X. Die späte Unabhängigkeit von Suriname

Suriname war auf die politische und vor allem die wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht gut vorbereitet. Deswegen kam die Entwicklungshilfe der Niederlande nach 1975 einer „interstaatlichen Alimentation“ gleich. Allerdings im schlechten Sinn: staatlicher Dirigismus auf surinamischer Seite wurde gefördert von sogenanntem donor-driven planning, d. h. die Programmierung in den Niederlanden hatte Vorrang vor den tatsächlichen Entwicklungsbedürfnissen auf nationaler Ebene in Suriname. Die Entwicklungshilfe floss sogar in den regulären Haushalt Surinames ein, damit finanzierte der Staat den Straßenbau, den öffentlichen Wohnungsbau, die Gesundheitsfürsorge und das Bildungssystem. Im Vierteljahrhundert von 1975 bis 2000 führten die Wechsel an der Staatsspitze in Suriname drei Mal dazu, dass die Niederlande ihre Entwicklungshilfe einfroren oder einstellten (1982-87 wegen des Militär-Regimes von Daysi Bouterse, 1991/92 nach dem sogenannten „Weihnachtsputsch“ des Militärs, 1997-2000 wegen des Konflikts über die Hilfskonditionen). Dabei waren sie als Teil der internationalen Gebergemeinde zumindest indirekt mitverantwortlich für einige der Fehlentwicklungen: Als die Militärs 1990 putschten, standen, ganz nach den damaligen Regeln der Weltbank, strenge Regeln und Prinzipien für die wirtschaftliche Umstrukturierung im Vordergrund. Von den Niederlanden gingen keine besonderen Impulse für Demokratisierung und nachhaltige Entwicklung aus, z.B. für die bessere Integration der afrikanischstämmigen Maroon-Bevölkerung in das von javanisch- und indischstämmigen Einwohnern dominierte Staatswesen.

Verdruss, Emotionalität, schwierige Umgangsformen

Der im Februar 2004 in seiner Endversion an das Parlament gegangene Bericht "Een belaste relatie. 25 jaar ontwikkelingssamenwerking Nederland – Suriname, 1975-2000", gemeinschaftlich verfasst von dem Wissenschaftler Dirk Kruijt aus Utrecht und der Ingenieurin Marion Maks aus Paramaribo, gibt wichtige Stichworte für die belasteten Entwicklungsbeziehungen zwischen den Niederlanden und Suriname: Verdruss, Emotionalität, schwierige Umgangsformen. Wie im Umgang mit Indonesien spielten postkoloniale Schuldgefühle und Scham eine wichtige Rolle. Zusammengefasst lautete das Motto: Wir haben die Unabhängigkeit schlecht begleitet, aber jetzt machen wir das gut. Wie ein Sachverständiger es ausdrückte: Dies hat sich positiv auf das Volumen der Hilfe ausgewirkt und negativ auf die Nachhaltigkeit der Projekte. Die Notwendigkeit von Reformen war so eine empfindliche Materie. So empfiehlt der Bericht unter anderem, die Entwicklungshilfe zu versachlichen, Qualitätskriterien einzuführen und den Privatsektor stärker einzubeziehen.

Reguläres Partnerland

In den Kabinetten Balkenende II und III arbeitete Ministerin Van Ardenne daran, dass Suriname ein reguläres Partnerland der niederländischen Entwicklungshilfe wird. Dem internationalen Trend folgend, wurde in Suriname die sektorale Vorgehensweise eingeführt.

Allmählich zeigte sich auch ein Mehrwert der postkolonialen Beziehungen darin, dass der niederländische Mittelstand engere Beziehungen zu seinem Widerpart in Suriname pflegt. Das historische Erbe – eine gemeinsame Sprache und ein verwandtes Rechtssystem – kann die Zusammenarbeit erleichtern. Der Bericht "Een belaste relatie" wies allerdings auf ungenutztes Potenzial hin: in der Sprach- und Kulturpolitik seien die Niederlande ihrem Ruf als wegweisendes Land noch nicht gerecht geworden, und die Expertise der surinamisch-stämmigen Bevölkerung in den Niederlanden wird noch nicht ausreichend genutzt. Um die „kennisuitwisseling“ weiterhin zu fördern, und damit der besonderen Verbindung zwischen den beiden Ländern gerecht zu werden, wird der Austausch zwischen ihnen von der niederländischen Regierung von der „Twinningfaciliteit Suriname – Nederland“ finanziell unterstützt. Auch der Austausch von Kontakten und Wissen in den Bereichen Sprache und Kultur wird dadurch ausgebaut. Das Interesse daran seitens der niederländischen Regierung scheint allerdings in den letzten Jahren gesunken zu sein. Wurden zwischen 2008 und 2012 noch 12 Millionen Euro für die Twinningfaciliteit aufgebracht, waren es in der darauffolgenden Periode von 2013 bis 2016 nur noch 6,5 Millionen. Eine Verringerung von fast 50%.

Wirtschaftlich scheinen die Niederlande allerdings stabile Beziehungen zu Suriname zu pflegen. Die ehemalige Kolonie importiert am zweithäufigsten in die Niederlande. Umgekehrt sind die Niederlande mit ein paar wenigen großen Investoren auf Suriname vertreten, die Anzahl ist steigend. Daneben sind, so die niederländische rijksoverheid, verschiedene Klein- und Mittelbetriebe in dem südamerikanischen Land aktiv. Diese Betriebe entstammen überwiegend den Sektoren Infrastruktur, darunter fällt auch der Bau von Deichen und Brücken, Landbau, Tourismus und Dienstleistungen (Link rijksoverheid)Andere Bereiche, in denen noch immer eine enge Entwicklungszusammenarbeit besteht, sind beispielsweise die polizeiliche Zusammenarbeit oder Umweltschutz.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post