Königin Wilhelmina Porträt von 1898
Königin Wilhelmina Porträt von 1898
© Public Domain, Pieter de Josselin de Jong

Die Geschichte der Niederlande 1914-1940: I. Einführung

Zwischen 1914 und 1940 erlebten die Menschen in Deutschland drei verschiedene politische Systeme ― Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus ― , dazu den Ersten Weltkrieg mit Millionen von Toten, die Revolution von 1918, die Hyperinflation von 1923 sowie schließlich die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Auch viele andere europäische Staaten waren von Krieg, politischen Umbrüchen und Krisen betroffen. Im Vergleich dazu erschienen die Niederlande in diesem Zeitraum geradezu als ein ruhender Pol. Die ungewöhnliche Stabilität der Verhältnisse symbolisierte Königin Wilhelmina, die seit 1898 regierte und den Thron erst 1948 an ihre Tochter Juliana weitergeben sollte.

In vieler Hinsicht erschien in den Niederlanden die Zwischenkriegszeit eher als eine Fortsetzung des 19. Jahrhunderts. Das politische System und die Parteienlandschaft entwickelten sich ohne größere Verwerfungen durch Reformen weiter, die im Konsens erzielt wurden. Der Charakter der Gesellschaft war geprägt durch vier streng geschiedene weltanschauliche „Säulen“, deren Ursprünge vor 1900 zurückreichten. Ihre Repräsentanten neutralisierten potentielle Konflikte durch Zusammenarbeit an der Spitze.

Außenpolitisch wurde der gesamte Zeitraum durch eine Haltung strikter Neutralität und Bündnisfreiheit bestimmt. Als friedliche Handels- und Kolonialmacht hoben sich die Niederlande ihrem Selbstverständnis nach positiv von anderen Staaten ab. Auch in kultureller Hinsicht herrschte die Vorstellung niederländischer Eigenständigkeit und eines spezifisch bürgerlichen, ausgeglichenen Nationalcharakters. Um so größer war dann im Mai 1940 der Schock des deutschen Einmarsches, der nach dem Kriegsbeginn im September 1939 mit neun Monaten Verzögerung auch für die Niederlande die Zwischenkriegszeit zum Abschluss brachte.

Autor: Dr. Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2008