VI. Klein versus Groß

Die Niederlande und Deutschland haben in diesem Europa ihre eigenen Interessen. Für die Niederlande ist es von größter Wichtigkeit, dass die Stimme des kleinen Landes deutlich vernommen wird. Doch in Den Haag muss man immer wieder feststellen, dass die Einflussmöglichkeiten sehr gering sind. Die größeren Mitgliedsstaaten sind zusätzlich in anderen Organisationen vertreten, wie den G7, dem UN-Sicherheitsrat oder der Kontaktgruppe zur Situation im ehemaligen Jugoslawien. Deshalb besteht unter den Mitgliedsstaaten keine echte Chancengleichheit. Dass die größeren Länder dazu neigen, viele Dinge untereinander zu regeln, ist eine Tatsache, mit der die Niederlande sich abfinden müssen. So stellte sich beispielsweise heraus, dass die Niederlande bei den politischen Verhandlungen über eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik Ende 1999 in Helsinki nicht ausreichend informiert waren.

Die Niederlande, die selbst nur zwei Nachbarländer haben, können sich nur schlecht daran gewöhnen, dass sie nur eins von neun Ländern sind, die an Deutschland grenzen. Darüber hinaus werden sie seitens der Bundesrepublik viel häufiger als ihnen lieb ist als Teil der Benelux-Staaten angesehen. Auf der anderen Seite gibt es in den Niederlanden wenig Verständnis für die komplexe Situation Deutschlands in der Mitte Europas. Die Niederlande liegen sicher eingebettet zwischen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, Deutschland lag bis zur Osterweiterung am östlichen Rande, was notwendigerweise eine andere Sicht auf die europäische Wirklichkeit ergibt. So war Deutschland von der Ausdehnung der EU nach Mittel- und Osteuropa viel unmittelbarer betroffen als die Niederlande.

In den neunziger Jahren schienen die Niederlande ihren Verlust an politischer Bedeutung innerhalb Europas mit wirtschaftlichen Erfolgen kompensiert zu haben. So fand das allseits gepriesene Poldermodell auch in Deutschland Anerkennung. Die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung beider Länder in den neunziger Jahren zeigt auch, dass die Wirtschaft eines kleinen Landes wesentlich flexibler auf neue wirtschaftliche und technische Entwicklungen reagieren kann als die eines bedeutend größeren Landes, wobei noch hinzukommt, dass Deutschland durch die riesigen Kosten der Einheit belastet war.

Was die Beziehungen zwischen kleinen und großen Ländern betrifft, so waren zwischen dem ehemaligen Außenminister Klaus Kinkel und seinem niederländischen Amtskollegen Hans van Mierlo einerseits sowie zwischen Joschka Fischer und Jozias van Aartsen andererseits deutliche Unterschiede im Umgang miteinander festzustellen. Es fiel auf, dass die Kleinen zunehmend weniger berücksichtigt wurden, was auch die ständigen Vertreter der kleineren EU-Mitgliedsländer in Brüssel regelmäßig spürten.

Autoren: Maarten C. Brands und Patrick G.C. Dassen
Erstellt: Februar 2007
Aktualisiert: Februar 2015, Online-Redaktion
Ab Kapitel VII ergänzt von Katharina Garvert-Huijnen, Januar 2015