V. Ein Geschichtsbild kippt

Doch konnte die legendäre Serie “De Bezetting“ ihren Denkmalcharakter nicht lange beibehalten. Noch bevor der letzte Teil 1965 gesendet wurde, gab es erste Anzeichen für einen Umschwung, nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in anderen Ländern. Dieser Wende, die sich innerhalb kurzer Zeit und schubweise vollzog, ging ein wieder auflebendes Interesse an den Kriegsjahren - in Form von Spiel- und Dokumentarfilmen und auch bedingt durch den Eichmann-Prozess – voraus. Selbstverständlich muss diese Entwicklung in Zusammenhang mit der kulturellen Revolution der sechziger Jahre betrachtet werden, einer geistigen Wende, bedingt durch eine Reihe sich gegenseitig beeinflussender Faktoren: schnell wachsender Wohlstand und neue soziale Verhältnisse, steigendes Bildungsniveau, Verbreitung des Fernsehens, Autos, Tourismus, freie Jugendkultur. Verschiedene Entwicklungen in der Weltpolitik wie die Entkolonisierung, die Vitalität der amerikanischen Kultur, die allmähliche Verringerung internationaler Spannungen und die Erneuerungsbewegungen in den Weltkirchen trugen ebenfalls dazu bei. [1]

Politisierung der Erinnerung

Erst in dieser unruhigen, rebellischen und optimistischen Zeit, in der traditionelle Normen und Werte auf den Prüfstand kamen, entstand auch Raum dafür, Phänomene, die man damals als Versagen der Führung, Mitläufertum, kleinkariertes Bürokratentum und fehlende Zivilcourage ansah, zu thematisieren. Die Erinnerung an den Krieg wurde politisiert: Die Gefügigkeit während des Kriegs war ein Grund dafür, die bürgerlichen Herrschaftsverhältnisse und die Moral der breiten Masse, die sich sklavisch den bestehenden Verhältnissen unterordnete, abzulehnen. Kurzum, der Krieg schien ein unerschöpfliches Reservoir an Argumenten zu bieten, die als Munition für die heftigen politischen und kulturellen Konfrontationen dieser Jahre dienten. Jacques Presser legte 1965 in seinem umfassenden Werk über den Untergang des Judentums die peinlichen Defizite auf niederländischer Seite offen. Zuvor hatten bereits einige junge Leute, die den Krieg als Kind miterlebt hatten, wie Renate Rubinstein, W.L. Brugsma, Henk Hofland und Jan Rogier, für heftige Verwirrung gesorgt: Sie hatten gefragt, ob nicht die Geschichte des Krieges den schlüssigen Beweis für das Scheitern der bürgerlichen Normen und Werte, der traditionellen Ideologien und der vermeintlichen Überlegenheit der westlichen Zivilisation liefere. Solche Ideen waren nicht gänzlich neu: Schriftsteller wie W.F. Hermans, Gerard van het Reve, Lucebert und Harry Mulisch hatten schon früher ihre Zweifel angemeldet. Jetzt traten diese Auffassungen jedoch aus dem Dunstkreis der Kunst und Literatur heraus und gewannen schnell an politischer Bedeutung.

Den Durchbruch für die Verankerung der „Endlösung“ in der kollektiven Erinnerung brachte 1965 „Ondergang“, die bereits erwähnte Studie von Jacques Presser über die Judenverfolgung. Innerhalb eines Jahres wurden hunderttausend Exemplare davon verkauft. „Selten wird eine wissenschaftliche Arbeit so schnell und so umfassend für sakrosankt erklärt“, schrieb der Historiker Jan Bank später in einer Betrachtung über das Bild vom Krieg und die Wechselwirkung zwischen Geschichtsschreibung und Massenmedien. Die Reaktionen auf dieses gigantische „In memoriam“ wurden beherrscht von „Gefühlen der Erschütterung und Bestürzung, von Schuld und Beileidsbezeugungen“, so Bank, der hierin einen Hinweis dafür sah, dass „man sich zum ersten Mal über das Ausmaß der Katastrophe der Judenverfolgung in den Niederlanden bewusst zu werden schien. Die Reaktion hierauf war eine beinah kollektive Erkenntnis zumindest passiver Schuld.“

Neue Formen des Gedenkens

Mit der tiefgreifenden Veränderung im Denken über die Besatzung und die nationalsozialistische Vernichtungspolitik traten neue Themen und Formen in den Bereich des öffentlichen Erinnerns. Es entstanden neuartige Denkmäler, die von einem völlig anderen Geist beseelt waren und bei denen nur noch wenig von dem traditionellen Diskurs zum Thema Gedenken zu spüren war. Ebenso wie bei der ständig zunehmenden Zahl von Fernsehfilmen über den Zweiten Weltkrieg – zusammengenommen sicher mehr als ein Drittel aller historischen niederländischen Dokumentarfilme – richtete sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Opfer. Der gleiche Prozess vollzog sich in der Presse, die seit Beginn der sechziger Jahre deutlich mehr und nuancierter über die Judenverfolgung schrieb. Dies alles schlug sich unmittelbar in den aktuellen politischen Fragestellungen nieder. So lässt sich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der breiten und vorbehaltlosen Sympathie für Israel und der schuldbewussten Identifikation mit den verschwundenen jüdischen Mitbürgern herstellen.

Etwa gleichzeitig mit der Rückkehr des Themas „Zweiter Weltkrieg“ in die Politik kamen auch die individuellen Traumata zur Sprache, in den Niederlanden ebenso wie in anderen Ländern. Die Betäubung der ersten Nachkriegsjahre war vorüber und der Schock über das Ausmaß des Leidens groß, wie die heftigen und emotionalen Reaktionen auf den Dokumentarfilm „Begrijpt U nu waarom ik huil“ („Begreift Ihr jetzt, warum ich weine“) über das KZ-Syndrom zeigten, den Louis van Gasteren 1969 für das niederländische Fernsehen drehte (Bild rechts: "Der Preis des Überlebens" praktisch die Fortsetzung von "Begreift ihr jetzt,..." auch von van Gasteren). Das Erkennen der psychischen und körperlichen Schäden durch die Erfahrungen im Lager schlug sich in materieller und immaterieller Sorge für die Widerstands- und Verfolgungsopfer nieder. War die Aufmerksamkeit in den ersten Nachkriegsjahren fast ausschließlich auf die Opfer militärischer und „illegaler“ Aktionen gerichtet, so wurde sie nun auf die Überlebenden der Lager und Gefängnisse gelenkt. Diese Entwicklung sollte in den folgenden Jahrzehnten noch zunehmen und zu einer Vielzahl von Kriegsopferkategorien führen, mit eigenen Interessengruppen, Regelungen und Denkmälern.

Diese Verschiebung wurde auch bei den jährlichen Gedenkfeiern am 4. und 5. Mai erkennbar. Fast überall nahmen seit den siebziger Jahren immer mehr Menschen an den Totengedenkfeiern teil. Dieses Interesse ist nicht allein zurückzuführen auf eine Identifikation mit den verschiedenen Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen und Lagerhäftlingen in Indonesien, sondern auch darauf, dass aufgrund der moralischen Bedeutung der Kriegsgräuel ein öffentliches Gedenken unverzichtbar schien. Die „Endlösung“ ist „der neue Maßstab für unser Verhalten“ geworden, so Huib Schreurs, Direktor des Amsterdamer Poptempels „Paradiso“ 1988 in einer Diskussion über die Bedeutung religiöser und nichtreligiöser Rituale. Für ihn war die Gedenkfeier zum 4. Mai das einzig echte Ritual, das „die Existenz des Gewissens bestätigt“. Zweifellos sprach Schreurs vielen Menschen seiner Generation aus der Seele. Wenn auch nicht in Zusammenarbeit mit lokalen oder staatlichen Behörden, so entwickelten gesellschaftliche Einrichtungen und Organisationen doch Initiativen, die dazu beitrugen, das Thema zu aktualisieren, indem sie beispielsweise am Befreiungstag Demonstrationen gegen Rassismus organisierten. Dieser Entwicklung folgt schließlich auch das „Nationale Komitee 4./5. Mai“, 1987 durch Königlichen Beschluss erneut eingesetzt, voll und ganz in Aufgabenstellung und Aktivitäten.

„Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will“

Seit den sechziger Jahren schob sich die systematische Ermordung der von den Nationalsozialisten als „minderwertig“ eingestuften Gruppen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Niederlande allmählich ins Zentrum des öffentlichen Erinnerns. Nicht zufällig fiel diese Verschiebung mit der Erosion der traditionellen ideologischen, religiösen und nationalen Geschichtsbilder der westlichen Gesellschaft zusammen. Ja, stärker noch: Auschwitz war das Symbol par excellence für das Scheitern des traditionellen Nationalismus, des linearen Fortschrittsglaubens und der großen politischen Ideologien. Immer öfter stößt man seitdem auf das Thema „nationalsozialistische Vernichtungspolitik als das Ende des Traums von der Aufklärung, des Glaubens an den moralischen Fortschritt und der Idee der Überlegenheit der westlichen Zivilisation, als den nicht heilbaren Bruch in der Geschichte“. Hierauf zielte auch der Schriftsteller und Bildhauer Jan Wolkers ab, als er 1977 seine Skulptur „Nooit meer Auschwitz“ („Nie wieder Auschwitz“) auf dem Friedhof „Nieuwe Oosterbegraafplaats“ in Amsterdam an der Stelle enthüllte, wo zu Beginn der fünfziger Jahre eine Urne mit Asche aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau beigesetzt worden war. „Wie kann man eine Form finden, um eines Unrechts zu gedenken, von dem man das Gefühl hat, es sei selbst in zwei oder zweitausend Jahrhunderten noch nicht erloschen, wenn sich unser Planet längst im Weltall aufgelöst haben wird. Du kannst dir dein Hirn bis zum Zerspringen zermartern, um ein Bild darin aufsteigen zu lassen, das die Schande und das Leid auch nur annähernd wiedergeben könnte. Du schaust in den Himmel, und du kannst nicht begreifen, wie dieses blaue Firmament sich über das Entsetzen ebenso unberührt und friedlich ausgebreitet hat wie über einer Blumenwiese. Und in einer plötzlichen Vision von Gerechtigkeit siehst du die blaue Luft über dir in Sprünge reißen, als habe das Entsetzliche, das da auf der Erde unter ihr geschehen ist, ein für alle Mal die Ewigkeit geschändet.“ In den zerbrochenen Spiegelplatten des Monuments spiegelt sich der geschändete Himmel.

"Schuldige Mitläufer"

Die kulturelle Revolution der sechziger und siebziger Jahre führte nicht nur zu einer grundlegenden Veränderung der Art und Weise, wie des Kriegs gedacht wurde; auch wandelte sich, wie die Gedenkkultur und die Behandlung von Betroffenengruppen während der ersten Nachkriegsjahrzehnte eingeschätzt wurden. Und so kommt es, dass diese Geschichte bis zum heutigen Tag immer wieder aufs Neue Anlass zu Erregung und Entsetzen gibt – Entsetzen, nicht allein über fehlende Unterstützung für die jüdischen Mitbürger oder über die Kollaboration des Staatsapparates während des Krieges, sondern auch über den „unangemessenen Charakter“ des Gedenksteins des „Amsterdamer Gemeinsinns“, die Behandlung der Überlebenden aus den Lagern und deren mühsamen Kampf, gestohlenes Eigentum zurückzuerhalten, den Umgang mit Sinti und Roma und Menschen, die in Wagenburgen leben, die in den sechziger Jahren mit genau denselben Beamten wie während der Besatzungszeit konfrontiert waren.

Das Gefühl, dass die Gesellschaft versagt hat, scheint mit den Jahren noch stärker geworden zu sein. Sowohl in den Niederlanden als auch in anderen Ländern wird folgende „Wahrheit“ immer wieder neu postuliert: Die Gesellschaft bestand mehrheitlich aus schuldigen „Mitläufern“. In der Literatur und in Dokumentarfilmen, aber auch in der politischen Philosophie und der Theologie „nach Auschwitz“ ist dieses Thema mittlerweile so dominant geworden, dass die Demonstrationen von Widerstand und Solidarität dahinter zu verschwinden scheinen.


[1]  Frank van Vree: Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden, in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001. Bonn 2000, S. 28 bis 41.

Autor
: Frank van Vree
Erstellt: Februar 2004