XIII. Rezensionen

Harryvan, Anjo G./ Van der Harst, Jan: Max Kohnstamm. Leven en werk van een Europeaan, Utrecht 2008.

Segers, Mathieu (Hrsg.): De Europese dagboeken van Max Kohnstamm. Augustus 1953 – September 1957, Amsterdam 2008.

Max Kohnstamm: ein niederländischer Europäer der ersten Stunde

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Niederlande in Europa lange den Ruf, ein engagierter Befürworter der europäischen Integration zu sein. Das Land gehörte 1951 zu den Gründern der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), es stand mit den Benelux-Partnern nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im Jahr 1954 an der Wiege der relance européenne und war 1957 einer der Gründer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und von EURATOM. Das niederländische Parlament und ein großer Teil der Medien traten in den fünfziger Jahren mehrheitlich für eine supranationale Zusammenarbeit in Europa ein, und als ab den siebziger Jahren die Haltung der Öffentlichkeit in den EG-Ländern systematisch und regelmäßig erforscht wurde, zeigte sich immer wieder, dass sich die niederländische Bevölkerung in diesen sogenannten Eurobarometern überdurchschnittlich positiv über die europäische Zusammenarbeit äußerte. Brutal zerstört wurde dieses positive Bild im Jahr 2005, als 63 % der niederländischen Wähler in einem Referendum die europäische Verfassung ablehnten und die Niederlande (gemeinsam mit Frankreich) die Europäische Union (EU) in eine tiefe Krise stürzten. Die niederländische Regierung und die Mehrheit in der Zweiten Kammer bedauerten das Ergebnis des Referendums, betrachtet man jedoch die niederländische Europapolitik der vorhergehenden Jahre, so fällt auf, dass diese bereits seit längerem zurückhaltend war und dass sich eine gewisse Sättigung eingestellt hatte.

Auch hinsichtlich der ersten Nachkriegsjahrzehnte müssen an dem positiven Bild der niederländischen Europapolitik gewisse Nuancierungen angebracht werden. So war die niederländische Regierung mit Blick auf die europäische politische Integration immer skeptisch, und die Priorität der Haager Außenpolitik lag auf der atlantischen Zusammenarbeit  in der NATO und nicht auf der europäischen Integration. Allerdings brachten die Niederlande in den fünfziger Jahren „große Europäer“ hervor, die auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen bekannt wurden. Gewiss, mit der europäischen Integration sind in erster Linie Namen wie Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Robert Schuman, Jean Monnet und Paul Henri Spaak verbunden, wer sich jedoch mit dem Thema beschäftigt, stößt schon bald auf niederländische Namen wie Jan Willem Beyen (Außenminister von 1952 bis 1956) und Sicco Mansholt (Landwirtschaftsminister von 1945-1958 und erster EG-Kommissar für Landwirtschaft von 1958-1972). In der Öffentlichkeit weniger bekannt, aber hinter den Kulissen unermüdlich tätig, war der Niederländer Max Kohnstamm, über den nun fast gleichzeitig zwei Bücher erschienen sind. Beide Publikationen bieten nicht nur einen Einblick in das Denken und Handeln der leidenschaftlichen und idealistischen ersten Generation von Europäern nach dem Krieg, sondern verdeutlichen auch, dass es in der europäischen Zusammenarbeit neben den nationalen wirtschaftlichen und politischen Interessen gleichzeitig um die Arbeit von Menschen, Einsatz, Engagement und Zukunftsvisionen geht.

Dies wird besonders in der ausgezeichnet lesbaren Kohnstamm-Biographie der Groninger Historiker Anjo Harryvan und Jan van der Harst deutlich. Sie führten für dieses Buch viele Gespräche mit Kohnstamm selbst sowie mit anderen Europäern der ersten Stunde und zogen zahlreiche Archive im In- und Ausland zu Rate (darunter auch Kohnstamms persönliches Archiv). Die Autoren treffen dabei den richtigen Ton zwischen Sympathie und Distanz und skizzieren ein einfühlsames Bild von Leben und Werk eines niederländischen Europäers, dessen Nachkriegsleben gänzlich unter dem Zeichen Europas stand. Dieses Engagement war untrennbar mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verbunden, die Kohnstamm auch persönlich erlebt hatte: „Nichts kann dem, was damals geschehen ist, einen Sinn verleihen“, sagte er einmal, „aber der einzige Weg, zumindest Lehren daraus zu ziehen, ist der Prozess der  europäischen Integration“ (S. 144). Ein solches Zitat mag im Jahr 2008 etwas pathetisch geworden sein, aber aus dem Mund Kohnstamms klingt es wie eine überzeugende Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Es war dabei Kohnstamms Kraft, seinen Idealismus und Moralismus mit Pragmatismus zu paaren und sich immer mit der Verwirklichung konkreter politischer Zielsetzungen zu befassen. Mochte er auch von Skeptikern höhnisch „Mr. Europe“ genannt werden, so war Kohnstamm doch kein Schwärmer, sondern ein begeisterter Europäer, dessen Handeln von der Realität ausging und der dabei Erfolge verbuchte.

Der Geist von St. Michielsgestel

Geboren wurde Max Kohnstamm 1914 in Amsterdam in eine Familie mit deutsch-niederländischem und jüdischem Hintergrund. Sein Vater, Professor für Pädagogik und prominentes Mitglied der linksliberalen Partei Vrijzinnig Democratische Bond (VDB), war ein vielseitiger Intellektueller, für den der protestantische Glaube eine wichtige Inspirationsquelle darstellte. Harryvan und van der Harst bieten eine gelungene Darstellung von Max Kohnstamms Jugend und liefern damit gleichzeitig ein gutes Zeitbild des beschützten Lebens in wohlhabenden intellektuellen Kreisen in den Niederlanden der zwanziger und dreißiger Jahre. In positivem Sinne wurde dieses beschützte Leben 1938-1939 durch einen Studienaufenthalt Kohnstamms in den Vereinigten Staaten durchbrochen, wo ihn Roosevelts New Deal und Amerika als Land der offensichtlich unbegrenzten Möglichkeiten beeindruckten. Der Gesundheitszustand seines Vaters und der drohende Krieg in Europa zwangen ihn zu einer vorzeitigen Rückkehr in die Niederlande.

Schon bald nach der Invasion der Deutschen am 10. Mai 1940 beteiligte er sich am studentischen Widerstand und wurde auch persönlich mit den antijüdischen Maßnahmen der Besatzer konfrontiert. Sein Vater wurde wegen seines jüdischen Hintergrundes als Hochschullehrer entlassen, und er selbst konnte nicht als Geschichtsdozent angestellt werden. Kohnstamms antideutsche Haltung entging auch den Besatzern nicht, und so wurde er Anfang Januar 1942 verhaftet und in das Konzentrationslager bei Amersfoort gesperrt. Die Konfrontation dort mit Krankheit, Tod und Erniedrigung dauerte drei Monate und sollte in sein Gedächtnis eingegraben bleiben. Die Freiheit, die er am 20. April 1942 (aufgrund von Hitlers Geburtstag) wiedererlangte, war jedoch nur von kurzer Dauer. Im Juli des gleichen Jahres folgte eine erneute Verhaftung, und er wurde als Geisel im Lager Haaren und später in St. Michielsgestel eingesperrt. In diesen Lagern hielten die Besatzer bis zum September 1944 insgesamt 1.900 prominente Geiseln gefangen und drohten mit deren Exekution als Vergeltung für Widerstandstaten. Tatsächlich sind in der Anfangsphase 8 Personen erschossen worden, aber später schreckten die Besatzer vor den angekündigten Repressalien zurück, und die Geiseln wurden gut behandelt. Kohnstamm verkehrte während seines gut zwei Jahre dauernden Aufenthaltes im Geisellager mit der politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Elite der Niederlande, die im Lager Pläne für den politischen und sozialen Wiederaufbau der Niederlande in der Nachkriegszeit schmiedete. Nach 1945 sollte der Begriff „der Geist von St. Michielsgestel“ zum Synonym für das politische Erneuerungsstreben werden. Auch dieses Klima war mitbestimmend für das Leben Kohnstamms in der Nachkriegszeit und für sein europapolitisches Engagement. Es war auch eine unfreiwillige Schule für den mühelosen Umgang mit der europäischen politischen Elite nach dem Krieg. Darüber hinaus machte der noch junge Kohnstamm auf seine häufig älteren Mitgefangenen einen ausgezeichneten Eindruck, von denen ihn der erste Ministerpräsident der Nachkriegszeit, Schermerhorn, im Jahr 1945 Königin Wilhelmina vorstellte, die ihn anschließend als ihren persönlichen Sekretär einstellte.

Deutschlandpolitik

Nach dem Krieg sollte sich Kohnstamm noch oft daran erinnern, dass er während der Geiselhaft erfreut war, wenn er alliierte Bomber über das Lager hinweg Richtung Deutschland fliegen sah. 1947 besuchte er als Mitglied einer Delegation der Nederlands Hervormde Kerk Deutschland und sah die Ergebnisse der alliierten Bombardements. Unter dem Eindruck der Armut und der zerstörten Städte kehrte er zurück, ohne zu ahnen, dass er kurz darauf bei der Formulierung der niederländischen Deutschlandpolitik eine wichtige Rolle spielen würde. Nach dem Abdanken von Königin Wilhelmina im Jahr 1948 wurde er Mitarbeiter von Max Hirschfeld, der neben der Durchführung des Marshallplans auch mit der Koordination der Deutschlandpolitik betraut war. In dieser Funktion schrieb Kohnstamm einen rund 70 Seiten umfassenden, zukunftsweisenden Deutschlandbericht, in dem er am Vorabend der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 ein Konzept der niederländischen Deutschlandpolitik formulierte. Darin plädierte er nachdrücklich für eine „positive Integration“ der Bundesrepublik in die westliche Zusammenarbeit: Nicht für Rache oder Diskriminierung des jungen westdeutschen Staates, sondern für eine weitestgehend gleichberechtigte Aufnahme in das sich formierende Westeuropa. Unumstritten war sein Plädoyer für die „positive Integration“ 1949 nicht, allerdings sollte sich die niederländische Politik in den frühen fünfziger Jahren doch entlang dieser Richtschnur entwickeln.

Entscheidung für Europa

Im Jahr 1950 wurde Kohnstamm Leiter des Deutschlandbüros des Außenministeriums in Den Haag und bei der Lancierung des Schuman-Planes im Mai desselben Jahres auf eigene Bitte Mitglied der niederländischen Delegation bei den Verhandlungen über das Zustandekommen der EGKS. Bei diesen Besprechungen lernte er Jean Monnet kennen, den großen französischen Europäer und geistigen Vater des Schuman-Plans. Diese Begegnung erwies sich für den weiteren Verlauf von Kohnstamms Karriere als entscheidend. Als die EGKS 1952 in Kraft trat und Monnet Vorsitzender der Hohen Behörde wurde, übernahm Kohnstamm in Luxemburg den Posten als Sekretär der Hohen Behörde und wurde damit engster Mitarbeiter Monnets. Diese Entscheidung für Europa wurde ihm erleichtert, weil er im Haager Außenministerium mit seinen Vorstellungen über eine europäische Zusammenarbeit auf supranationaler Basis wenig Resonanz fand. 1956 folgte Kohnstamm Jean Monnet erneut, nachdem dieser die EGKS verlassen und 1955 das berühmte Aktionskomitee für die Vereinigten Staaten von Europa gegründet hatte, das die europäische Zusammenarbeit in eine föderale Richtung treiben wollte. Es war für Kohnstamms europäischen Idealismus charakteristisch, dass er mit diesem Schritt eine gut bezahlte Stelle aufgab und sich für ein Komitee einsetzte, das kaum über einen finanziellen Spielraum verfügte. Nicht weniger charakteristisch war, dass er die im gleichen Jahr zweimal an ihn herangetragene Bitte, Bürgermeister von Amsterdam zu werden, ablehnte. Kohnstamm sah seinen Platz an der Seite Monnets, im Dienst der europäischen Sache.

Die Bedeutung des Monnet-Komitees, eines Zusammenschlusses von Vertretern der politischen Parteien, der Gewerkschaften und anderer politischer und gesellschaftlicher Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern, war für das Voranschreiten der europäischen Zusammenarbeit erheblich. Im Rückblick erscheint das Zustandekommen von EEG und EURATOM im Jahr 1957 als logische Folge der Entwicklung, die in den späten vierziger Jahren eingesetzt hatte. In Wirklichkeit war der Weg zu den Römischen Verträgen viel steiniger, und Monnets Komitee war – mit Monnet und Kohnstamm als Hauptakteuren – permanent unterwegs gewesen, um Lobbyarbeit zu betreiben, Überzeugungsarbeit zu leisten, zu vermitteln, ja sogar, um Texte zu schreiben, die zum Teil in offiziellen Regierungsstandpunkten auftauchten. Sie hatten in den verschiedenen Hauptstädten Zugang zur höchsten politischen Ebene, wobei besonders Bonn ein wichtiges Arbeitsfeld war. Am Vorabend des Zustandekommens der EEG prallten in der westdeutschen Hauptstadt verschiedene europapolitische Standpunkte auf einander, die die Bonner Politik zu blockieren drohten. Es ist immer schwierig, den Einfluss von Lobbyorganisationen genau zu bestimmen, und so verhält es sich auch mit dem Einfluss des Monnet-Komitees. Harryvan und van der Harst sind sich dieser Tatsache bewusst, machen aber doch plausibel, dass Monnet und Kohnstamm den europäischen Integrationsprozess in entscheidenden Augenblicken befruchteten und in Perioden der Stagnation dazu beitrugen, dass der Glaube an die europäische Integration nicht schwand. Monnets Komitee existierte bis 1975 und war bis zu diesem Zeitpunkt unermüdlich unterwegs, um hinter den Kulissen die europäische Zusammenarbeit auf hohem Niveau zu verstärken und zu vertiefen. Kurz zuvor, im Herbst 1973, war Kohnstamm zum ersten Präsidenten des Europäischen Universitätsinstituts in Florenz (EUI) ernannt worden. Hier erhielt er, so Harryvan und van der Harst, die einzigartige Möglichkeit, Europa zu machen – in Form eines echten Zuchtteiches für eine europäische akademische Elite. Hier war Kohnstamm nicht länger der „zweite Mann im Schatten von“, sondern ein erfolgreicher Präsident, der die Basis für das im Jahr 2008 immer noch florierende EUI legte.

Kohnstamm als Vorbild für Heute

Bei seinem Weggang aus Florenz im Jahr 1981 war das internationale Klima rau geworden. Der Ost-West-Gegensatz hatte sich verschärft, und die europäische Integration stagnierte bereits seit Jahren. Kohnstamm, inzwischen 67 Jahre alt, griff auf sein europäisches Netzwerk zurück, führte in den frühen achtziger Jahren Gespräche mit u. a. dem ehemaligen belgischen Premierminister Leo Tindemans, dem Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, dem früheren britischen Premier Edward Heath und dem späteren Vorsitzenden der Europäischen Kommission, Jacques Delors. Das Ergebnis war die Gründung des „Aktionskomitees für Europa“ (zuweilen auch „Zweites Aktionskomitee“ genannt) im Jahr 1985, das im Geiste des 1979 gestorbenen Jean Monnet erneut begann, auf hohem politischem Niveau Lobbyarbeit für Europa zu verrichten. Auch mit Blick auf dieses Komitee erhebt sich die Frage nach seinem Einfluss, und auch hier ist diese Frage nicht genau zu beantworten. Dass es ihn aber gab, besonders in der Zeit der erfolgreichen Präsidentschaft Jacques Delors’ in der Europäischen Kommission, steht außer Zweifel. Auch Delors selbst weist in seinen Memoiren auf den Einfluss hin, den Kohnstamm und sein Komitee bei der Meinungsbildung und Planung des gemeinsamen europäischen Marktes ausgeübt haben.

1989 zog sich Kohnstamm im Alter von 76 Jahren als Generalsekretär seines eigenen Komitees zurück. Ziemlich regelmäßig wurde er noch um Interviews gebeten, und Forscher über die europäische Zusammenarbeit suchten ihn als Quelle für oral history auf. Auch Harryvan und van der Harst taten dies und waren von diesem leidenschaftlichen und getriebenen Europäer beeindruckt. Für die Autoren, die selbst in den achtziger Jahren an der EUI in Florenz studierten und die die europäische Zusammenarbeit lange als das Resultat objektivierbarer nationaler Interessen gesehen und die Rolle von Personen in diesem Prozess als recht unwichtig abgetan hatten, trugen diese Gespräche sogar dazu bei, die Geschichte der europäischen Zusammenarbeit mit völlig anderen Augen zu sehen. Das Ergebnis ist ein ausgezeichnetes und nuanciertes Buch über das Leben eines Europäers der ersten Stunde, der in der breiten Öffentlichkeit unbekannt war. Es ist das große Verdienst von Harryvan und van der Harst, dieses Leben nun einem größeren Publikum zugänglich und dabei gleichzeitig deutlich gemacht zu haben, dass Europa ohne die Leidenschaft von Menschen wie Kohnstamm nur mühsam vorwärts kommt. So betrachtet ist das Buch auch eine Ermutigung an die Adresse der heutige Generation von Europäern und nicht zuletzt ein Buch, dem man in den heutigen, zur Euroskepsis neigenden Niederlanden eine große Verbreitung wünscht.

Max Kohnstamm: Europäische Tagebücher

Für diejenigen, die sich detaillierter mit Kohnstamms europäischer Lobbyarbeit beschäftigen möchten, gibt es die von dem Utrechter Historiker Mathieu Segers sehr sorgfältig redigierten europäischen Tagebücher Max Kohnstamms aus den Jahren 1953-1957. Segers schrieb nicht nur ausführliche Einleitungen, in denen der historische Kontext der Tagebücher klar erläutert wird, sondern er versah auch die Tagebücher selbst mit erklärenden Anmerkungen und Ergänzungen. Das war auch notwendig, denn Kohnstamms Aufzeichnungen sind in der Regel sehr kurz gefasst. Sie bieten jedoch ein klares und spannendes Bild von Kohnstamms Arbeit als Sekretär der Hohen Behörde der EGKS, von seiner Enttäuschung über die wenig inhaltliche Arbeit, in die diese Funktion mündete und von seinem Wunsch, den politischen Prozess der Integration voranzubringen. Diese Arbeit kam in Monnets Komitee ab 1956, wobei vor allem die Passagen über die Kontakte mit der Regierung Adenauer und mit der oppositionellen SPD besonders lesenswert sind. Kohnstamm vertraute dem Papier nicht viele Emotionen an, aber die Spannung ist wiederholt spürbar. So äußerte er sich am 31. Oktober 1956 unter dem Eindruck der Suez-Krise und der Entwicklungen in Polen und Ungarn sehr düster über die Zukunft der europäischen Integration („…Untergang erscheint mir sogar am wahrscheinlichsten“). Am Abend des gleichen Tages notierte er jubelnd über eine Entscheidung Adenauers, der ganz auf der Linie der von Monnet und Kohnstamm verrichteten Lobbyarbeit lag: „Victoire totale“ (S. 196). Adenauer hatte nicht nur besonders deutlich Ludwig Erhards europapolitische Richtung desavouiert – Erhard war kein Befürworter der in der Entstehung befindlichen EWG -, sondern er ernannte auch den prominenten CDU-Politiker und ehemaligen Vizepräsidenten der Hohen Behörde der EGKS, Franz Etzel, zur Achse in der Bonner Vorbereitung der EWG. Das passte ausgezeichnet zur Absicht von Monnet und Kohnstamm: Man kannte sich gut aus der EGKS, man hatte einen kurzen Draht zueinander, und europapolitisch dachte man in die gleiche Richtung. Eine bessere Basis für eine erfolgreiche Lobbyarbeit war, wie in den Tagebüchern sehr informativ und spannend nachzulesen ist, nicht denkbar.

Im Jahr 2008 erscheinen die Errungenschaften der europäischen Integration selbstverständlich, und bei vielen in Europa weckt „Brüssel“ heute die Assoziation von Bürokratie und Vorschriften eines „europäischen Superstaates“. Bei der Lektüre der Biographie und der Tagebücher von Max Kohnstamm entsteht ein anderes Bild: das der Triebfedern, des Engagements und des idealistischen Pragmatismus der Europäer der ersten Stunde, für die die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges prägend waren. Ihre Motive und ihr Lebenswerk zu kennen, ist auch heute noch von Bedeutung, und sei es auch nur, um zu verstehen, dass die Errungenschaften der heutigen Europäischen Union keineswegs so selbstverständlich sind.


Autor: Friso Wielenga
Erstellt: Mai 2008