III. Europäische Ziele nach Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Europapolitik der Niederlande war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ebenso wie die niederländische Außenpolitik insgesamt, über die Parteigrenzen hinaus geprägt von Konsens und Kontinuität. Die Haltung der verschiedenen Nachkriegsregierungen und Parlamente zu Europa stimmte in ebenso großem Maße überein, wie die Haltung von Regierung und Bevölkerung. Betrachtet man die Zeit von 1945 bis zum Ende der 1980er Jahre, fallen vor allem die Konstanten auf, die die niederländische Europapolitik prägten.

USA, NATO, Supranationalität und Machtausgleich

Es lässt sich beobachten, dass die sicherheitspolitische Ausrichtung des Landes auf die Vereinigten Staaten und die NATO stark ausgeprägt war und deutliche Konsequenzen für die Europapolitik hatte. Zum anderen fallen im Bereich der sich formierenden europäischen Integration die klare Präferenz der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Forderung nach Supranationalität und Machtausgleich besonders auf. Selbst nach 1989/90 behielten einige dieser Prämissen ihre Bedeutung für die niederländische Europapolitik, auch wenn die veränderten internationalen Rahmenbedingungen eine Anpassung der Außenpolitik erforderlich machten.

Wirtschafliche Zusammenarbeit versus politische Einigung Europas

Die niederländische Regierung war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter den ersten in Europa, die sich konsequent für eine möglichst weit reichende wirtschaftliche Zusammenarbeit einsetzten. Einer politischen Einigung Europas stand sie hingegen eher ablehnend gegenüber, da man befürchtete, dass diese die amerikanische Vorherrschaft in Europa in Frage stellen und die Kompetenzen der NATO beschneiden könnte. Aus der Perspektive der Niederlande musste erst eine wirtschaftliche Einigung erfolgen, bevor man im Anschluss auch über eine politische Einigung diskutieren konnte.

Organization for European Economic Co-operation

Die Idee einer wirtschaftlichen Integration verbreitete sich nach Kriegsende schnell in Westeuropa. Vorbedingung für den Erhalt der amerikanischen Marshall-Hilfe für den Wiederaufbau Europas war die wirtschaftliche Kooperation der europäischen Regierungen. Zur Verwaltung und Verteilung der amerikanischen Finanzhilfe und zur Koordination der wirtschaftlichen Planung wurde im April 1948 von sechzehn europäischen Staaten und den Oberbefehlshabern der drei westdeutschen Besatzungszonen die „Organization for European Economic Co-operation“ (OEEC) gegründet.  Die OEEC hatte eine enge und dauerhafte Zusammenarbeit zum Ziel und nährte in den ersten Jahren nicht nur die Hoffnung der Niederlande, dass eine Liberalisierung des Handels, die Errichtung einer Zollunion bzw. von Freihandelszonen in einem großen westeuropäischen Rahmen verwirklich werden könne.

Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl

Es gelang den Mitgliedern der OEEC jedoch nicht, diese hochgesteckten Ziele zu erreichen. Vor allem Großbritannien, dem in den ersten Jahren stets die Führungsrolle in Europa zugewiesen worden war, schloss für sich immer mehr eine Beteiligung an der europäischen Integration aus. Auch der vom niederländischen Außenminister Dirk Stikker (VVD, 1948-1952) vorgelegte Plan, im Rahmen der OEEC eine sektorenweise wirtschaftliche Integration bestimmter Industriezweige auf der Basis der intergouvernementalen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten zu erreichen, scheiterte, da sich die Mitgliedsstaaten nicht auf einen so weit reichenden Abbau von Tarifen und Zöllen einigen konnten.  Darüber hinaus wurden die Verhandlungen zum Stikker-Plan schnell durch einen neuen, vom französischen Außenminister Robert Schuman lancierten Vorschlag zur Gründung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) überholt, dem nach längeren Verhandlungen tatsächlich Erfolg beschieden war.


Autorin: Katharina Garvert-Huijnen
Erstellt: August 2007