IV. 1995 als Wendepunkt

Die zweite Hälfte der neunziger Jahre zeigt ein deutlich verändertes Bild. Das Jahr 1995 markierte den Wendepunkt. Bereits in ihrer Weihnachtsansprache 1994 hatte Königin Beatrix einen versöhnlichen Ton angeschlagen: ”Gegensätze aus den Auseinandersetzungen früherer Jahre dürfen keine unüberwindbare Kluft von heute werden. Auf Unterdrückung folgt Befreiung, doch nach Befreiung kommt Versöhnung.” Insbesondere der Ehemann der Königin, Prinz Claus von Amsberg, hat viel dazu beigetragen, gegenseitiges Verständnis bei Niederländern und Deutschen zu wecken. Eine große Rolle bei der Verbesserung der bilateralen Beziehungen spielte auch, dass der christdemokratische Premier Ruud Lubbers, dessen Beziehung zu Bundeskanzler Helmut Kohl so schwierig war, 1994 das Feld räumen musste und eine sozial-liberale Regierung, eine paarse coalitie“( dt.: Violette Koalition), unter Führung des Sozialdemokraten Wim Kok antrat. Kok machte die Beziehung zu Deutschland zu einem Schwerpunkt seiner Außenpolitik.

Vertrauen in Helmut Kohl

1995 wurde zum Beispiel im Bereich des Militärs das deutsch-niederländische Korps ins Leben gerufen. Zahlreiche Initiativen starteten, durch die Kenntnisse über das Nachkriegsdeutschland und die deutsche Sprache verbessert werden sollten. Bundeskanzler Kohl besuchte die Niederlande im Jahr 1995 gleich zweimal. Dabei zeigte er ein bemerkenswertes Einfühlungsvermögen im Hinblick auf die niederländischen Befindlichkeiten. Seine Rede im Mai 1995 in Rotterdam, der Stadt, die im Mai 1940 von Deutschland so heftig bombardiert worden war, wurde sehr gut aufgenommen. Er ging ausführlich auf das Unrecht ein, das Deutschland den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg zugefügt hatte, mahnte zugleich aber auch an, dass beide Länder ”nicht Gefangene der Vergangenheit bleiben dürften”. Kohl, dem viele niederländische Meinungsmacher wegen seines nicht immer taktvollen Auftretens in der Vergangenheit (zum Beispiel als er 1986 Gorbatschow mit Goebbels verglich) lange Zeit sehr ablehnend gegenüber gestanden hatten, erfuhr nun eine gründliche Neubewertung.

Einst als dickfelliger und plumper Machtpolitiker gering geschätzt, wurde er nun zunehmend als großer Staatsmann angesehen, der nicht nur die deutsche Einheit so geschickt zu Stande gebracht hatte, sondern auch Motor der europäischen Integration war. In den Niederlanden setzte sich immer stärker die Erkenntnis durch, dass die anfängliche Furcht vor einem mächtigeren Deutschland in der Mitte Europas unbegründet war. Auch das neue, vereinte Deutschland erwies sich auf internationaler Ebene, wie bereits die alte Bundesrepublik, als verlässlicher Partner. Kein vernünftig denkender Mensch zweifelte mehr an den unerschütterlichen Grundfesten der Demokratie in Deutschland. Paradoxerweise scheint die Frage nach Kohls Rolle in der CDU-Schwarzgeldaffäre ab Mitte November 1999 eher die Existenz einer wehrhaften Demokratie in der heutigen Bundesrepublik zu bestätigen als ein Beweis der Schwäche zu sein. Zumindest hat die CDU – wenn auch nach anfänglichem Zögern –, inmitten der plötzlich entstandenen und durchaus gravierenden Probleme Beschlüsse gefasst, die Vertrauen wecken. In den niederländischen Medien war das Interesse an dieser Affäre groß, doch sah man darin keine Staatskrise oder Krise der deutschen Demokratie.

Autoren: Maarten C. Brands und Patrick G.C. Dassen
Erstellt: Februar 2007
Ab Kapitel VII ergänzt von Katharina Garvert-Huijnen, Januar 2015