II. Erinnern, Gedenken und Feiern – Der 4. und 5. Mai

Totenehrung am 4. Mai

Jedes Jahr ist es am 4. Mai um 20.00 Uhr für zwei Minuten still in den Niederlanden. Busse fahren an den Straßenrand, Beschäftigte legen ihre Arbeit nieder, die Menschen halten inne. Die Niederländer gedenken dem Ende des Zweiten Weltkrieges und seiner Opfer.

Der 4. Mai hat als Gedenktag in den Niederlanden eine lange Tradition. Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fanden am 4. Mai, dem Vorabend vor der Kapitulation der deutschen Besatzer in den Niederlanden, im ganzen Land zahlreiche Gedenkveranstaltungen zu Ehren der im Krieg Gestorbenen statt. Während in den ersten Jahren nach Kriegsende in erster Linie den gefallenen Soldaten und den Opfern des Widerstandes in den Niederlanden gedacht wurde, hat sich der Charakter der Gedenkveranstaltungen bis heute grundlegend verändert. Je weiter der Krieg zurücklag, desto mehr Beachtung schenkte man auch den übrigen Opfern von Krieg und Verfolgung: So wurde seit den 50er und 60er Jahren auch der Kriegsopfer außerhalb der Niederlande in Niederländisch-Indien und Korea gedacht. Ab den 60er Jahren öffnete sich der Blick für die in den Lagern und Gefängnissen umgekommenen Juden und die Überlebenden des Holocaust. Seit 1961 stehen nicht mehr nur die Opfer des Zweiten Weltkrieges im Mittelpunkt sondern auch diejenigen, die seit 1940 im Krieg oder bei Friedenseinsätzen umgekommen sind. In den 80er Jahren kamen weitere Verfolgte wie Sinti und Roma, Homosexuelle und Zwangsarbeiter hinzu. Seit den 90er Jahren ist auf lokaler Ebene vermehrt möglich, was jahrzehntelang undenkbar erschien: gemeinsam mit deutschen Gästen auch der deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu gedenken.

Nationales Gedenken

In Anwesenheit der Königlichen Familie und von Regierungsvertretern wird in einer zentralen, nationalen Gedenkveranstaltung in Amsterdam aller Menschen gedacht, die seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Kriegsgebieten oder bei Friedenseinsätzen ums Leben kamen. Die öffentlichen niederländischen Fernsehsender übertragen die Feierlichkeiten in Amsterdam live im Fernsehen.

Die Veranstaltung beginnt um 18.50 Uhr in der Nieuwe Kerk. Daran nehmen ca. 1.700 geladene Gäste teil, darunter die Königin, Würdenträger und Vertreter der rund 80 verschiedenen Kriegsopferorganisationen. Seit 1992 ist es üblich, dass jeweils ein Schriftsteller einen eigens für diese Gelegenheit verfassten Text, den sogenannten 4.Mai-Vortrag, rezitiert. So waren u.a. bereits Marga Minco, Harry Mulisch und Remco Campert als Sprecher geladen. 2009 hielt Wim de Bie den 4.Mai-Vortrag und sprach über seine Kindheit während des Krieges in Den Haag.

Im Anschluss an die Veranstaltung in der Nieuwe Kerk schreitet die Königin gemeinsam mit Prinz Willem Alexander, Prinzessin Maxima und einigen Würdenträgern durch ein Spalier von Kriegsveteranen zum Nationalen Monument auf dem Dam, wo die Feierlichkeiten fortgesetzt werden.

„Während des Nationalen Gedenkens gedenken wir aller – Bürger und Soldaten – die im Königreich der Niederlande oder an einem anderen Ort der Welt seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bei Kriegshandlungen oder bei Friedensmissionen umgekommen sind,“ spricht ein Vertreter des nationalen Komitees 4. und 5. Mai, das die Veranstaltung organisiert, feierlich vor ca. 15.000 Anwesenden. Und weiter: „Alle Erinnerungen daran kommen während des Nationalen Gedenkens zusammen. Um acht Uhr ist es überall in den Niederlanden für zwei Minuten still. Zwei Minuten, in denen wir realisieren, dass wir hier in Freiheit still sein können und dürfen. Zum Gedenken an alle, die umgekommen sind, legen ihre Majestät die Königin und seine königliche Hoheit der Prinz von Oranien-Nassau den ersten Kranz am Nationalen Monument nieder.“

Bedächtig treten Königin Beatrix und Prinz Willem Alexander zur Kranzniederlegung vor. Im Anschluss daran läutet das Taptoe-Signal, ein militärisches Trompetensignal, ähnlich dem Last Post, zwei Schweigeminuten ein. Ganz still wird es, trotz der unzähligen Menschen. Lediglich ein verhaltenes Räuspern oder Hüsteln ist zu vernehmen und das Flattern der Flagge im Wind. Das Schweigen wird von einsetzender Musik beendet und die Anwesenden stimmen in die erste Strophe des Wilhelmus, ihrer Nationalhymne, ein. Ein identitätsstiftender Moment.

Eine beeindruckende Erfahrung

Nachdenklich stimmt das Gedicht „Immer wieder neu“, das die 18-jährige Schülerin Manon Slob während des Nationalen Gedenkens 2009 auf dem Dam in Amsterdam vorträgt. Sie ist eine der Gewinnerinnen des „Dichter bij 4 mei“ Wettbewerbes des Nationalen Komitees 4. und 5. Mai. Der Wettbewerb, der seit 1998 besteht, ruft Schüler zwischen 15 und 19 Jahren auf, anlässlich des 4. Mais Gedichte zum Thema Gedenken zu verfassen. Jedes Jahr findet der Wettbewerb in einer anderen Provinz des Landes statt. Die Gewinner werden eingeladen, ihre Gedichte beim Nationalen Gedenken auf dem Dam sowie bei den Gedenkveranstaltungen in den ehemaligern Lagern Westerbork, Vught und Amersfoort vorzutragen.

Für Manon ein eindrucksvoller Moment: „Ich finde Gedenken sehr wichtig und bin froh, dass ich etwas zum Nationalen Gedenken habe beitragen können. Das war eine sehr beeindruckende Erfahrung.“

Ähnlich wie Manon misst der Großteil der niederländischen Jugendlichen dem Gedenken an die Opfer des Krieges eine große Bedeutung zu. Laut aktueller Umfrageergebnisse gedenken 68% der dreizehn- bis vierundzwanzigjährigen befragten Niederländer am 4. Mai der Kriegsopfer. In der Wahrnehmung der Jugendlichen nimmt der 5. Mai jedoch einen größeren Stellenwert ein. Während eine große Mehrheit der Bevölkerung angibt, dass sowohl Gedenken als auch Feiern für den Großteil der Bevölkerung wichtig seien, sagen die befragten Jugendlichen, dass für sie persönlich der Aspekt des Feierns (50%) wichtiger sei als der des Gedenkens (38%). [3]

Die Flaggen auf Halbmast

Nicht nur auf dem Dam in Amsterdam wird der Opfer des Krieges gedacht. Im ganzen Land gibt es am Abend des 4. Mai Gedenkveranstaltungen. Wie diese jeweils gestaltet werden, entscheiden die Städte und Gemeinden und die örtlichen Gedenkkomitees. Grundsätzlich gilt, dass an allen öffentlichen Gebäuden von 18.00 Uhr bis zum Sonnenuntergang um ca. 21.00 Uhr die Flaggen auf Halbmast hängen. Lediglich am Ort der jeweiligen Gedenkveranstaltung wird die Flagge nach Ablauf der zwei Schweigeminuten um 20.02 Uhr gehisst. Von 19.45 Uhr bis kurz vor 20.00 Uhr läuten die Kirchenglocken.

Ab 20.00 Uhr werden am Ort der Gedenkveranstaltung und in der direkten Umgebung zwei Minuten des Schweigens eingehalten. Städte und Gemeinden sind angewiesen, um 20.00 Uhr die Straßenbeleuchtung einzuschalten und um 20.02 Uhr wieder auszuschalten, um auf die Art und Weise den Beginn und das Ende der Stille deutlich zu machen.

Der öffentliche Nahverkehr wird gebeten, wo möglich den Verkehr für die Dauer der Schweigeminuten zu stoppen. Nach den Schweigeminuten werden üblicherweise 1-2 Strophen des Wilhelmus gesungen.

Wie letztendlich der Opfer gedacht wird, ist sehr unterschiedlich. Mancherorts findet lediglich eine Kranzniederlegung statt. Andernorts wird ein Gottesdienst gefeiert, werden Schweigemärsche veranstaltet, Ansprachen gehalten oder Gedichte vorgelesen. Auch der Ort des Gedenkens kann variieren: örtliche Denkmäler, Kirchen oder öffentliche Gebäude sind Schauplätze der Gedenkveranstaltungen.

Befreiungstag am 5. Mai

Am späten Abend des 4. Mais 2009 wird das Friedensfeuer wie jedes Jahr vom Wasserwerk zum Marktplatz in Wageningen gebracht. Von dort wird es in der gleichen Nacht von Läufern ins neunzig Kilometer entfernte Zwolle getragen, wo in diesem Jahr das Befreiungsfestival eröffnet wird.

Seit mehr als sechzig Jahren brennt das Friedensfeuer in Wageningen. Dorthin war es 1948 aus Bayeux in der Normandie gebracht worden. Bayeux war am 7. Juni 1944 als erste Stadt nach der Landung der Alliierten befreit worden. Von Wageningen aus, wo 1945 die deutsche Kapitulation in den Niederlanden unterzeichnet worden war, wird das Symbol des Friedens und der Freiheit jedes Jahr ins ganze Land getragen.

Am Morgen treffen die Läufer mit dem Friedensfeuer in Zwolle ein. In einem symbolischen Akt entfacht Ministerpräsident Balkenende damit gegen 12.30 Uhr ein Feuer und gibt dadurch das Startzeichen für die Feierlichkeiten zum 5. Mai, dem Tag, an dem die Niederländer die Befreiung nach fünfjähriger Besatzungszeit feiern.

Jedes Jahr ist eine andere Provinzhauptstadt Schauplatz der nationalen Eröffnungsfeier. 2009 ist es Zwolle, das mit einem umfangreichen Programm aufwartet. Während im späteren Tagesverlauf ausgiebig und ausgelassen gefeiert wird, geht es auf der Auftaktveranstaltung mit dem offiziellen Programm noch einmal nachdenklich zu. Seit 1995 ist es üblich, die Feierlichkeiten mit einer Lesung zu beginnen. In diesem Jahr spricht Staatssekretär Frans Timmermans zum diesjährigen Motto „Freiheit und Identität“ unter dem der 4. und 5. Mai stehen. Seine 5.Mai-Lesung „Sag mir wer ich bin“ wird übrigens - ebenso wie der Vortrag von Wim de Bie am Vortag - später im Buchhandel erscheinen, in dem jährlich die Ansprachen zum 4. und 5. Mai veröffentlicht werden.

Dass der 5. Mai ein Nationalfeiertag ist, bedeutet für die Niederländer übrigens nicht automatisch, dass es sich um einen arbeitsfreien Tag handelt. Die niederländische Regierung hat dies nicht gesetzlich geregelt, sondern Arbeitgebern und Arbeitnehmer selbst überlassen. Lediglich wenn der 5. Mai als arbeitsfreier Tag in den Arbeitsvertrag oder den Tarifvertrag aufgenommen wurde, handelt es sich um einen bezahlten freien Tag. Für Schüler allerdings gilt: Am 5. Mai ist schulfrei.

Freiheit feiern

Überall im ganzen Land werden anlässlich des Nationalfeiertages zahlreiche Veranstaltungen und Aktivitäten organisiert. In Amsterdam und den Hauptstädten der zwölf niederländischen Provinzen finden die Befreiungsfestivals statt. Hunderttausende Besucher strömen zu den dreizehn Festivals auf denen von Pop bis Rock alles geboten wird. Mehr als 250 Bands treten auf 40 Bühnen auf, darunter Guus Meeuwis, Ilse Delange und Kane aber auch weniger bekannte lokale Bands. Zusammen bilden sie das größte Musikereignis in den Niederlanden mit mehr als 750.000 Besuchern.

Bekannte Stars wie Ellen ten Damme oder der Rapper Typhoon treten als „Botschafter für die Freiheit“ auf. Sie reisen per Helikopter zu den verschiedenen Festivals und rufen die Besucher auf, sich für Freiheit einzusetzen. Daneben wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten.

Kalt und regnerisch ist es am Abend des 5. Mais 2009. Doch das tut dem Fest keinen Abbruch. Auch das Nationale Konzert am Abend in Amsterdam ist gut besucht. Es bildet den Abschluss des Befreiungstages.

Die Musiker der Königlichen Militärkapelle „Johann Willem Friso“ und die Solisten treten auf einer schwimmenden Bühne auf der Amstel auf. Zahlreiche Zuhörer auf dem Lande und zu Wasser lauschen den festlichen Klängen des Orchesters. Live im niederländischen Fernsehen übertragen ist das nationale Konzert das klassische Konzert mit den höchsten Einschaltquoten. Traditionell besteht das Programm aus leichter klassischer Musik. 2009 ist das Programm aufgrund des Anschlags auf die Königliche Familie am Königinnentag besinnlicher. Es werden u.a. verschiedene Arien der Oper Carmen von George Bizet sowie die Nocturne von Tschaikowsky gespielt. Den Auftakt bildet wie in jedem Jahr die Intrada von Monteverdi.

„We’ll meet again some sunny day“, singen die Sänger begleitet von der Militärkapelle zum Abschluss des Konzertes und Königin Beatrix verlässt die Veranstaltung auf einem Boot unter dem Applaus der Anwesenden. Das Ende eines besonderen Tages.

Nationales Komitee 4. und 5. Mai

Organisiert werden die nationalen Feierlichkeiten um den 4. und 5. Mai seit 1987 vom Nationalen Komitee 4. und 5. Mai. Zuvor waren unterschiedliche Komitees mit der Organisation des Totengedenktages sowie des Befreiungstages betraut. Mit der Einführung des nationalen Komitees sollte deutlich gemacht werden, dass beide Tage inhaltlich zusammengehören: das Feiern der wieder gewonnenen Freiheit nach fünfjähriger Besatzungszeit und das Gedenken an die Menschen, die für den Kampf um die Freiheit ihr Leben ließen. Außerdem erschien eine neue Ausrichtung der Feierlichkeiten angesichts sich verändernder internationaler Beziehungen und der Tatsache, dass die Zahl derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, stets kleiner wird, notwendig. Während der 5. Mai früher ganz im Zeichen der Feier der Befreiung stand, ist seine Botschaft heute zukunftsgerichtet. Im Vordergrund stehen universelle Werte wie Freiheit und Menschenrechte.

Alle fünf Jahre ruft das Komitee ein bestimmtes Thema aus, aus dem sich das jeweilige Motto der jährlichen Aktivitäten zum 4. und 5. Mai ableiten lässt. Seit 2006 stehen der 4. und 5. Mai unter dem Motto „Freiheit macht man gemeinsam“. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Freiheit keine feste Größe, sondern das Produkt gemeinsamen menschlichen Handelns ist. 2009 standen die Gedenkveranstaltungen und Aktivitäten am Befreiungstag unter dem Zeichen „Freiheit und Identität“. Anhand des übergreifenden Themas soll nicht nur die Zusammengehörigkeit von 4. und 5. Mai verdeutlicht werden, sondern auch ein Aktualitätsbezug hergestellt werden. Gerade auch für die Generationen, die den Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt haben.

Denkmäler „adoptieren“

Eines der Anliegen des Nationalen Komitees 4. und 5. Mai ist es, Kinder und Jugendliche an das Thema Gedenken heranzuführen und in die Gedenkveranstaltungen einzubeziehen. So nahmen beispielsweise neben der Gewinnerin des Gedichtwettbewerbs 2009 63 Kinder der Amsterdamer Grundschulen am Nationalen Gedenken teil und legten Blumen am Denkmal nieder.

Auch die Initiative „Adoptier ein Denkmal“ des Nationalen Komitees versucht diesem Gedanken Rechnung zu tragen. Im Rahmen dieser Initiative „adoptieren“ die höchsten Klassen der Grundschulen und die niedrigsten Klassen weiterführender Schulen ein örtliches Denkmal. Das beinhaltet, dass sich die Schüler der Schule eingehend mit der örtlichen Geschichte auseinandersetzen, für die dieses Denkmal steht. Sie nehmen an einer Gedenkveranstaltung teil, die an ihrem Denkmal stattfindet und werden so mit den Ritualen und Traditionen des Gedenkens vertraut. Außerdem besteht die Möglichkeit, ihre Erfahrungen auf einer eigenen Website zu veröffentlichen.

Online sind nicht nur einige der „adoptierten“ Denkmäler. Das nationale Komitee 4. und 5. Mai unterhält außerdem eine Datenbank, in der mehr als 2.300 Denkmäler verzeichnet sind, die seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum Gedenken an den Krieg und seine Opfer in den Niederlanden errichtet wurden. Hier kann per Schlagwort oder Ort nach bestimmten Denkmälern und zum Teil auch nach Gedenkstätten gesucht werden. Neben einem Foto des Denkmals liefert die Datenbank Eckdaten zu Form, Material, Text, Symbolik und Standort.


[3]  Vgl. Jongeren vinden 5 mei belangrijker dan 4 mei; Verhue, Dieter/ van Kalmhout, Rogier/ Binnema, Harmen: Nationaal Vrijheidsonderzoek 2009. Draagvlakdeel. April 2009.

Autorin
: Anne Avenarius
Erstellt: Oktober 2009