IX. Die frühe Nachkriegszeit 1945–1948*

Die zweite Hälfte der sechziger Jahre gilt allgemein als der eigentliche Beginn der Auseinandersetzung in der Bundesrepublik mit der nationalsozialistischen Vergan-genheit Deutschlands. Demnach habe die Jugend damals die Diskussion eröffnet oder bewußt durchbrochen, indem sie der älteren Generation bohrende Fragen stellte und die politischen und gesellschaftlichen Karrieren, die ehemalige Nationalsozialisten in der Bundesrepublik machen konnten, anprangerte. Zweifelsohne hat die Protestgeneration der sechziger Jahre in der Tat eine wichtige Rolle in der Debatte über das Dritte Reich gespielt. Sie ließ sich nicht mehr mit den geringen und oft oberflächlichen Kenntnissen über die nationalsozialistische Vergangenheit abspeisen, die Schule und Elternhaus ihr zumeist vermittelt hatten. Diese Generation, der die eigene Biographie insofern nicht im Weg stand, als sie frei von persönlicher Schuld, Verantwortung oder jedweder Verstrickung in das nationalsozialistische Regime war, stand der Vergangenheit unbefangener gegenüber und stellte Fragen, die viele bisher nicht zu stellen gewagt hatten oder nicht hatten stellen wollen. Das alles ist der Protestgeneration keineswegs abzusprechen. Allerdings übersah sie, daß die Debatte nicht erst 1966/67 oder ’68 begann, sondern schon 1945 eingesetzt hatte, wenn die Diskussion auch damals in anderem Ton geführt wurde.

In den ersten Nachkriegsjahren gab es nämlich sehr wohl eine Diskussion über Schuld und über die Ursachen des Nationalsozialismus, auch wenn diese Diskussion hauptsächlich von einer kleinen intellektuellen Minderheit geführt wurde und von den Besatzungsmächten mit initiiert worden war. In der Presse wurde ausführlich über die Nazizeit und die Verbrechen geschrieben, der Philosoph Karl Jaspers veröffentlichte 1946 Die Schuldfrage, [5]die evangelische Kirche trat im Oktober 1945 mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis an die Öffentlichkeit, und Politiker zogen Lehren aus der Vergangenheit. Barbro Eberan spricht in ihrer ausführlichen Studie über die Schulddebatte in der deutschen Presse zwischen 1945 und 1949 sogar über „eine intensive Auseinandersetzung mit der Schuldfrage“, die übrigens nicht so sehr „in Form einer offenen Debatte als vielmehr monologisch, indirekt und häufig auch verschlüsselt“ abgelaufen sei. [6] Ganz konkret hingegen war die Berichterstattung über die Nürnberger Prozesse von 1945/1946 gegen die Hauptkriegsverbrecher. In der Presse wurde ausführlich darüber berichtet, und Meinungsumfragen in der amerikanischen Besatzungszone ergaben, daß 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung der Berichterstattung über die Prozesse folgten und die vielen neuen Informationen, die diese Prozesse zutage förderten, als wahr, ja als ,Lektion‘ akzeptierten. Es gab eine weitgehende Zustimmung zu den Prozessen und zu den Urteilen, die sicherlich auch damit zu erklären ist, daß sich viele Menschen auf diese Weise als unschuldige ,Mitläufer‘ von Schuld freizusprechen trachteten.

Festzuhalten aber bleibt, daß die Nürnberger Prozesse wesentlich dazu beitrugen, das NS-Regime bei der deutschen Bevölkerung zu diskreditieren. Weitgehend läßt sich das auch über die Entnazifizierung sagen, die zu Unrecht als völliger Fehlschlag in die Geschichte eingegangen ist. Zugegeben, die Bezeichnung ,Mitläuferfabrik‘ ist nicht unberechtigt, und später waren Rehabilitationen an der Tagesordnung. Gemessen an den ursprünglichen Zielen ist die Entnazifizierung in der Tat mißglückt. Man könnte sagen, sie mußte mißglücken, denn die Alliierten beschränkten sich nicht auf die Säuberung der relativ kleinen Führungsschicht, sondern wollten die gesamte Bevölkerung ,durchleuchten‘. Dennoch trug auch die Entnazifizierung zu einer weiteren Abkehr vom Nationalsozialismus bei, auch wenn man das Ergebnis, daß viele anfänglich lediglich zwischen einem damals sogenannten ,anständigen‘ und ,unanständigen‘ Nazi zu unterscheiden wußten, wohl dürftig finden kann. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner der Diskussion über die Schuldfrage in den ersten Nachkriegsjahren, so fällt auf, daß vor allem in allgemeinen und metaphorischen Wendungen über die nationalsozialistische Vergangenheit gesprochen wurde und die Verbrechen selbst häufig nur verschleiert im Hintergrund standen. Es war eine Zeit ,des Unheils‘, von ,dämonischen Kräften‘, ein ,dunkles Kapitel‘ gewesen. [7] So ist das Ergebnis dieser frühen Auseinandersetzung einerseits nicht sehr weitreichend gewesen, andererseits wuchs eine breite öffentliche Distanzierung von der Nazizeit als normative Grundlage für die Bundesrepublik. [8]

Auch in den Niederlanden waren die ersten Nachkriegsjahre eine Phase relativ großer Aufmerksamkeit für die Besatzungszeit. Nach den Befreiungsfeiern des Sommers 1945 blieb das Bedürfnis nach gegenseitigen Erzählungen über die Jahre der Unterdrückung groß. Es war eine Periode des Wiedererlebens und Zeugnisablegens, der Betonung der Werte des Widerstandes wie Freiheit, Gerechtigkeit und Gemein-schaftsgefühl sowie eine Periode einer erhofften politisch-sozialen Erneuerung. [9] Diese Phase der intensiven Beschäftigung mit der Besatzungszeit, die auch die Säu-berung des öffentlichen Lebens von Kollaborateuren und die strafrechtliche Verfolgung politischer Delinquenten umfaßte, ging 1947–1948 zu Ende. Natürlich blieben die Erinnerungen an die Besatzungszeit frisch im Gedächtnis, und auf den jährlichen Gedenktreffen waren sie auch sozusagen kollektiv sichtbar. Aber gleichzeitig konnte man eine Müdigkeit und einen Widerwillen dagegen spüren, sich weiterhin intensiv mit den Jahren 1940–1945 zu beschäftigen. Literatur über den Widerstand, im Informationshunger der beiden ersten Nachkriegsjahre viel gefragt, wurden bereits 1947 zu reduzierten Preisen angeboten, weil die Nachfrage nachließ. [10]Tüchtigkeit, Wiederaufbaudenken und der Wunsch, ,nach vorne zu schauen‘, wurden bestimmend, während die zunehmenden Ost-West-Spannungen und die Indonesien-Frage die Kriegszeit in den Hintergrund drängten. Das Gemeinschaftsgefühl der Kriegszeit, das im ersten Nachkriegsjahr in der Diskussion um die politisch-soziale Erneuerung noch so stark gewesen war, hatte ebenfalls nachgelassen, und die Hoffnung auf Erneuerung war einer gewissen Enttäuschung über die dominierende politische Kontinuität zur Vorkriegszeit gewichen. Enttäuschung gab es auch in ehemaligen Widerstandskreisen über den Verlauf der politischen Säuberung und der strafrechtlichen Verfolgung, die nicht nach dem Schema von ,Gut‘ und ,Böse‘ durchzusetzen gewe-sen waren. Die Realität deckte sich nicht mit der vereinfachten Aussage von Königin Wilhelmina aus der Kriegszeit, daß es für Kollaborateure und Landesverräter in den befreiten Niederlanden keinen Platz mehr geben würde.

So zeigen die ersten Jahren nach 1945 im Umgang mit der Kriegszeit zwar große Unterschiede zwischen den Niederlanden und Deutschland auf. Aber gleichzeitig ist festzustellen, daß auf beiden Seiten der Grenze um 1948 eine Phase der relativ intensiven Auseinandersetzung – wie unterschiedlich sie in inhaltlicher Hinsicht auch war – abgeebbt war und der Blick wieder stärker auf die Zukunft gerichtet wurde, die inzwischen in vielen Bereichen Gestalt annahm. Die Entnazifizierung, die politische Säuberung und die strafrechtliche Verfolgung wurden vorerst abgeschlossen oder zumindest weitgehend zurückgedreht; der Kalte Krieg, die deutsche Teilung, die Zukunft der westlichen Zusammenarbeit und der wirtschaftliche Wiederaufbau rückten in den Vordergrund, und das Interesse für die jüngste Vergangenheit ließ nach.


*  Der Beitrag ist erschienen in: Friso Wielenga/ Loek Geeradts: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien (2001), Münster 2002.
[5]  K. Jaspers: Die Schuldfrage. Zur politischen Haftung Deutschlands, München 1946.
[6] B. Eberan: Luther? Friedrich ,der Große‘? Wagner? Nietzsche? ...?...? Wer war an Hitler Schuld? Die Debatte um die Schuldfrage 1945–1949, München 1985, S. 204 f.
[7] Vgl. H.-U. Thamer: Der Umgang der Deutschen mit der NS-Vergangenheit, in: FASSE u.a. (Hrsg.) (wie Anm. 2), S. 318.
[8] Vgl. F. Wielenga: Schatten deutscher Geschichte. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und der DDR-Vergangenheit in der Bundesrepublik, Vierow bei Greifswald 1995, S. 27-43.
[9] Vgl. J. Bank, Oorlogsverleden in Nederland, Baarn 1983, S. 8 ff.; Van Vree (wie Anm. 1), S. 55.
[10] Vgl. Blom (wie Anm. 2), S. 326.

Autor
: Friso Wielenga
Erstellt: 2002