XV. Erinnerungszentrum Kamp Westerbork

Deportationszüge in den Tod

Das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork in Hooghalen in der Provinz Drenthe war 1939 ursprünglich als zentrales Flüchtlingslager errichtet worden. Hier sollten die zahlreichen jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich, die nach dem Novemberpogrom 1938 in die Niederlande geflüchtet waren, aufgefangen werden. Während der Besatzungszeit wurde das Lager von den Deutschen übernommen. Juden aus den ganzen Niederlanden wurden in das Sammellager Westerbork gebracht und von dort in den Osten deportiert, überwiegend nach Auschwitz-Birkenau und Sobibor. Insgesamt wurden mehr als 100.000 Menschen aus Westerbork deportiert.

Anne Frank war eine von ihnen. Nach ihrer Verhaftung im Versteck im Hinterhaus in Amsterdam wurde sie zusammen mit ihrer Familie ins Polizeiliche Durchgangslager Westerbork gebracht. Dort blieb sie vom 7. August 1944 bis zum 3. September 1944 in der Strafbaracke, bevor sie ins Konzentrationslager Auschwitz und Ende Oktober 1944 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht wurde, wo sie kurz vor der Befreiung des Lagers im März 1945 an Typhus starb.
Heute erinnern 102.000 Gedenksteine auf dem ehemaligen Appellplatz des Lagers an die aus Westerbork deportierten Menschen. Weniger als 5.000 von ihnen überlebten den Krieg.

Die Gedenkstätte Westerbork

Königin Beatrix bei der Eröffnung der Gedenkstätte
Königin Beatrix bei der Eröffnung der Gedenkstätte
© NA, 932-5581

Die Erinnerung an diese Menschen wach zu halten und gerade auch bei Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein zu schaffen, dass so etwas nie wieder passieren darf – daran arbeitet man in der Gedenkstätte Westerbork. 1983 wurde sie in der Nähe des ehemaligen Lagergeländes eröffnet. Heute umfasst die Gedenkstätte ein Erinnerungszentrum, in dem ein Museum untergebracht ist, und das ehemalige Lagergelände. Die permanente Ausstellung des Museums zeigt auf anschauliche Weise die Geschichte des Lagers und seiner Bewohner zwischen 1940 und 1945. Darüber hinaus wird auch die unmittelbare Nachkriegsgeschichte der Überlebenden thematisiert. Anhand persönlicher Schicksale will die Ausstellung Besucher ab 12 Jahren ansprechen. Umfassende museumspädagogische Materialien für Schüler ermöglichen das selbständige Erschließen der Ausstellung.

Ein Schlagbaum und Stacheldraht markieren den Eingang zum ehemaligen Lager. Bereits in den 60er Jahren war der Großteil des Polizeilichen Durchgangslagers Westerbork abgerissen worden, so dass heute nur noch wenige Gebäude erhalten sind. So befinden sich lediglich das Haus des Lagerkommandanten, ein Luftschutzbunker der Aufseher, der Kartoffelkeller und Reste der Kläranlage auf dem Gelände. Einige Lagerelemente wurden rekonstruiert, so beispielsweise Teile einer Baracke oder ein Wachturm. Erdwälle markieren die Stellen, wo einmal die Baracken gestanden haben.

Einen Ort des Erinnerns schaffen

Kamp Westerbork

Oosthalen 8, Hooghalen


www.kampwesterbork.nl

Erwachsene zahlen 8,50 Euro Eintritt. Jugendliche (8-18 Jahre) zahlen 4,00 Euro, Kinder (unter 8 Jahren), Freunde des Museums und Veteranen haben gratis Zugang.

Bereits 1947 gab es erste Bestrebungen, in Westerbork ein Denkmal für die Opfer des Lagers zu errichten. 1949 konnte ein Grabstein für 10 in Westerbork ermordete Widerstandskämpfer aufgestellt worden. Ein Denkmal für die aus Westerbork deportierten Juden konnte zunächst  jedoch nicht realisiert werden. Erst seit 1970 erinnern die von dem ehemaligen Häftling des Lagers, Ralph Prins, entworfenen stilisierten Gleise des Nationalen Denkmals Westerbork an die Deportation der mehr als 100.000 Juden aus Westerbork.
Das Lagergelände selbst hatte lange Jahre inmitten eines touristischen Naherholungsgebietes brach gelegen. Zuvor diente es unmittelbar nach dem Krieg als Internierungslager für Angehörige der NSB, der niederländischen nationalsozialistischen Bewegung, die mit den Besatzern kollaboriert hatten. Von 1951 bis 1970 war es der Wohnort für Soldaten aus Niederländisch-Indien und den Molukken und für deren Familien.

Erst als 1974 auf dem ehemaligen Lagergelände ein Picknicktisch für Touristen aufgestellt und die dunkle Geschichte des Ortes dabei scheinbar völlig ausgeblendet wurde, gab es entrüstete Reaktionen. Es wurde gefordert, den Ort zu einem Ort des Erinnerns umzugestalten. Dank privater Initiativen gelang schließlich 1980 die Gründung einer Stiftung, mit deren Hilfe das Erinnerungszentrum Kamp Westerbork errichtet wurde.


Autorin: Anne Avenarius
Erstellt:
Oktober 2009
Aktualisiert: Online-Redaktion, Juni 2015