IV. Jan Tinbergen und die UNO

Der Wirtschaftswissenschaftler Jan Tinbergen hat Forschung und internationale Politik miteinander verbunden. Einerseits war er Akademiker: von 1955-1973 Professor für Entwicklungsplanung an der "Nederlandse Economische Hogeschool" (NEH, seit 1973 Erasmus Universiteit Rotterdam). Für seine Erkenntnisse im Feld der Wirtschaftsmathematik erhielt er 1969 den ersten Nobelpreis für Wirtschaft. Andererseits war er seit den fünfziger Jahren in den Gremien der UNO vertreten: 1955 als Berater der niederländischen Vertreter im Economic and Social Council (ECOSOC), in den sechziger Jahren als Vorsitzender des UNO-Komitees für Entwicklungsplanung und damit maßgeblich verantwortlich für die internationale Entwicklungsstrategie der zweiten UN-Entwicklungsdekade ab 1970. Der Amsterdamer Soziologe Jan Breman hat diese Zeit dann auch als „Tinbergen-Ära“ bezeichnet.

Prof. Jan Tinbergen
Prof. Jan Tinbergen
© Nationaal Archief

Verschwendung von Ressourcen vermeiden

Politisch ging es Tinbergen nach dem Zweiten Weltkrieg um die Verbindung von Reformen, Planung und sozialer Gerechtigkeit. Er teilte die Aufgaben des weltweiten Wiederaufbaus in drei Schritte ein: 1. den Wiederaufbau der niederländischen Wirtschaft, 2. die Annäherung zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten, und 3. die Überbrückung der Kluft zwischen dem industriellen Norden und dem rohstoffproduzierenden Süden. Deshalb lag Tinbergen ein multilateraler Zugang mit möglichst gleichberechtigten Verhandlungspartnern am Herzen, z.B. die Reform der Welthandelsordnung über die United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD), die 1964 zum ersten Mal in Genf zusammentrat. Sein Bestseller war das Buch International Economic Integration, das bis zum Ende der sechziger Jahre mehrfach aufgelegt wurde. Darin betonte Tinbergen die Bedeutung einer sorgfältig geplanten Entwicklungshilfe, um die Verschwendung von Ressourcen zu vermeiden: „It is a prerequisite for an efficient use of capital and manpower that no idle capacity of either be created. This requires careful calculation of the rates of growth of different sectors, of the increases in school capacities, teachers and pupils, and careful appraisal of investment projects from a national point of view.”

Wachstumsraten, Bildungsfragen, Investitionen – diese Fragen bewegen die Entwicklungspolitiker noch immer. Im Rückblick wird Tinbergen allerdings dafür kritisiert, dass er mit seinem strikten Planungsdenken den Schwerpunkt zu stark auf abstrakte makro-ökonomische und soziale Fragen gelegt hat. Vorbildlich bleibt hingegen sein Ruf nach internationaler Verteilungsgerechtigkeit.


Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post