von den Jahren Mitte der 70er. Dennoch kann man die Periode 1958–1977 als eine Einheit (inklusive Anlauf- und Auslaufphase) zwischen den Jahren des Wiederaufbaus und dem Pragmatismus der 80er und 90er Jahren ansehen.

Die langen 60er Jahre wurden mit dem Sturz der letzten Regierung Drees 1958 eingeläutet. Nach der wirtschaftlichen Genügsamkeit der Wiederaufbaujahre brach jetzt der Wohlstand aus und der individuelle Konsum stieg auf beispiellose Höhe, vor allem nach den drastischen Lohnerhöhungen der frühen 60er Jahre. Die soziale Harmonie endete, der Streik wurde als Mittel wiederentdeckt und die sozialen Spannungen nahmen wieder zu. Auch in der Politik wuchsen die Gegensätze: Die Entsäulung führte zu einer Neuordnung der politischen Landschaft, die sich hauptsächlich zwischen 1967 und 1972 vollzog. Die konfessionellen Parteien verloren ihre zentrale Machtstellung, neue Parteien wurden gegründet und die Sozialdemokratie formulierte ihre Polarisierungsstrategie, die zu einer linken Mehrheit führen sollte. Obwohl diese Strategie in den 70er Jahren zu Wahlerfolgen führte, blieben die linken Parteien immer weit von einer Mehrheit entfernt. Gemeinsam kamen sie nie weiter als auf gut 40 % der Stimmen. Gewinne und Verluste der linken Parteien gingen immer auf Kosten voneinander, ohne dass der linke Block als Ganzer an Macht gewann. Eine Regierungsbeteiligung linker Parteien in den Niederlanden – und daran hat sich zum heutigen Tag nichts geändert – war nur in Koalitionen mit Parteien aus der politischen Mitte möglich. Im Zuge der Entsäulung wurde in den 60er und 70er Jahren das politische Spektrum kräftig durcheinandergewirbelt und es kam zu einer Zuspitzung der politischen Gegensätze. Von grundlegenden politischen Veränderungen in Struktur und Politik war allerdings nicht die Rede. Zieht man die Bilanz der Politik der Regierung Den Uyl (1973–1977), die Reformen auf ihre Fahnen geschrieben hatten, muss man feststellen, dass diese eher mager ausfällt.

Partizipationsdemokratie

Die Bedeutung der langen 60er Jahre liegt daher auch eher auf politisch-kulturellem Gebiet: Das herrschende Muster der 50er Jahre, dass die versäulten Eliten ihren Einfluss auf die eigene Anhängerschaft noch beinahe unangetastet ausüben konnten, abgelöst wurde von einer politische Kultur der Individualisierung, Emanzipation und Demokratisierung. Charakteristisch für diese Wende in den Niederlanden war, dass heftige Auseinandersetzungen zwischen dem ‚Establishment‘ und auf Erneuerung abzielende Bewegungen ausblieben. Auch die Eliten waren auf der Suche nach Veränderung und suchten eher das Gespräch als die Konfrontation. Diese Entwicklung führte in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zu einer relativ geräuschlosen Integration der Protestbewegungen in Gesellschaft und Politik. So wurden die Niederlande in den langen 60er Jahren ein Land von mündigen Bürgern, die sich nicht mehr von kirchlichen und politischen Autoritäten der eigenen Säule leiten ließen, sondern individuelle Selbstständigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Auch andere Merkmale der ehemaligen Versäulung veränderten sich in ihr Gegenteil: Sachlichkeit und Pragmatismus machten Platz für Ideologisierung und Polarisierung, die Eliteverhandlungen gerieten unter den Druck der Bestrebungen nach Partizipationsdemokratie und die frühere politische Kultur der Geheimhaltung wurde aufgebrochen.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007