I. Einführung

Der vielleicht bekannteste Deutsche, der zwischen 1918 und 1941 in den Niederlanden lebte, war der deutsche Kaiser Wilhelm II., der nach seiner Abdankung Exil in den Niederlanden erhielt. Aber auch für andere Deutsche waren die Niederlande in den  wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg aus verschiedenen Gründen ein attraktives Land. Politisch und wirtschaftlich stabile Verhältnisse, enge Handelskontakte zwischen beiden Ländern, die Nähe zu Deutschland und eine relativ leicht zu erlernende Sprache führten dazu, dass in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Tausende von Deutschen ihr Glück in den Niederlanden suchten. Aufbauend auf einem schon vorhandenen kleinen Netz an deutschen Vereinen, Schulen und Kirchengemeinden entwickelte sich ein reiches kulturelles und wirtschaftliches Leben der Deutschen in den Niederlanden. Die Kontakte zum Gastland waren dabei in der Regel äußerst eng und wurden gut gepflegt (siehe Kapitel II).

In den 30er Jahren änderte sich der Auswanderungsgrund für die meisten der Deutschen, die sich in den Niederlanden niederließen. Es kamen nun vor allem Flüchtlinge, die sich wegen der politischen oder religiösen Verfolgung in Deutschland in Sicherheit zu bringen versuchten. Auch sie beeinflussten in vielfacher Hinsicht das Zusammenleben von Deutschen und Niederländern. Gleichzeitig gingen die Entwicklungen in Deutschland auch an den bereits länger in den Niederlanden lebenden Auslandsdeutschen nicht spurlos vorüber und der Nationalsozialismus warf seine Schatten auch über die Gemeinschaft der Deutschen in den Niederlanden (siehe Kapiel III).

Eine dramatische Veränderung erfuhr das Leben aller Deutschen in den Niederlanden mit der Besetzung des Landes durch die Deutsche Wehrmacht im Mai 1940 und der Installation einer zivilen Besatzungsherrschaft. Die Bandbreite der Reaktionen reichte von jubelnder Begeisterung über unkritisches Abwarten bis hin zu völligem Entsetzen und Todesangst. Die Jahre bis 1945 waren geprägt von immer stärkeren Restriktionen gegenüber der Zivilbevölkerung und der Verfolgung und Deportation der Juden aus den Niederlanden. Beides betraf auch die in den Niederlanden lebenden Deutschen, die sich zudem mit einer wachsenden Feindschaft ihrer Umwelt konfrontiert sahen (siehe Kapiel IV).

Schon seit Jahrhunderten waren saisonale Wanderarbeiter aus Deutschland in die Niederlande gezogen. Im 19. Jahrhundert nutzten Auswanderer oft den Hafen von Rotterdam als Ausgangspunkt ihrer Fahrt in die neue Welt. Doch mit den über 100 000 Deutschen, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oftmals dauerhaft in den Niederlanden ansiedelten, wurde eine neue Qualität der Einwanderung von Deutschen in die Niederlande erreicht. Welche Bedingungen die Neuankömmlinge vorfanden, wie sie ihr Leben in den Niederlanden einrichteten und wie sich ihr Verhältnis zum Land ihrer Herkunft entwickelte, wird Thema dieses Dossiers sein.

Autorin: Dr. Katja Happe
Erstellt: Mai 2008