III. Die konfessionelle Koalition an der Macht: Die Niederlande in den 1920er Jahren

Nach dem Ende des Krieges konnte man in den Niederlanden innenpolitisch auf den Reformen von 1917 aufbauen. Trotz fortdauernder Bedenken von konservativer Seite wurde auch für Frauen das Wahlrecht eingeführt, und 1922 ging man zum Verhältniswahlrecht über. Die Veränderungen stärkten den Einfluss der Parteien im politischen Leben. Die Protestanten wurden durch die Christlich-Historische Union (CHU) und die Antirevolutionäre Partei (ARP) sowie kleinere Parteien vertreten. Die Katholiken, deren fortgesetzter Aufstieg zu politischer Gleichberechtigung im September 1918 seinen Ausdruck in der Ernennung des prominenten Limburger Politikers C. J. M. Ruys de Beerenbrouck zum ersten katholischen Ministerpräsidenten gefunden hatte, sammelten sich 1926 in der Römisch-Katholischen Staatspartei (RKSP).

Auf der Seite der Arbeiterschaft hatte sich bereits 1909 eine kleine Gruppe Linksradikaler abgespalten, die sich Ende 1918 offiziell als niederländische Kommunistische Partei (CPH bzw. CPN) formierte, aber hier blieb die sozialdemokratische SDAP politisch beherrschend. Sie stieg zur zweitstärksten politischen Kraft im Land auf, galt aber im bürgerlichen Lager nach dem „Irrtum Troelstras“ vermehrt als politisch unzuverlässig und wurde an den Koalitionsregierungen der Zwischenkriegszeit bis 1939 nicht beteiligt. Lediglich die Liberalen, neben den Protestanten die wichtigste Kraft im 19. Jahrhundert, verloren im Lauf der zwanziger und dreißiger Jahre politisch an Bedeutung.

„Säulen“ der Politik und Gesellschaft

Die hier beschriebenen vier weltanschaulichen Gruppierungen oder „Säulen“ ― Protestanten, Katholiken, Arbeiterschaft und bürgerliche Liberale ― lebten auf engem Raum, aber im alltäglichen Leben voneinander geschieden. Der Trend zur Abschottung verschärfte sich nach dem Ersten Weltkrieg und erfasste in den Niederlanden alle Lebensbereiche so weitgehend wie in kaum einem anderen Land. Die Menschen wurden innerhalb ihrer Säule nicht nur politisch durch eigene Parteien und Gewerkschaften vertreten, sondern es gab jeweils eine separate Vereinskultur für den Freizeitbereich sowie eigene Zeitungen und Zeitschriften. Als in den zwanziger Jahren mit dem Radio ein neues Medium aufkam, entstand in den Niederlanden kein einheitlicher nationaler Rundfunk, sondern die Sendezeiten wurden zwischen weltanschaulich gebundenen Programmgesellschaften (KRO - Katholiken, VARA - Arbeiter, NCRV und VPRO - Protestanten, AVRO - Liberale) aufgeteilt. Im Bereich höherer Bildung entstand nach der protestantisch-reformierten Freien Universität in Amsterdam von 1880 im Jahr 1923 mit der Katholischen Universität in Nimwegen eine weitere „versäulte“ Ausbildungsstätte.

Zwar lässt die Vorstellung von vier strikt voneinander getrennten weltanschaulichen Säulen die unterschiedliche Geschlossenheit innerhalb der Säulen, die schleichende Entkirchlichung im konfessionellen Bereich, regionale Besonderheiten oder kleinere Minderheiten wie etwa die Juden außer Betracht und sollte deshalb nicht verabsolutiert werden. Gerade für die Zwischenkriegszeit sind Grundzüge von Politik und Gesellschaft der Niederlande aber ohne das Säulenmodell kaum zu verstehen.

Zwischen 1918 und 1940 erhielten die RKSP bzw. ihre Vorgänger als größte Gruppierung jeweils um die 30 Prozent der Stimmen. Die protestantischen ARP und CHU kamen zusammen auf durchschnittlich rund 22 Prozent. Die SDAP schwankte zwischen 20 und 24 Prozent ― ein für sie nach der Einführung des Verhältniswahlrechts enttäuschendes Ergebnis. Die Kommunisten erreichten 2-3 Prozent. Die Liberalen sanken von rund 20 Prozent 1918 bis 1937 auf 10 Prozent ab. Insgesamt war das niederländische Parteiensystem aber fragmentierter als hier angedeutet: So nahmen 1933 an den Wahlen insgesamt 54 verschiedene Parteien teil, und 14 davon gelang der Sprung ins Parlament.

Die strikte Trennung in unterschiedliche weltanschauliche Lager hätte eine Quelle ständiger innerer Unruhe und politischer Konflikte sein können, zumal die Sozialdemokraten politisch ausgegrenzt blieben und auch die Katholiken von echter gesellschaftlicher Anerkennung noch entfernt waren. Zudem gehörte eine große Zahl von Katholiken in den südlichen Provinzen zu den sozial und wirtschaftlich benachteiligten Gruppen. Dennoch zeichnete sich das niederländische System durch Stabilität aus, da die führenden Vertreter der christlich-bürgerlichen Parteien jenseits ihrer ideologischen Differenzen in Sachfragen politisch zusammenarbeiteten. Von 1918 bis 1933 stellten die konfessionellen Parteien allein die Regierung, wobei das Amt des Ministerpräsidenten zwischen RKSP, CHU und ARP wechselte. Überlegungen zu möglichen Koalitionen zwischen Katholiken und Liberalen wurden in den zwanziger Jahren nicht verwirklicht. Erst ab 1933 verbreiterte sich die parlamentarische Grundlage der Regierung durch die Beteiligung liberaler Parteien.

Von 1918 bis 1925 amtierte der Katholik C. M. J. Ruys de Beerenbrouck als Ministerpräsident. Neben den bereits erwähnten Wahlrechtsreformen gehörten zu den Leistungen seiner Regierung eine Bildungsreform und die Gründung eines eigenen Ministeriums für Bildung und Wissenschaften. Ebenfalls neu geschaffen wurde das Arbeitsministerium, das von dem katholischen Minister P. J. M. Aalberse geleitet wurde. Er setzte, teilweise gegen Kritik in den eigenen Reihen, wichtige Sozialreformen durch. Bereits 1917 war eine Arbeitslosenversicherung geschaffen worden. Nun führte ein neues Arbeitsgesetz 1919 den Acht-Stunden-Tag für Fabrikarbeiter und Angestellte ein (1922 wieder auf achteinhalb Stunden erhöht). Hinzu kamen neue Renten-, Unfall- und Invalidenregelungen sowie die Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus.

Modernisierung von Wirtschaft und Infrastruktur

Ökonomisch hatten sich die Niederlande nach 1918 zunächst in einer günstigen Position befunden. Eine Umstellung von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft wie in den Nachbarländern war nicht erforderlich, Zerstörungen von Produktionsstätten hatte es ebenfalls nicht gegeben, und selbst die Schifffahrt hatte den Krieg relativ unbeschadet überstanden. Das Grundprinzip einer liberalen Wirtschaftspolitik mit möglichst wenig staatlicher Einmischung wurde beibehalten. Konzepte einer staatsnahen, korporatistischen Wirtschaftsordnung, wie sie in katholischen Kreisen diskutiert wurden, oder gar sozialdemokratische Vorstellungen von Sozialisierungen blieben politisch ohne Einfluss. Statt dessen dominierten von den Entwicklungen in den USA inspirierte Trends der Produktivitätssteigerung und Rationalisierung und eines wissenschaftlich-technisch begründeten Fortschritts. Besonders der industrielle Sektor wuchs, und es entstanden bedeutende Konzerne u.a. im Montan- und Chemiebereich, aber auch in dem traditionell beherrschenden ökonomischen Sektor der Landwirtschaft kam es zu einem Modernisierungsschub.

Allerdings war der Boom der unmittelbaren Nachkriegszeit schon Ende 1920 beendet, was mit internationalen Entwicklungen, darunter nicht zuletzt mit der schwierigen Situation des Handelspartners Deutschland, zusammenhing. Die Lage besserte sich noch einmal von 1925 bis 1929, ehe auch die Niederlande in den Sog der Weltwirtschaftskrise gerieten. Immerhin hielt man aber trotz der finanziell angespannten Situation während der zwanziger Jahre an Infrastrukturmaßnahmen fest, die vielfach über das hinausgingen, was gleichzeitig in anderen europäischen Ländern geschah: Es entstanden zahlreiche neue Kanäle, Brücken, Autostraßen und Bahnlinien sowie Kommunikationsverbindungen.

Am eindrucksvollsten war zweifellos der nach langen Diskussionen 1918 beschlossene Bau des Abschlussdeiches und die Einpolderung der Zuiderzee, des heutigen Ijsselmeeres. Die Bauarbeiten begannen 1927 und fanden Ende Mai 1932 ihr Ende, als die letzte Lücke im Deich geschlossen wurde. Danach begann man mit der Trockenlegung der Polder. Der Deich und die Polder verhießen Schutz vor Überschwemmungen, eine bessere Qualität der umliegenden Böden und neues Land für Ackerbau und Siedlungen. Ein stetiges Bevölkerungswachstum und ein spürbarer Trend zur Verstädterung machten solche Infrastrukturverbesserungen dringend erforderlich.

Regierung und Politik in den zwanziger Jahren

Angesichts der zusätzlichen finanziellen Belastungen des Staates überrascht es nicht, dass die Politik des zweiten Kabinetts Ruys de Beerenbrouck, das nach einem überzeugenden Wahlsieg im Herbst 1922 seine Arbeit aufnahm, bereits im Zeichen von einschneidenden Sparmaßnahmen stand. Probleme der Finanzierung, aber auch ideologische Gegensätze über die Notwendigkeit militärischer Macht zur Verteidigung niederländischer Interessen in Europa und in Übersee sorgten bereits im Oktober 1923 für eine handfeste Regierungskrise, als das Flottengesetz im Parlament scheiterte. Nur mangels politischer Alternativen konnte Ruys danach noch im Amt bleiben.

Nach den folgenden Wahlen übernahm 1925 erstmals Hendrik Colijn von der ARP das Amt des Ministerpräsidenten, der bereits seit Jahren für höchste politische Ämter im Gespräch war und als “starker Mann” der Niederlande die Politik bis zum Zweiten Weltkrieg beherrschen sollte. Colijn hatte zunächst Karriere im Militär in Niederländisch-Indien gemacht und war nach seiner Rückkehr 1911 Kriegsminister geworden. Danach übernahm er für mehrere Jahre einen Direktorenposten in der niederländischen Ölindustrie und lebte in London. Nach seiner Rückkehr war er 1923 Finanzminister geworden und hatte sich energisch für einen ausgeglichenen Haushalt eingesetzt.

Colijns erstem eigenen Kabinett war allerdings kein langes Leben beschieden: Eine Koalitionskrise um die niederländische Gesandtschaft beim Vatikan, die im Ersten Weltkrieg kurzfristig eingerichtet worden war und deren Fortbestand bzw. die darin zum Ausdruck kommende Anerkennung des Papstes seit Kriegsende zwischen den Katholiken und der CHU heiss umstritten war, führte im November 1925 zum Bruch. Ihm folgte ein Interimskabinett ohne parlamentarische Mehrheit unter dem ehemaligen Finanzminister Dirk Jan de Geer von der CHU, das angesichts verbesserter Wirtschaftsdaten immerhin einige der harten Sparmaßnahmen wieder zurücknehmen konnte und bis 1929 im Amt blieb.

Die Konflikte um den Ausbau der Flotte, die Gesandtschaft beim Vatikan oder auch die provokative Forderung der CHU, die Katholiken sollten anerkennen, dass die Niederlande „eine protestantische Nation“ seien, belegen, dass die politische Zusammenarbeit an der Spitze der konfessionellen „Säulen“ keineswegs reibungslos funktionierte. Politische Absprachen wurden im Lauf der zwanziger Jahre schwieriger, und die letzten Kabinette waren im Grunde Verlegenheitslösungen gewesen, denen oft monatelange Verhandlungen vorausgegangen waren. Der Elan der reformorientierten Jahre 1917-1919 war verflogen. Statt dessen traten grundlegende Meinungsunterschiede über Staat und Gesellschaft an die Oberfläche, und die niederländische Regierung wirkte oft wenig handlungsstark.

Die Zukunft Niederländisch-Indiens

So unterschiedlich die Haltung der bürgerlich-konfessionellen Parteien in vielen innenpolitischen Fragen auch gewesen sein mag ― über die politische und moralische Rechtmäßigkeit des niederländischen Kolonialreiches, insbesondere des riesigen Besitzes in Südostasien, bestand Einigkeit. Niederländisch-Indien, das seit 1922 von der dortigen Unabhängigkeitsbewegung Indonesien genannt wurde, war für alle Parteien und die große Mehrheit der Bevölkerung genauso niederländisches Territorium wie Friesland oder Limburg. Selbst die SDAP hielt eine kurzfristige Entlassung in die Unabhängigkeit nicht für wünschenswert. Einem durchaus vorhandenen Respekt vor dem Wert der einheimischen kulturellen Traditionen stand die Überzeugung gegenüber, dass das Land für seinen Weg in die Moderne westlicher Führung bedurfte und dass die Niederlande hier in der Verantwortung standen. Am Ende der Entwicklung sollte nicht ein unabhängiges Indonesien stehen, sondern ein „emanzipierter“ gleichwertiger asiatischer Teil des Königreiches, in dem die verschiedenen Volksgruppen friedlich zusammenlebten.

Diese Vorstellung einer „ethische Politik“ hatte die niederländische Haltung in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg geprägt und galt auch noch in der Nachkriegszeit. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Postulats vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ gewannen aber nun nationalistische Strömungen, deren Wurzeln ebenfalls vor 1914 zurückreichten, an Einfluss. Die wichtigsten waren islamischer bzw. kommunistischer Natur. Noch während des Krieges hatten die Niederlande auf lokaler und regionaler Ebene der Einrichtung von Verwaltungsräten zugestimmt, und im Mai 1918 trat auf Landesebene erstmals der neu geschaffene Volksrat, eine Art Vorparlament mit begrenzten Befugnissen und einer Mehrheit europäischer Mitglieder, zusammen.

Unter dem Eindruck der Revolutionen in Europa Ende 1918 stellte die niederländische Regierung den Indonesiern eine spürbare Aufwertung des Volksrates in Aussicht, aber die schließlich 1925 beschlossene und 1928 noch einmal umgestaltete Regelung enttäuschte die Hoffnungen auf größere Selbstbestimmung. Konservative kritisierten dagegen die Regierungspolitik bereits als zu nachgiebig gegenüber dem einheimischen Nationalismus. Intellektuelle Hochburgen der „ethischen Politik“ wie die Indologische Fakultät der Reichsuniversität Leiden, die traditionell für die Ausbildung der Kolonialbeamten zuständig war, wurden von ihnen mit Misstrauen betrachtet.

Die politische Herausforderung durch die nationalistischen Strömungen spaltete aber auch die Gesellschaft vor Ort. Dabei standen sich nicht nur Europäer und Einheimische zunehmend unversöhnlicher gegenüber, sondern innerhalb der Volksgruppen selbst gab es ebenfalls Auseinandersetzungen über die richtige Politik. Um die Jahreswende 1926/27 kam es zu größeren kommunistischen Aufständen in West-Java und West-Sumatra, die mit Härte niedergeschlagen wurden. Die kommunistische Partei wurde verboten. An ihre Stelle trat für einige Jahre die Nationale Partei Indonesiens unter der Führung Sukarnos, des späteren Staatspräsidenten Indonesiens. Er wurde 1929 verhaftet und für zwei Jahre interniert. Die Spannungen zwischen der Kolonialmacht und den Nationalisten blieben danach bestehen, zumal auch die Kolonie unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise und des zurückgehenden internationalen Handels zu leiden hatte. Zu neuen spektakulären Aufständen kam es in den dreißiger Jahren aber nicht mehr.

Außenpolitische Selbständigkeit in Europa

Außenpolitisch hatte der Krieg die pazifistischen und neutralistischen Tendenzen in den Niederlanden eher noch gestärkt. Die Regierung war an stabilen Verhältnissen in Europa interessiert und betrachtete deshalb die Stärkung Frankreichs und die Schwächung Deutschland durch den Versailler Vertrag mit Misstrauen. Man hielt daran fest, dass Konflikte mit rechtlichen und nicht militärischen Mitteln zu lösen seien, lockerte aber die bisherige Haltung außenpolitischer Abstinenz zugunsten einer aktiveren Diplomatie und einer übergeordneten politischen Zielen gehorchenden Außenwirtschaftspolitik. An die Stelle der klassischen Neutralitätspolitik trat die von Außenminister van Karnebeek proklamierte „Selbständigkeitspolitik“.

1920 traten die Niederlande dem neu gegründeten Völkerbund in Genf bei, und 1922 gelang sogar die Ansiedlung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. Auch die Initiativen für einen europäischen Ausgleich stießen auf Zustimmung, aber von den verschiedenen Bündnis- und Vertragssystemen der Nachkriegszeit hielten die Niederlande sich fern. Eine Ausnahme bildete hier nur der Kelloggpakt über die Ächtung des Krieges, dem man 1929 beitrat. Ein Versuch, wenigstens die gespannten Beziehungen zu Belgien vertraglich zu regeln, scheiterte 1927 in der Ersten Kammer des Parlaments und am breiten öffentlichen Widerstand.

Grundzüge von Kunst und Kultur

Kulturell lassen sich in den 1920er und 1930er Jahren in den Niederlanden angesichts der Aufteilung in die unterschiedlichen Säulen übergeordnete Trends schwer herausstellen. Die Jahre um 1900 waren besonders lebendig gewesen: In Literatur, Malerei und Architektur suchte man nach neuen, häufig symbolistischen Ausdrucksformen. Das Bewusstsein für Schönheit und vor allem der Optimismus, der den verschiedenen innovativen Stilrichtungen zugrunde lag und sich von dem Geist des Fin-de-siècle in anderen europäischen Ländern abhob, wurden durch den Ersten Weltkrieg abrupt zerstört.

Nach 1918 ging es in der niederländischen Kunst stärker um „Objektivität“, Nüchternheit und die Funktionalität von Formen und Farben. Für sie stehen die 1917 gegründete Zeitschrift „De Stijl“ und Namen wie Theo van Doesburg und Piet Mondriaan oder der Architekt Hendrik Berlage. Auch in der Weiterentwicklung der Literatur spielten neue Zeitschriften wie „De Stem“ oder „Forum“ eine wichtige Rolle. Die Vertreter der „neuen Sachlichkeit“ wandten sich von der Innerlichkeit der Werke ihrer Vorgänger inhaltlich und stilistisch ab. Für viele Schriftsteller traten nun gesellschaftliche Probleme der Gegenwart in den Vordergrund.

Das niederländische Kulturleben der Zwischenkriegszeit wurde aber keineswegs ganz von den verschiedenen modernen Konzepten in Kunst und Literatur beherrscht. Traditionelle Foren wie die Zeitschrift „De Gids“, die seit 1837 erschien, öffneten sich ihnen nur zögernd, und gleichzeitig wuchs auch das Interesse an klassischer niederländischer Nationalkultur. Dies kam in der Begeisterung für Vertreter der Hochkultur wie den Dichter Joost van den Vondel oder den Maler Rembrandt, beide nicht zufällig aus dem idealisierten „glorreichen“ 17. Jahrhundert, ebenso zum Ausdruck wie in der intensivierten Erforschung niederländischer Dialekte, Volkslieder, Bauernhäuser und anderer Formen der Volkskultur.

Angesichts der Fragmentierung der Gesellschaft im Inneren und der als Bedrohung empfundenen autoritären Strömungen in Europa ging es um Einheit und Eigenständigkeit niederländischer Kultur ― „Nederlands geestesmerk“, wie es der prominente Historiker Johan Huizinga in einem Vortrag über nationale Einheit 1934 formulierte. Zugleich betonte man zunehmend die kulturelle Verbundenheit mit Flandern. Sie fand ihren Ausdruck z.B. in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung in der „großniederländischen“ Richtung des Historikers Pieter Geyl.

Wissenschaft und Forschung

Wissenschaftlich stellte die Zwischenkriegszeit in den Niederlanden in vielen Fachgebieten eine Blütezeit dar, obwohl sich der Sparkurs der Regierung auch hier bemerkbar machte und der Ausbau der Hochschulen trotz steigender Studentenzahlen ins Stocken geriet. Dabei waren es weniger breite wissenschaftliche Strömungen, auf die sich der internationale Ruhm gründete, sondern herausragende Einzelleistungen: Der Leidener Historiker Johan Huizinga, der mit seinem Hauptwerk „Herbst des Mittelalters“ (1919) sowie Büchern wie „Erasmus“ (1924) oder „Homo Ludens“ (1938) seinen internationalen Ruf als einer der wichtigsten Vertreter moderner Kulturgeschichtsschreibung begründete und in den zwanziger und dreißiger Jahren Vorträge in ganz Europa hielt, wurde bereits erwähnt. International anerkannt waren auch der Leidener Völkerrechtler Cornelis van Vollenhoven oder der Amsterdamer Mathematiker und Philosoph L. E. J. Brouwer.

In den Naturwissenschaften lehrten Kapazitäten wie Hendrik A. Lorentz, Pieter Zeeman, Johannes Diderik van der Waals und Heike Kamerlingh Onnes, alle bereits vor dem Krieg mit Nobelpreisen ausgezeichnet. Nach 1918 gingen weitere Nobelpreise in den Naturwissenschaften u.a. an den Leidener Physiologen Willem Einthoven, den Utrechter Mediziner Christiaan Eijkman und den Chemiker Peter Debije. Internationalen Trends folgend, öffneten sich auch in den Niederlanden in der Zwischenkriegszeit Natur- und Wirtschaftswissenschaften stärker den Bedürfnissen der Wirtschaft und trugen durch angewandte Forschung zum Wohlstand des Landes bei.

AutorDr. Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2008