VI. Vergleich: Entwicklungspolitik der Bundesrepublik Deutschland: Anti-Kommunismus als bedeutender Faktor

In der Bundesrepublik Deutschland gab es wie in den Niederlanden auch verschiedene Beweggründe, die zur Vergabe von Entwicklungshilfe führten – humanitäre und ökonomische und, stärker als in den Niederlanden, außen- und sicherheitspolitische. Denn bis 1964 war das Auswärtige Amt für die technische Hilfe verantwortlich, das darin ein diplomatisches (Druck-) Mittel sah, das Vordringen des Kommunismus in den jungen Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas aufzuhalten. Die Hallstein-Doktrin von 1955 besagte, dass die Bundesrepublik keine diplomatischen Beziehungen mit einem Staat aufrechterhalten würde, der seinerseits diplomatische Beziehungen mit der DDR unterhielt. Deswegen wirkte sich die Teilung Deutschlands, 1961 mit dem Bau der Mauer besiegelt, direkt auf die Beziehungen zu den Entwicklungsländern aus: Entwicklungshilfeleistungen waren oftmals an die Zusage des Empfängerlandes in der Dritten Welt gebunden, keine diplomatischen Beziehungen mit „Pankow“, wie es in den Quellen manchmal abschätzig heißt, aufzunehmen.

Ende der Hallstein-Doktrin

Bundeskanzler Ludwig Erhard bekräftigte diese Politik in seiner Regierungserklärung vom 10. November 1965 folgendermaßen: "Zu einem dauerhaften Frieden in Europa gehört die gerechte Lösung der deutschen Frage. Unsere Beziehungen zu fremden Völkern werden davon beeinflusst, wie sie sich in dieser Frage verhalten. Das gilt nicht zuletzt für die Entwicklungshilfe. Wir haben die Entwicklungshilfe grundsätzlich ohne politische Bedingungen gegeben. Die Zusammenarbeit zwischen uns und den Entwicklungsländern setzt aber Verständnis für die wechselseitigen Interessen voraus. Wenn wir das Streben dieser Länder nach Stabilität und Unabhängigkeit anerkennen, dürfen und müssen wir erwarten, dass sie auch unseren Wunsch respektieren, die Teilung unseres Landes durch freie Selbstbestimmung des gesamten deutschen Volkes zu überwinden, und uns mit ihrer Haltung dabei unterstützen. Wir verlangen damit nicht mehr als die Achtung und Anerkennung eines Grundsatzes, auf dem die Existenz der meisten dieser jungen Staaten beruht.“ Formal endete die Ära der Hallstein-Doktrin erst mit dem Grundlagenvertrag, den die Bundesrepublik 1972 mit der DDR abschloss.


Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post