Vorbemerkung

Das vorliegende Dossier beleuchtet die politischen Beziehungen der Niederlande und Deutschlands in Europa. Die ersten sechs Kapitel basieren auf dem Beitrag Wohlverstandenes Eigeninteresse - Die Bedeutung Europas für Deutschland und die Niederlande, den die beiden Autoren Maarten Brands und Patrick Dassen bereits 2001 als Beitrag für den Sammelband Deutschland - Niederlande. Heiter bis wolkig verfasst hatten. Um aktuelle Geschehnisse rund um die deutsch-niederländischen Beziehungen im europäischen Kontext ergänzt wurde dieses Dossier nun Anfang 2015 von Autorin Katharina Garvert-Huijnen.

I. Einführung: Wohlverstandenes Eigeninteresse

Anlässlich der Entgegennahme des Internationalen Karlspreises im Mai 1996 in Aachen verwies Königin Beatrix der Niederlande auf den Fortschritt Europas in der zweiten Jahrhunderthälfte: „Deutschland und die Niederlande gehören beide zu den Gründerstaaten der Europäischen Gemeinschaft. [...] Die Umstände, in denen sich unser Erdteil vor einem halben Jahrhundert befand, als das Abenteuer des Nachkriegseuropas begann, waren unendlich viel schlechter als die, in denen wir uns heute befinden. Das zurückliegende halbe Jahrhundert von Frieden, Stabilität und wachsendem Wohlstand haben wir vornehmlich einer konsequenten und vorausschauenden Politik europäischer Zusammenarbeit und Integration zu verdanken.” Mit diesen Worten fasste sie zusammen, was die Gründerväter Europas nach dem Zweiten Weltkrieg im Sinn gehabt hatten: Europa so zu strukturieren, dass die Schrecken zweier Weltkriege für immer der Vergangenheit angehören konnten. „Frieden und Stabilität” zu erreichen ist zweifellos der zentrale Gedanke des europäischen Integrationsprozesses. Der „wachsende Wohlstand” war dabei sicherlich nicht unwichtig, doch eher Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel lautete: Nie wieder Krieg.

Die Gründer Europas dürfen zufrieden sein. In weiten Teilen Europas, mit Ausnahme des Balkans und des Kaukasus, hat seit 1945 kein Krieg mehr gewütet; die Zusammenarbeit hat sich verstärkt, das Vertrauen ist gewachsen. Wie viele Probleme in der Zukunft noch auftauchen werden – zum Beipiel bei der EU-Osterweiterung –, so lässt sich doch feststellen, dass in den letzten fünfzig Jahren auf diesem außerordentlich komplizierten Kontinent erstaunlich viel zu Stande gebracht wurde.

Schaukeln zwischen Ost und West

Letzteres gilt nicht zuletzt für die Deutsche Frage, die Kernfrage der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der europäische Integrationsprozess hat sich als ein erfolgreiches Unternehmen erwiesen, mit dem einer Zahl von Dilemmas, die mit der Deutschen Frage zusammenhingen, ein Ende gesetzt wurde, zum Beispiel dem „Schaukeln” zwischen Ost und West und den ewigen Grenzfragen (Polen, Tschechien und andere). Erstmals in der Geschichte ist Deutschland heute von neun befreundeten Nachbarländern umgeben, eine Situation, die eine günstige Perspektive für die Zukunft bietet. Deutschland hat sich zu einer stabilen Demokratie in einem stabilisierten Teil Europas entwickelt.

Autoren: Maarten C. Brands und Patrick G.C. Dassen
Erstellt: Februar 2007
Ab Kapitel VII ergänzt von Katharina Garvert-Huijnen, Januar 2015