Die Geschichte der Niederlande 1795 bis 1914

I. Einführung: Untergang der Republik der Vereinigten Niederlande

Das 19. Jahrhundert begann für die Niederlande 1795: In diesem Jahr ging im Gefolge der Batavischen Revolution die alte Republik der Vereinigten Niederlande unter, die 1648 nach einem achtzigjährigem Krieg im Frieden von Münster völkerrechtlich anerkannt worden war.

Batavische Republik Karte von 1802
Batavische Republik Karte von 1802
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An ihre Stelle trat nun die Batavische Republik, die sich an Leitvorstellungen der Französischen Revolution orientierte (Volkssouveränität, Gewaltenteilung, Gleichheit aller Staatsbürger). Damit begann eine Phase, die von tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen und von rasch aufeinanderfolgenden politischen Umbrüchen gekennzeichnet war. Eine wichtige Zäsur bedeutete vor allem die Umwandlung der Batavischen Republik in das Königreich Holland unter Louis Napoleon (1806-1810); noch stärker war die wirtschaftliche und politische Anbindung an das französische Empire zwischen 1810 und 1813: Damals wurden die Niederlande durch Kaiser Napoleon annektiert. Mit dem Sturz von Napoleon Bonaparte endete die unruhige Phase von schnellen Umbrüchen schlagartig. Die darauf folgende Geschichte der Niederlande zwischen dem Wiener Kongreß (1814/15) und dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) stellte in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil dar: Sie ist durch ein hohes Maß an Ruhe, Kontinuität und evolutionärer Entwicklung charakterisiert.

Die allgemeine Entwicklung

So wandelte sich das Land allmählich von einem aristokratisch regierten Staat zu einer demokratisch legitimierten parlamentarischen Monarchie. Die Industrialisierung setzte im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ spät ein, bis in die 1870er Jahre dominierten Landwirtschaft und Handel das niederländische Wirtschaftsleben. Vergleichsweise spät kam es in den Niederlanden zur Gründung von modernen politischen Parteien; den Anstoß hierzu gaben 1878 die Protestanten mit der Antirevolutionären Partei (ARP). Günstig für eine ruhige Entwicklung war, dass die niederländische Außenpolitik das gesamte 19. Jahrhundert hindurch auf Neutralität hin ausgerichtet war. Neutralität war für die Sicherung der Unabhängigkeit des kleinen Landes auf dem europäischen Kontinent ebenso wichtig wie sie für die Kolonialpolitik förderlich war.

Die evolutionäre Entwicklung wurde lediglich durch zwei markante Zäsuren durchbrochen: durch die Belgische Revolution von 1830/31 und durch die Verfassungsreform von 1848. Mit der Belgischen Revolution wurde jener Staat aufgelöst, den die Staatsmänner der europäischen Mächte auf dem Wiener Kongreß ins Leben gerufen hatten: das Vereinigte Königreich der Niederlande. Hierin waren bis 1830 Belgier und Niederländer in einem gemeinsamen Staat vereinigt. In der Belgischen Revolution jedoch spalteten sich die Belgier vom Vereinigten Königreich ab und bildeten einen eigenen Nationalstaat, das Königreich Belgien.

Verfassungsreform 1848

In dem nun verkleinerten Königreich der Niederlande nahm unter der Bevölkerung Unzufriedenheit mit dem autokratischen Herrschaftsstil der Könige Wilhelm I. und Wilhelm II. immer mehr zu. Diese Unzufriedenheit führte schließlich zu der zweiten Zäsur des 19. Jahrhunderts: zur Verfassungsreform von 1848. Schon einige Jahre vorher hatten liberale Intellektuelle und Politiker wie Dirk Donker Curtius und Johan Rudolf Thorbecke öffentlich auf eine Parlamentarisierung des politischen Systems gedrängt. Unter dem Eindruck der zahlreichen Revolutionen, die 1848/49 in Europa stattfanden, gestand der niederländische König die Verabschiedung einer neuen Verfassung zu, die im Kern folgende einschneidende Neuerungen umfasste: 1) die Regierung ist nicht mehr länger dem König, sondern dem Parlament gegenüber verantwortlich; 2) die Zweite Kammer des Parlaments („Generalstaaten“) wird direkt gewählt, und zwar nach einem Zensuswahlrecht. Damit waren einer autokratischen Herrschaftsweise ebenso die Grundlagen entzogen wie einer ständischen Struktur der Gesellschaft. Die Niederlande entwickelten sich von nun an zu einer parlamentarischen Monarchie, in der die bürgerliche Gesellschaft zum entscheidenden Träger des politischen Lebens wurde – auch wenn die Möglichkeit zu politischer Partizipation zunächst auf einen kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt war und erst allmählich auf breitere Bevölkerungsschichten ausgedehnt wurde (das Wahlrecht durften anfangs nur 2 % ausüben, das allgemeine Wahlrecht wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt). Immerhin aber hatten mit der Verfassungsreform von 1848 zentrale Themen liberaler Programmatik Eingang in das niederländische Verfassungsleben gefunden und gelten im Prinzip noch heute.

Modernisierung der Niederlande

Die Verfassungsreform ermöglichte es jedenfalls Liberalen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gesetze zu verabschieden, die zu einer politisch-gesellschaftlichen Modernisierung der Niederlande führten. So kam es beispielsweise zu einem Gemeinde-, einem Provinz- und einem Schulgesetz; später setzte mit der Verabschiedung eines Unfall- und eines Invaliditätsgesetzes, einer gesetzlichen Begrenzung der Arbeitszeit sowie einem Verbot der Kinderarbeit auch eine intensive Sozialgesetzgebung ein. Dies war eine Antwort auf die soziale Frage, die infolge der beginnenden Industrialisierung eine staatliche Sozialpolitik erforderlich machte.

Versäulung

Die niederländische Gesellschaft gliederte sich seit den 1870er Jahren in verschiedene soziokulturelle Milieus, die man in ihrer Gesamtheit gerne als „versäulte Gesellschaft“ bezeichnet. Dies bedeutet, dass Protestanten, Katholiken, Liberale und zunehmend auch Sozialdemokraten für ihre Mitglieder und Anhänger jeweils eigene Zeitungen und Zeitschriften, eigene Vereine und eigene Schulen (z.T. auch eigene Hochschulen) bereitstellten. Manchmal gerieten die einzelnen „Säulen“ in Konflikt miteinander. Dies war etwa im Schulstreit (ab 1878) der Fall, als Liberale mit ihrer Forderung nach einer Förderung des öffentlichen Schulwesens auf Kosten konfessioneller Schulen auf den Widerstand von Katholiken und Protestanten stießen. Doch insgesamt gesehen brachte die „Versäulung“ einen Pluralismus mit sich, der durch die grundsätzliche Gleichwertigkeit der einzelnen „Säulen“ innergesellschaftliche Konfliktlösungen erleichterte und der Suche nach einem Konsens diente. Bis in die 1960er Jahre hinein gehörte die „Versäulung“ zum Wesen der niederländischen Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert wurden somit Grundlagen für die politische und gesellschaftliche Ordnung des 20. Jahrhunderts gelegt.

Autor: Dr. Johannes Koll
Erstellt: Juni 2007