II. Die Niederlande im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg gehörten die Niederlande zu den europäischen Staaten, die von Kampfhandlungen nicht unmittelbar betroffen waren. Zwar hatte der sogenannte „Schlieffen-Plan“, der den militärischen Operationen des Deutschen Reiches zugrunde lag, in seiner ursprünglichen Fassung den Marsch deutscher Truppen durch die niederländische Provinz Limburg Richtung Belgien und Frankreich vorgesehen, aber dieser Plan war 1909 abgeändert worden. Nun wollte man auf die Verletzung niederländischen Gebietes verzichten. Nachdem Deutschland am 2. August 1914 die niederländische Neutralität garantiert hatte, zog die Regierung den Vorschlag einer engeren militärischen Zusammenarbeit mit Belgien zurück, zu dem man sich während der Juli-Krise unmittelbar vor Kriegsbeginn bereit gefunden hatte. Überlegungen im Oktober 1914, sich angesichts der deutschen Anfangserfolge in Belgien doch den Entente-Mächten anzuschließen, fanden im Kabinett keine Mehrheit.

Erst im Frühjahr 1918 drohte noch einmal eine Eskalation, als die deutsche Oberste Heeresleitung forderte, Truppentransporte über Roermond und die Stationierung deutscher Geschützbatterien in den Niederlanden zuzulassen. Die Reichsregierung konnte sich diesem Ansinnen aber mit Unterstützung Kaiser Wilhelms II. („Holland ist in Ruhe zu lassen“) erfolgreich widersetzen. Zu Beginn des Krieges hatte außerdem kurzzeitig die Gefahr einer britischen Intervention in den Niederlanden bestanden, um die Wasserwege nach Belgien zu sichern, aber letztlich respektierten auch die Engländer die niederländische Neutralität.

Zwar verfügten die Niederlande seit 1910 über einen umfassenden Plan zur Land- und Seeverteidigung und mobilisierten nach der österreichischen Kriegserklärung an Serbien Ende Juli 1914 ihre Truppen, aber der Invasion einer Großmacht hätte sich das kleine Land auf keinen Fall widersetzen können. Dass es dazu vier Jahre lang nicht kam, lag daran, dass sowohl Deutschland als auch Großbritannien aus der Neutralität der Niederlande Vorteile zogen.

Auch wenn die Niederlande von Kampfhandlungen verschont blieben, war das Land doch vom Ersten Weltkrieg in vielfältiger Weise betroffen. Die Sympathien der Regierung waren geteilt ― der liberale Ministerpräsident Cort van der Linden galt als pro-deutsch, Teile des Kabinetts als pro-britisch ―, ebenso die der Bevölkerung. Traditionell engen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Deutschland sowie Kritik an der britischen Blockadepolitik stand die Empörung über die deutsche Politik in Belgien gegenüber, die zu einer großen Flüchtlingswelle führte. Zeitweise unterstützten die Niederländer mehrere hunderttausend belgische Flüchtlinge auf ihrem Territorium.

Wirtschaftliche Folgen

Als weltoffene Handelsmacht litten die Niederlande besonders unter den Einschränkungen des internationalen wirtschaftlichen Austauschs, die der Krieg mit sich brachte. Die Verbindungen nach Südostasien waren ganz unterbrochen, was zu einer dauerhaften wirtschaftlichen Umorientierung der Kolonien auf Japan und die USA führte. Großbritannien blockierte die Nordsee, um Deutschland den Nachschub abzuschneiden. Für die Niederlande bedeutete dies die weitgehende Stillegung des Durchfuhrhandels und starke Beschränkungen beim Export nach Deutschland. Bis 1918 sank in den wichtigsten niederländischen Häfen Rotterdam und Amsterdam die Zahl der einlaufenden Schiffe im Vergleich zur Vorkriegszeit auf rund ein Zehntel.

Um den alliierten Forderungen strikter Kontrolle von Ein- und Ausfuhr Genüge zu tun, zugleich aber gegenüber Deutschland politisch Neutralität wahren zu können, wurde im November 1914 die Nederlandsche Overzee Trustmaatschappij (NOT) gegründet, in der sich Banken, Handelshäuser und Reedereien zusammenschlossen. Ihr trat im September 1917 nach der Verschärfung des U-Boot-Krieges und dem amerikanischen Kriegseintritt die Nederlandsche Uitvoermaatschappij (NUM) zur Seite. Die beiden Vereinigungen hatten privatrechtlichen Charakter, um die Regierung nicht zu kompromittieren, bestimmten aber bis Kriegsende die niederländische Wirtschaftspolitik.

Hatten in den Anfangsjahren Teile der niederländischen Wirtschaft durch den Wegfall internationaler Konkurrenz vom Krieg noch profitiert, was sich am realen Anstieg des Bruttosozialprodukts ablesen ließ, verschärfte sich im letzten Kriegsjahr die Lage dramatisch. Brennstoff und Lebensmittel mussten rationiert werden. Nun spürte man auch hier wirtschaftliche Einschränkungen und Versorgungsmängel im Alltagsleben. Darunter hatten besonders die wenig begüterten Schichten der Bevölkerung zu leiden, da ihnen der Weg auf die entstehenden Schwarzmärkte verschlossen war. Die Kluft zwischen Reichen und Armen wuchs. Diese Entwicklung bereitete den Boden für soziale Unruhen. Das Gefühl nationaler Einheit, das die Niederländer 1914 ähnlich wie in den kriegführenden Staaten beseelt hatte, schwand. Der politische „Gottesfrieden“, den der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Pieter Jelles Troelstra nach Kriegsbeginn der Regierung angeboten hatte, geriet zunehmend ins Wanken.

Politische Reformen

Zu einer politischen Krise oder gar einer Revolution kam es in den Niederlanden aber nicht. 1917 wurden umfassende Verfassungsreformen eingeleitet, die zwei tiefgehende innenpolitische Konflikte aus dem 19. Jahrhundert lösten. Mit der Einführung des allgemeinen (Männer)wahlrechts wurde zunächst eine der wichtigsten Forderungen der Sozialdemokraten verwirklicht. Gleichzeitig fand man für den seit Jahrzehnten schwelenden Schulstreit zwischen den Konfessionellen auf der einen und Liberalen bzw. Arbeitervertretern auf der anderen Seite einen Kompromiss, der zukünftig staatliche und konfessionelle Schulen finanziell gleichstellen sollte und damit weitgehend die Forderungen der konfessionellen Parteien erfüllte.

Mit diesem Akt der „Befriedung“ waren unter dem Druck der äußeren Verhältnisse zwei grundlegende Streitfragen im Konsens entschieden. Während sich in anderen Ländern, namentlich Russland und Deutschland, im Lauf des Krieges das revolutionäre Potential weiter aufstaute, bis es 1917 bzw. 1918 zum Ausbruch kam, wurde in den Niederlanden die drohende innere Krise rechtzeitig entschärft und die politische Modernisierung auf evolutionärem Weg erreicht. Der Versuch Troelstras, angestachelt durch die Ereignisse in Deutschland und Fehleinschätzungen kleinerer Zwischenfälle in den Niederlanden, auch dort am 12. November 1918 im Parlament die Revolution auszurufen, lief ins Leere und ging als peinlicher „Irrtum Troelstras“ in die Geschichte ein. Die Massen, die sich am 18. November auf dem Malieveld in Den Haag versammelten, wollten nicht die Regierung stürzen, sondern bejubelten die Königin.

Die Niederlanden hatten den Ersten Weltkrieg unbeschadet und in mancher Hinsicht sogar politisch und wirtschaftlich gestärkt überstanden. Eine letzte außenpolitische Krise, die durch den Rückzug unbewaffneter deutscher Truppen über Limburg und die Flucht Kaiser Wilhelms II. über die Grenze ausgelöst wurde, konnte ebenfalls zur allgemeinen Zufriedenheit beigelegt werden. Wilhelm akzeptierte einen Landsitz bei Doorn als Exil und strenge Auflagen der Regierung, und die Alliierten verzichteten darauf, seine Auslieferung durchzusetzen. Schließlich gelang es durch geschickte Diplomatie auch, belgische Forderungen nach Gebietsabtretungen in Limburg und Kontrolle über die Scheldemün¬dung abzuwehren, die die Belgier im Rahmen der Versailler Friedensverhandlungen durchsetzen wollten, um ihre strategische Position zu verbessern.

AutorDr. Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2008