XVIII. Airborne-Museum

Das neue Airborne-Museum in Arnheim-Oosterbeek möchte mehr junge Menschen begeistern und überschreitet die Grenzen herkömmlicher Museumspädagogik.

Ein Schritt zu weit

Schreie dringen aus dem Keller. Tiefflieger sind zu hören, die Bomben abwerfen. Eine Häuserzeile steht in Brand und man hört das Knistern des Feuers. Militärfahrzeuge säumen einen Schützengraben und Soldatenpuppen sind realitätsnah in Szene gesetzt. Er ist nichts für zarte Seelen, dieser neue Ausstellungskeller des Airborne-Museums in Oosterbeek. Man wandelt durch das zerstörte Arnheim und ist Teil eines Straßenkampfes zwischen deutschen und alliierten Soldaten. Das Dröhnen der Gewehre aus den Lautsprechern geht durch Mark und Bein. Unheimlich der Gedanke, dass Tausende Soldaten und Zivilisten 1944 den Tod in diesem dreckigen Krieg fanden. Hier unten im Keller wird alles noch einmal lebendig.

Airborne-Museum

Utrechtseweg 232 in Oosterbeek

www.airbornemuseum.nl

Erwachsene zahlen 8,50 Euro Eintritt. Rentner, Studenten, Azubis und Veteranen 7,50 Euro. Für Jugendliche (13-18 Jahre) kostet der Eintritt 5,50 Euro, für Kinder (6-12 Jahre) 4,00 Euro. Inhaber einer Museumcard haben freien Eintritt.

Schwere Kost ist das, was die Airborne Experience, so der Name der neuen Ausstellung, dem Besucher vorsetzt. Das Haus  richtet sich an Jugendliche, die den Zweiten Weltkrieg vor allem über das Erleben verstehen sollen. Doch die Grenzen zwischen einem Museum, welches aufklärt, und einem Museum, welches Entertainment bietet, sind gefährlich dicht beieinander. Museumsleiter Dick Schlüter weiß, dass er mit seinem neuen Konzept die Grenzen der herkömmlichen Museumspädagogik verschiebt und dies rechtfertigen muss: „Kinder und Jugendliche erfahren Krieg durch ihren Computer als eine Art Spiel. Wir wollen ihnen aber deutlich vor Augen führen, dass Krieg etwas Schreckliches ist, etwas Extremes“, sagt Schlüter.

Einen Schockeffekt beim Betrachter zu erzielen, ist den Ausstellungspädagogen sichtlich leicht gefallen: Der Besucher geht durch einen Schützengraben, erblickt originale Flugabwehrkanonen, Jeeps und Gewehre. Hinter den Kriegslandschaften werden auf großflächigen Bildschirmen Originalaufnahmen von britischen Propagandafilmern gezeigt. Zu sehen sind Militärs, die unaufhörlich Raketen abfeuern. Die Grenze zu einer „Erlebniswelt Zweiter Weltkrieg“ scheint überschritten: „Das ist natürlich eine Gefahr“, sagt Dick Schlüter. „Wir wollen nicht, dass unser Museum als ein Erlebnispark wahrgenommen wird. Die Ausstellung muss beeindruckend sein und eine deutliche Botschaft transportierten: Krieg ist schrecklich.“

Die Operation „Market Garden“

Im Herbst 1944 hofften die Alliierten, den Zweiten Weltkrieg bis Weihnachten beenden zu können. Nachschubprobleme jedoch ließen ihren Vormarsch ins Stocken geraten. In dieser Lage entwickelte Feldmarschall Montgomery einen gewagten Plan: Mit einem Streich wollte er mehrere Brücken einnehmen – und somit den Alliierten freien Zugang nach Norddeutschland und ins Ruhrgebiet verschaffen. Im Rahmen der Operation „Market Garden“ sprangen Zehntausende Fallschirmjäger über den Niederlanden ab, die alle wichtigen Brücken zwischen der belgischen Grenze und Arnheim erobern sollten, bis die Unterstützung durch Infanterie und Panzer eintraf. Bis Nimwegen glückte die Aktion, in Arnheim aber scheiterte das Unternehmen am völlig unerwartet starken deutschen Widerstand.


Für den Museumsdirektor geht das offensichtlich nur mit der Abbildung drastischer Szenen: „Mit Schauvitrinen allein erreicht man heute die Aufmerksamkeit des Publikums nicht mehr.“ Das neue Museum setzt hingegen ganz auf das Erleben von Krieg: „Wir haben lange darüber diskutiert, ob man auch Leichen in der Ausstellung zeigen sollte. Aber ich denke, dass dies dazu gehört.“ Die Wirkung des Hauses ist eindeutig: „Einige Kriegsveteranen, die wir zur Eröffnung eingeladen hatten, mussten den Keller wieder verlassen.“

In Deutschland, so sagt Schlüter, sei so eine Ausstellung sicher noch nicht möglich. Der Zweite Weltkrieg werde hier sehr sensibel behandelt. „Wir setzen einen neuen Standard und bislang gibt uns der Erfolg recht.“ In den ersten drei Monaten haben 44.000 Menschen das Museum besucht – so viele, wie sonst das ganze Jahr über.

5,5 Millionen Euro hat der Neubau des Airborne-Museums gekostet. Während des Baus des neun Meter tiefen Kellers wurden Munition und Kriegsgegenstände gefunden. „Das ist hier ein original Kriegsschauplatz“, sagt Geschäftsführer Paul Tirion. In der Villa Hartestein, auf den Anhöhen Oosterbeeks gelegen, kann man etwas mehr darüber erfahren. Denn das Haus stand im Mittelpunkt der größten Luftlandeoperation der Militärgeschichte, Market Garden, bei der 10.000 alliierte Soldaten eingeflogen wurden und über Tage hinweg heftig gekämpft haben. In der historischen Villa (1865), einst Quartier des deutschen Feldmarschalls Model, stehen die Schauvitrinen und erklärende Tafeln. Nur: Wer zuvor im reizüberfluteten Experience-Keller  gewesen ist, muss diese Welt förmlich als langweilig empfinden.


Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
April 2010
Aktualisiert: Online-Redaktion, Juni 2015