XXI. Skurriler Streit um den „Anne-Frank-Baum“ in Amsterdam

„Einen Baum fällen“ und „Anne Frank“ - das sind für sich allein schon emotionsgeladene Begriffe. In der Kombination führten sie zu einem Streit, der im November 2007 vor Gericht gelandet ist. Die Kastanie ist der älteste Baum der Amsterdamer Altstadt. Um 1850 gepflanzt, gedieh sie prächtig im Windschatten des geschlossenen Innenhofs zwischen Keizers- und Prinsengracht. Anne Frank konnte sie vom Hinterhaus aus sehen, wo sie und ihre Familie sich zwei Jahre lang vor den Nazis versteckten. Drei Mal erwähnte sie den Baum in ihrem millionenfach verkauften Tagebuch, zuletzt am 13. Mai 1944: „Unser Kastanienbaum steht von unten bis oben in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“ Die folgende Kastanienblüte erlebte Anne Frank nicht mehr. Sie starb kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Rund 60 Jahre später war das weitgehend erhaltene Hinterhaus-Versteck ein sehr gut besuchtes Museum zur Judenverfolgung: das Anne-Frank-Haus. Doch der Baum war krank. Am 21. November 2007 sollte er gefällt werden, was ein Gericht im Eilverfahren nur wenige Stunden zuvor verhinderte - vorläufig. Die Alternativen zur Abholzung seien nicht genug untersucht worden, urteilte der Richter. Das Gerichtsverfahren war der vorläufige Höhepunkt eines länger laufenden Streits.

Wie krank ist der Baum? - Widersprüchliche Gutachten

1993 hatte die Stadtverwaltung den monumentalen Baum, der in einem Privatgarten steht, in ihre Obhut genommen. Die Stadt hat nach eigenen Angaben 200.000 Euro in den Baum investiert. Unter anderem für eine Bodensanierung rund um die Baumwurzeln, die durch ausgetretenes Heizöl gelitten hatten. Mehr Geld in diesen Baum zu stecken, lohne sich nicht mehr, hieß es. Im März 2007 erlaubte die Stadtverwaltung Privatbesitzer Henric Pomes den Baum zu fällen. Grundlage war ein Gutachten der Firma Pius Floris Boomverzorging. Der 27 Tonnen schwere und über 20 Meter hohe Koloss drohe umzustürzen, denn er sei von Pilzen zerfressen und zu großen Teilen abgestorben. Fällen sei die einzige Option, so der Gutachter.

Anwohner erhoben Einspruch und bekamen bis zum 1. Januar 2008 Zeit, Alternativen zu entwickeln. Doch am 8. November erschien ein weiteres Gutachten der Firma Pius Floris demzufolge akute Gefahr für die Umgebung bestünde, da das Holz rapide absterbe, 76 Prozent des Stammes seien bereits tot. Daraufhin beantragte Eigentümer Henric Pomes - mit ausdrücklicher Unterstützung der Anne-Frank-Stiftung und der Stadtverwaltung - noch vor Ablauf der Einspruchsfristen die Notfällung.

Dagegen zogen Anwohner und die Niederländische Baumstiftung vor Gericht. Gutachten anderer Sachverständigen hätten ergeben, dass der Baum zweifellos krank sei, aber mit Stützkonstruktionen noch Jahrzehnte lang gefahrlos im Hinterhof stehen bleiben könnte.

Medienrummel um das Symbol für Hoffnung und Leben

Nachbarin Helga Fassbinder: „Der Baum hat große symbolische Bedeutung. Er ein lebendiges Kulturhistorisches Monument. Er ist der letzte lebendige Zeuge für Anne Frank und bedeutete für sie wohl Leben und Hoffnung“, so die Stadtplanerin. Dementsprechend groß war das Medieninteresse am Schicksal der Anne-Frank-Kastanie. Als der Richter den Baum am Vorabend der geplanten Fällung in Augenschein nahm, folgte ihm ein großer Tross internationaler Journalisten.

Schon seit März 2007, als der schlechte Zustand des Anne-Frank-Baumes und die Fällgenehmigung bekannt wurden, häufen sich bei der Amsterdamer Stadtverwaltung  Anfragen aus aller Welt wegen des kranken Baumes. So wünscht sich eine jüdische Privatschule in den USA einen Ast, um ihn hinter Glas zu bringen. Der Anne-Frank-Baum inspirierte Künstler: Aus dem Holz könne man einen Tisch für Friedensverhandlungen machen. Oder eine Sitzbank für die Besucher in der immer zu langen Warteschlange vor dem Anne-Frank-Haus. Oder Spazierstöcke, oder Vogelhäuschen. Oder den ganzen Baum in Kupfer gießen. Doch den Anfragen wurde nicht stattgegeben. Das größtenteils morsche Holz soll in den Häcksler.

Einzelne „reinrassige“ Anne-Frank-Kastanie für fast 7.000 Euro

„Es ist unmöglich alle Anfragen zu bedienen. Wir wollen das Holz der Natur zurück geben“, bestätigte Hans Westra, Leiter der Anne-Frank-Stiftung. „Wir wollen Anne Frank nicht kommerzialisieren. Und der Baum ist schon seit 2005 nicht mehr wirklich Annes Baum, denn die Krone wurde stark beschnitten, um ihn zu stabilisieren. Wir wollen lieber einen jungen, gesunden Baum, als die abgetakelten Reste des Originals“, sagte Westra, nachdem der Richter die Notfällung ausgesetzt hatte. Er macht sich Sorgen um die Sicherheit der umstehenden Häuser und sähe den Baum gerne so schnell wie möglich entfernt.

Dass ein Nachbar eine einzelne Kastanie des Baumes im Internet versteigert hat und dafür 10.240 Dollar bekam, bezeichnete der Leiter der Anne-Frank-Stiftung als „geschmacklos“. Auch ein Beobachter äußerte sich verwundert: „Es ist schon eigenartig, dass im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns ausgerechnet einer „reinrassigen“ Kastanie so viel Wert zugemessen wird.“

Sturm fällt Baum

Als Kompromiss und Lösung des Konflikts ließ die Gemeinde den Baum 2008 stark stutzen und eine Stahlkonstruktion zur Unterstützung des Baumes anfertigen. Man nahm an, dass der Baum so noch gute fünf bis fünfzehn Jahre überleben könne (NiederlandeNet berichtete).

Doch ein Sturm fällte die Kastanie am 23. August 2010 zusammen mit der stählernen Stützkonstruktion. Der Baum brach ungefähr einen Meter über dem Boden ab (NiederlandeNet berichtete).


Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt:
Dezember 2007
Aktualisiert: Juni 2014, Online-Redaktion