III. Johan Rudolf Thorbecke (1798-1872) und die Verfassung von 1848

In den Niederlanden ist der Staatstheoretiker der konstitutionellen Monarchie, Schöpfer der Verfassung von 1848, Politiker, Autor, Historiker und Altphilologe Johann Rudolf Thorbecke der bekannteste Politiker und Liberale des 19. Jahrhunderts. In der Geschichte des europäischen Liberalismus steht der sowohl in der niederländischen als auch in der deutschen Wissenschaftskultur beheimatete Thorbecke für die Verbindung deutschen organisch-historischen Denkens mit niederländischem politischem Pragmatismus.

Johan Rudolf Thorbecke
Johan Rudolf Thorbecke
© unbekannt, gemeinfrei

Der am 14. Januar 1798 in Zwolle geborene Thorbecke studierte in Leiden Altphilologie und bereiste nach seiner Promotion 1820 zahlreiche deutsche Universitäten. In Gießen und Göttingen lehrte er als Privatdozent. 1825 erhielt er einen Ruf auf eine außerordentliche staatswissenschaftliche Professur nach Gent, 1831 auf eine ordentliche historisch-staatswissenschaftliche Professur nach Leiden. Als akademischer Lehrer und Bildungspolitiker hatte Thorbecke die Funktion eines niederländischen Humboldt. 1839 erschien das verfassungspolitische Grundlagenwerk, das Thorbecke auf einen Schlag zur politischen Berühmtheit machte: ,Aanteekening op de Grondwet’.

Vision einer lebendigen liberalen konstitutionellen Monarchie

In kritischer Auseinandersetzung mit der Verfassungswirklichkeit unter der Regierung Willem I. – dessen autokratisches, Reformen ablehnendes Regiment hatte bei der Abspaltung Belgiens eine entscheidende Rolle gespielt – präsentierte der bislang politisch nicht aufgefallene, in seinen Ansichten eher gemäßigt konservative und gegenüber der Dynastie loyale Leidener Professor ein umfassendes Reformprogramm: Thorbecke entwarf die Vision einer lebendigen liberalen konstitutionellen Monarchie als Gegenentwurf zur vormodernen Honoratiorenoligarchie unter dem Präsidium der Oranier.

Die Provinzialstaaten von Südholland entsandten Thorbecke daraufhin als ihren Repräsentanten in die neu eingerichtete Kommission zur Reform der Staatsverfassung, die nach der Loslösung Belgiens notwendig geworden war. Die Reformkommission wurde in den folgenden Jahren zu seinem Forum und im Zuge der Kommissionsarbeit entwickelte sich Thorbecke zu einem Liberalen europäischen Formats. Der seinem Vater nach dessen Abdankung 1840 auf den Thron gefolgte Willem II. war zunächst bemüht, die Reformbestrebungen wiederum zurückzustellen. 1844/45 erhöhte dann die Zweite Kammer den Druck, indem sie eine zügige Reform öffentlich anmahnte.

Verfassungsreform 1848

Thorbecke, seit 1844 selbst Mitglied der Zweiten Kammer, plädierte wiederholt u.a. für die parlamentarische Ministerverantwortlichkeit und die Stärkung der Legislative gegenüber der Krone, aber erst unter dem Eindruck der Ereignisse vom März 1848 zeigte sich der regierende Oranier zu Kompromissen und zur Einsetzung einer neuen Staatsreformkommission bereit. Das war Thorbeckes Stunde: Ihm wurde die Leitung der Kommission übertragen. Die schließlich nach langen Verhandlungen am 3. November 1848 in Kraft getretene neue Verfassung machte die Niederlande zu einer konstitutionellen, fast schon parlamentarischen Monarchie. Sie war das Werk Thorbeckes.

In den folgenden Jahren war Thorbecke dreimal Regierungschef: 1849-53, 1862-66, 1871/72. Auf die mehrfach aus der Zweiten Kammer geäußerte Kritik an seinem wenig programmatischen Politikstil erwiderte er mit jenem sprichwörtlich gewordenen Ausruf, der seine anti-ideologische, pragmatische Denkweise zusammenfasste: „Wacht op onze daden!“ Und auf liberale Taten mußte man in der Ära Thorbecke nicht lange warten: Wahlrechtsreform, Provinz- und Gemeindereform, Reform des Wasserbauwesens einschließlich der Grundlegung für Nordseekanal und Nieuwe Waterweg und Unterrichtsreform schufen die Grundlagen für die modernen Niederlande.

Autor: PD Dr. Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt:
Juni 2007