V. Zwischen Assimilation und Abgrenzung

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Deutscher in den Niederlanden zu leben, bedeutete in einem Land mit ähnlicher Sprache und Kultur zu leben, sich aber dennoch immer wieder mit der eigenen Herkunft und der eigenen Identität auseinandersetzen zu müssen. In dem Spannungsfeld zwischen klischeehaften Zuweisungen und eigenem Selbstverständnis spielten vor allem die politischen Entwicklungen eine entscheidende Rolle. In dem Maße, in dem sich in den 20er, 30er und 40er Jahren der Einfluss Deutschlands auf die in den Niederlanden lebenden Deutschen verstärkte, hatten diese größere Schwierigkeiten, ihre eigene Rolle und ihren eigenen Platz in dem immer schwieriger werdenden Verhältnis zwischen beiden Staaten zu finden.

1944: Deutsche auf der Flucht (Belgien)
1944: Deutsche auf der Flucht (Belgien)
© NA, 141-0008

Während in den 20er Jahren noch jeder so deutsch oder so niederländisch sein konnte und durfte, wie es den eigenen Vorlieben entsprach, änderte sich dies in den 30er Jahren mit den Einflussversuchen der nationalsozialistischen Organisationen und den Tausenden von deutschen Flüchtlingen, die in die Niederlande kamen. Ihr Verhältnis zu Deutschland war einerseits geprägt von ihren aktuellen Erfahrungen der Ausgrenzung und Flucht, andererseits hingen viele sehr stark an ihrem Heimatland und konnten sich nur schlecht an das neue Leben in den Niederlanden anpassen. In den 40er Jahre eskalierte die Situation mit der Besetzung der Niederlande und der Errichtung des nationalsozialistischen Reichskommissariats. Die Flüchtlinge wurden nun aufgrund ihrer deutschen Herkunft mit Misstrauen betrachtet, während sie Todesangst vor einer erneuten Verfolgung hatten und in Lebensgefahr schwebten.

Doch auch für die nicht-jüdischen Deutschen brach eine Zeit an, in der sie sich über ihren eigenen Weg und ihre eigene Identität klar werden mussten: Wie stark passe ich mit den neuen Verhältnissen an oder begrüße sie auch? Oder inwiefern wende ich mich von den politischen Einstellungen meines Heimatlandes ab und orientiere mich an der eher durch die Niederlande geprägten Sichtweise? Für die Deutschen in den Niederlanden bildete dieser Umgang mit den beiden vertrauten Ländern und Kulturen während der Besatzungszeit einen Balanceakt zwischen Assimilation und Abgrenzung.

Mit der Befreiung im Mai 1945 trat wieder eine völlig neue Situation ein. Während die wenigen zurückkehrenden Juden und die aus ihren Verstecken auftauchenden Überlebenden des Holocaust mit der Verarbeitung des Geschehenen und den Problemen der Wiedereingliederung in die Gesellschaft beschäftigt waren (auch hier hatten deutsche Juden, die in die Niederlande zurückkehrten, zum Teil mit Anfeindungen wegen ihrer deutschen Herkunft zu kämpfen), musste sich der Großteil der in den Niederlanden lebenden nicht-jüdischen Deutschen mit dem Stigma des Feindes und Aggressors auseinandersetzen. Während viele der überzeugten Nationalsozialisten noch vor dem Kriegsende zurück nach Deutschland geflohen waren, versuchten viele derjenigen, die schon seit Jahren in den Niederlanden lebten, an ihr Leben vor der Besatzungszeit anzuknüpfen. Nicht allen gelang das, viele wurden im Zuge der „Säuberung“ der niederländischen Gesellschaft von feindlichen Personen nach der Befreiung des Landes aus den Niederlanden ausgewiesen. Ihr Verhalten und ihre Einstellungen während der Besatzungszeit spielten dabei nicht immer eine entscheidende Rolle. Zunächst wurden aus politischen Überlegungen heraus viele Deutsche ausgewiesen. Nur wenige konnten mit Hilfe von Freunden ihre kritische Haltung zum Nazi-Regime belegen und erhielten eine weitere Aufenthaltsgenehmigung für die Niederlande.

Autorin: Dr. Katja Happe
Erstellt: Mai 2008