II. Europa: Anfänge der Integration

Die Integration der Bundesrepublik Deutschland in den Westen und der erfolgreiche Demokratisierungsprozess sind zum Großteil den außergewöhnlichen Fähigkeiten der deutschen Kanzler der Nachkriegszeit, insbesondere Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, zu verdanken. Konrad Adenauer ebnete entschlossen den Weg, auf dem die anderen folgen konnten. Sein wichtigstes Ziel war die Integration einer souveränen und gleichberechtigten Bundesrepublik in den Westen. Die Teilung Deutschlands und Europas betrachtete Adenauer bereits im Herbst 1945 als eine politische Gegebenheit, an der man vorläufig nicht viel verändern konnte. Die Einbettung der Bundesrepublik in Westeuropa und in die NATO war jedoch keine einfache Aufgabe, da Adenauer zum großen Teil von den misstrauischen Besatzungsmächten abhängig war. Doch indem er seinen begrenzten Spielraum und die Spannungen zwischen Ost und West in der Zeit des Kalten Krieges optimal nutzte, erreichte er schon 1955 einen erheblichen Teil seiner Ziele: Die Bundesrepublik Deutschland war Mitglied der NATO, hatte die Erlaubnis zur Wiederbewaffnung und handelte praktisch als ein gleichberechtigter Partner in den westlichen Organisationen zur Zusammenarbeit, beispielsweise der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS).

Die Auffassungen Adenauers über Deutschlands Stellung in Europa unterschieden sich in den frühen fünfziger Jahren nicht wesentlich von denen der Niederländer. Letztere erkannten – trotz der verständlicherweise stark ausgeprägten deutschfeindlichen Stimmung –, dass der Wiederaufbau Deutschlands und dessen internationale Einbindung notwendig waren. Für den Wiederaufbau in den Niederlanden war es notwendig, wieder enge Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland herzustellen. Die Integrationsbemühungen erhielten einen zusätzlichen Impuls dadurch, dass die junge Bundesrepublik auch in den Niederlanden als Verbündeter im Kalten Krieg angesehen wurde. Deshalb unterstützte Den Haag die Integrationspolitik Adenauers. Dem Bericht des niederländischen Botschafters in Bonn vom August 1951 zufolge galt der Bundeskanzler sogar als “einzige Garantie im heutigen Deutschland”. Mit Argusaugen verfolgte die niederländische Regierung hingegen die Neutralitätsideen SPD unter Führung von Kurt Schumacher, der die deutsche Einheit wichtiger fand als die Westintegration. In Den Haag herrschte die Angst, Deutschland könnte bei einer Regierungsübernahme durch die SPD Ost und West erneut gegeneinander ausspielen.

Deutsch-Französischer Freundschaftsvertrag 1963

Die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland waren sich einig über die Notwendigkeit der atlantischen Verankerung europäischer Sicherheitsfragen und über die Verbundenheit der USA mit Europa. Was sich jedoch unterschied, waren die Beziehungen zu Frankreich. In Adenauers Europapolitik hatten die guten Beziehungen zu Frankreich einen hohen Stellenwert. Die Niederlande hingegen fürchteten, dass ihr politischer Handlungsspielraum innerhalb eines Europa der Sechs eingeschränkt werden würde und haben sich deshalb stets dafür eingesetzt, Großbritannien in die europäische Zusammenarbeit miteinzubeziehen. Konrad Adenauers Freundschaft mit General Charles de Gaulle und den daraus resultierenden Elysée-Vertrag von 1963 betrachtete Den Haag äußerst argwöhnisch und hielt ihn aus zwei Gründen für einen Fehler: zum einen wegen der darin festgeschriebenen Rolle Adenauers, zum anderen wegen des Gaullismus. Die Niederlande waren als kleiner Mitgliedsstaat gegen jede Form von Vorherrschaft innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Dieses niederländische Misstrauen hinsichtlich der deutsch-französischen Zusammenarbeit ist bis heute ein konstanter Faktor der niederländischen Politik. In ihrem Bestreben, ernst genommen zu werden, tun sich die Niederlande oft schwer damit, in vollem Umfang zu erkennen, wie wichtig diese Zusammenarbeit ist, insbesondere als Motor der europäischen Integration.

Auf jeden Fall waren nach dem Zweiten Weltkrieg die europäische Integration und Zusammenarbeit für beide Länder eine Frage des wohlverstandenen Eigeninteresses. Für Deutschland war Europa nach den Exzessen der nationalsozialistischen Herrschaft vor allem eine Ersatznationalität, ein neues ”Vaterland”, mit dem es sich rehabilitieren und Vertrauen bei den Nachbarländern wecken wollte. Deutschland musste vor sich selbst geschützt und deshalb so weit wie möglich in westliche, multilaterale Organisationen eingebettet werden – und Europa schien hierfür nach dem Zweiten Weltkrieg eine Garantie zu bieten. Ein halbes Jahrhundert später kann man den europäischen Einigungsprozess, in dessen Verlauf sich Deutschland von seinen alten Sünden reinigen und einen vollwertigen Platz neben den anderen Nationen einnehmen konnte, in der Tat als erfolgreich ansehen.

Der große Nachbar im Osten

Auch die Niederlande der Nachkriegszeit bekannten sich zu einem vereinigten Europa. Doch anders als für Deutschland bedeutete Europa für das kleine Land eher ein Schutzschild gegen Macht und Einmischungsversuche der großen Nachbarländer. Die Wahrung der niederländischen Wirtschaftsinteressen, zum Beispiel die Liberalisierung des Handels, standen dabei im Mittelpunkt. Erst wenn die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa in Gang gesetzt sei, würde die Zeit für politische Integration reif sein. Gerade um der Gefahr eines politisch dominanten Deutschlands vorzubeugen, sollte der große Nachbar im Osten als gleichberechtigter Mitgliedsstaat in Europa eingebunden werden.

Autoren: Maarten C. Brands und Patrick G.C. Dassen
Erstellt: Februar 2007
Ab Kapitel VII ergänzt von Katharina Garvert-Huijnen, Januar 2015