IV. Ein schuldloses Volk

In der herrschenden Vorstellung von den Jahren der Besatzungszeit gelten die Niederlande als unschuldige und friedliche Nation, die Opfer deutscher Aggression geworden war. Dieser Übermacht zwar nicht gewachsen, blieben die Niederländer jedoch in Geist und Wesen ungebrochen. Waren sie vielleicht keine Helden, so taten sie doch ihre Pflicht, gewährten Verfolgten Unterschlupf und blieben der Fahne und der Königin treu. Gerade in dieser geistigen Gesinnung manifestierte sich die Einheit der Nation. So überrascht es nicht, dass in dieser Vorstellung kaum Platz für die weniger ruhmreichen Kapitel der Besatzungsgeschichte, wie die zweifelhafte Rolle des Staatsapparats oder die weit verbreitete Unentschlossenheit und Passivität war, und erst recht nicht für das Schicksal der Hunderttausend ermordeten jüdischen Mitbürger, mit 70 Prozent der jüdischen Bevölkerung der höchste Anteil in Westeuropa. Letzteres impliziert allerdings nicht, dass die „Endlösung“ vollständig verleugnet wurde, vielmehr wurde dieser Zeitabschnitt nahezu unbemerkt in das Bild der Nation eingearbeitet. [1]

Selbst die Chronik der Judenverfolgung, lange Zeit die einzige umfassende europäische Studie zu diesem Thema, von dem angesehenen jüdischen Schriftsteller und Rechtsanwalt Abel Herzberg 1950 als Teil des staatlichen Geschichtsbuchs Onderdrukking en Verzet („Unterdrückung und Widerstand“) verfasst, konnte sich diesem Muster nicht entziehen. Die Judenverfolgung war „eigentlich kein Teil der niederländischen Geschichte“, so Herzberg. „Sie hatte ihren Ursprung nicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen der Niederlande. Man kann sogar mit Sicherheit sagen, dass sie daraus gar nicht entstehen konnte. Sache der Niederländer war hingegen der Widerstand gegen die Judenverfolgung.“ Dieser Logik folgend beschrieb er auch die Geschehnisse: als ausführliche Chronik, kritisch, jedoch ohne besondere Beachtung des niederländischen Kontexts.

Scham, Misstrauen und Selbstzensur

Der nationale christlich-humanistische Diskurs, der Einheit und Kontinuität betonte, entsprach ganz der politischen Atmosphäre von „Disziplin und Askese“ in jenen Jahren. Die politische und wirtschaftliche Realität – der Wiederaufbau, die Restauration, die wachsenden internationalen Spannungen zwischen Ost und West – gab die Bedingungen vor. Allerdings deutet der Versuch, die problematischen und schmerzlichen Aspekte des Erinnerns zu verdrängen, auch auf Gefühle von Ohnmacht und Schuld hin. „Es ist nicht angenehm, ständig an das Leid anderer Menschen erinnert zu werden und sich dadurch häufig selbst verantwortlich zu fühlen für tatsächliche oder vermeintliche Fehler gegenüber denjenigen, die umgekommen sind oder schrecklich gelitten haben“, schrieb Eddy de Wind, Psychiater und Überlebender von Auschwitz, im Jahr 1949. Selbst in der Jüdischen Gemeinde bildete sich schon früh die Tendenz heraus, nicht zu oft und nicht zu lange bei der Erinnerung an die Wunden des Krieges zu verweilen. Es scheint sogar, als hätten viele niederländische Juden das vorherrschende Geschichtsbild dieser Jahre auf Kosten ihrer eigenen Erfahrungen internalisiert – Scham, Misstrauen und Selbstzensur spielten dabei mit Sicherheit auch eine Rolle: Sie schienen sich davor hüten zu wollen, als Individuum oder als Gruppe Anstoß zu erregen.

Angesichts dieser Tendenz, schmerzhafte oder gefühlsbeladene Erfahrungen von der öffentlichen Erinnerung auszuschließen, verwundert es nicht, dass gerade Das Tagebuch der Anne Frank und Das bittere Kraut von Marga Minco – beides Bücher, die aus der Perspektive unschuldiger heranwachsender Mädchen geschrieben sind – in jenen Jahren eine solche Resonanz fanden. Das Tagebuch, dessen erste limitierte Auflage 1947 erschienen war, erfuhr in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre – nicht zuletzt beeinflusst durch seine erfolgreiche Theaterbearbeitung in den USA – zahlreiche Neuauflagen. Dank der Einfachheit und des Wiedererkennungswerts der Erlebnisse wurde Anne Frank zu einer Ikone der Schuldlosigkeit. Das Tagebuch bot seiner Leserschaft reichlich Gelegenheit zur Identifikation, ohne die herrschenden Auffassungen vom Krieg in Frage zu stellen und sich das enorme Ausmaß der Verfolgung, das Schicksal der Millionen in den Ghettos und den Arbeitslagern, die totale Verlassenheit, die Barbarei, die Unmöglichkeit, der Selektion und der Vernichtung zu entkommen, zu stark bewusst machen zu müssen.

Im Tagebuch der Anne Frank glaubten sich die Niederländer selbst wieder zu erkennen. Dabei ging es weniger darum, das Bild der Niederlande als traditionelles Zufluchtsland für Verfolgte zu bestätigen, noch darum, das Phänomen „Untertauchen“ – die meist verbreitete Form des Widerstands – sowie die Hilfeleistung für Untergetauchte ausführlich zu beleuchten, sondern vielmehr um die Figur Anne Frank selbst. Sie symbolisierte die nationale Schuldlosigkeit, in ihr vereinten sich das Schicksal des jüdischen und des niederländischen Volks. Wenngleich erste Ansätze bereits in einigen frühen Denkmälern und Filmen zu finden sind, scheint diese Identifikation erst gegen Ende der fünfziger und in der ersten Hälfte der sechziger Jahre ihre endgültige Ausformung erlangt zu haben.

"De Bezetting"

Mit der monumentalen Dokumentarserie „De Bezetting“ („Die Besatzung“), deren 21 Folgen zwischen Mai 1960 und Mai 1965 meist an Gedenktagen ausgestrahlt wurden, erreichte die nationale Gedenkkultur ihren Höhepunkt. Dies war insbesondere dem Fernsehen zu verdanken, denn dieses Kommunikationsmedium entpuppte sich beim Durchbruch von „De Bezetting“ als der eigentliche Ort, an dem die öffentliche Erinnerung Gestalt erhielt. Wie in vielen anderen Ländern lassen sich auch in den Niederlanden die Muster und Ausrichtungen der öffentlichen Erinnerung seit den sechziger Jahren in erster Linie an den Darstellungen in den audiovisuellen Medien ablesen.

„De Bezetting“, in der Presse als großes nationales Ereignis bezeichnet, hinterließ seinerzeit bei den Zuschauern – die gebannt vor ihrem neuen Fernsehgerät saßen, mit dem gerade mal ein Programm empfangen werden konnte – einen unauslöschlichen Eindruck. Dieser Erfolg war vor allem dem Autor und Präsentator Loe de Jong zu verdanken, damals Direktor des Staatlichen Instituts für Kriegsdokumentation. Ihm gelang es, ein Gesamtbild zu schaffen, in dem individuelle Erinnerungen und Erfahrungen ihren Platz fanden und gleichzeitig für die Idee einer gemeinsamen Geschichte und eines gemeinsamen Schicksals genutzt werden konnten – Geschichte, eingebettet in eine dramatische Erzählung von Leid und Kampf, Treue und Verrat, Menschlichkeit und Barbarei, Gut und Böse, die schließlich mit der Wiederherstellung der ursprünglichen Ordnung endete.

Überwältigung, Unterdrückung und Widerstand

Schon in den ersten Minuten der Ausstrahlung des ersten Teils am 6. Mai 1960 wird der Grundstein für dieses „Nationalmonument“ gelegt. Noch vor dem Titel erscheint Zadkines Denkmal der zerstörten Stadt „De verwoeste stad“, ihm zu Füßen ein Rotterdamer Bürger, der von herannahenden Flugzeugen, fallenden Bomben und dem Flammenmeer berichtet, ein Zeugnis, gefolgt von lautlosen Bildern des alten Hafens, von Wasser und Schiffen, über die dann die Filmtitel projiziert werden. Anschließend erscheint de Jong in Frontalaufnahme an einem modernen Schreibtisch. Er bezieht sich auf die vorangegangenen Bilder, verknüpft sie mit seinen persönlichen Erinnerungen und schließt mit den Worten: „So hat jeder seine Erinnerungen an die fünf Tage im Mai und die darauffolgenden Jahre, und wenn wir darüber nachdenken oder sprechen und nach einem Begriff suchen, der das alles zusammenzufassen könnte, dann sagen wir ‚Die Besatzung‘ – und in diesen zwei Worten ist alles enthalten: die Überwältigung, die Unterdrückung und unser Widerstand.“

Damit ist der Grundton der Serie festgelegt. Auf für diese Zeit ungewöhnlich packende Weise erzählt die Dokumentation, wie dem ahnungslosen niederländischen Volk Gewalt angetan wird, es aber schließlich aufgrund seiner geistigen Kraft und Unbeugsamkeit – auf mitreißende Weise angeführt von seiner Königin – das Leid besiegt und schließlich ungebrochen aus diesem Kampf hervorgeht. Der Preis ist hoch, aber die Gerechtigkeit siegt. Diese Begriffe werden nicht nur wortwörtlich in der Serie benutzt, sie verweisen auch direkt auf das Fundament, auf dem der Film selbst ruht.

In der gängigen niederländischen Darstellung der Jahre 1940 bis 1945, deren Höhepunkt zweifellos „De Bezetting“ war, gab es keinen Platz für Gruppierungen, die möglicherweise an das kollektive Versagen, beispielsweise an die vielen Zweifler und halben Mitläufer, hätten erinnern können oder womöglich an dessen Opfer. Das heißt nicht, dass es diese Gruppierungen nicht gab. Die Dichotomie von Gut und Böse, von Vaterland und Feind, Standhaftigkeit und Versagen, wurde eher durch Abschwächung oder Betonung, Pointierung oder Überhöhung dargestellt. Dies betraf nicht allein den „tatsächlichen“ Inhalt von „De Bezetting“, sondern auch die Art und Weise der Präsentation: Musik, Kameraführung, Ton, Wortwahl und vor allem die Zeitzeugen. Der Tatsache, dass viele den Besatzern nur allzu bereitwillig folgten, wurde der politische Zündstoff genommen, indem man versuchte, den grundsätzlichen Unterschied zu „echten“ Kollaborateuren so deutlich wie möglich machen.


[1]  Frank van Vree: Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden, in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bonn 2000, S. 28 bis 41.

Autor
: Frank van Vree
Erstellt: Februar 2004