XXIII. Länderbeispiel: Developers’ darling Tanzania

Tanzania hatte 1961 die Unabhängigkeit von Großbritannien erreicht, 1963 auch die Insel Sansibar. Dann erfolgte 1964 der Zusammenschluss zur Vereinigten Republik von Tanzania. Staatsgründer, Präsident und Parteivorsitzender in einer Person, also die dominante politische Figur, war Julius Nyerere. Er stand für das Konzept der self-reliance und den Weg eines afrikanischen Sozialismus. Dabei ging es vor allem um die Entwicklung des ländlichen Raums, die Nyerere durch die Kollektivierung der Agrarproduktion und die umfassende Versorgung mit sozialen Dienstleistungen anging. Die zahlreichen staatlichen und halbstaatlichen Stellen, die für die Lenkung und Kontrolle des Strukturwandels eingerichtet wurden, waren jedoch schwerfällig und anfällig für Korruption. Vor solchen organisatorischen und politischen Mängeln versagte auch die niederländische Entwicklungshilfe: Für den Aufbau einer tansanischen Fluggesellschaft lieferte Fokker vier Flugzeuge, die speziell für den Einsatz in den Tropen entworfen waren, und die KLM bildete das Personal aus, aber Korruption und Ineffizienz ließen das Projekt scheitern. Erfolge erreichte Nyerere vor allem im Bildungswesen und im Gesundheitssystem, aber die Landbevölkerung stand den von oben durchgesetzten Maßnahmen ablehnend gegenüber, zumal die Versorgungslage im Lauf der siebziger Jahre so schlecht wurde, dass Nahrungsmittelimporte notwendig wurden.

Gelungener Systemwechsel vom Sozialismus zur Marktwirtschaft

Ein niederländisches Projekt zur Wasserversorgung auf dem Land scheiterte, weil die Bevölkerung die neuen, zwangsweise zugewiesenen Siedlungsgebiete und damit die dort angelegten Brunnen wieder verließ. Auch die Industrialisierung kam wegen der Überregelung durch den Staat nicht in Gang. Deswegen leisteten die Niederlande weniger Projekthilfe, sondern ungebundene Lebensmittel- und Zahlungsbilanzhilfe. Seit 1975 bestand die Hilfe immer mehr aus Schenkungen. Die Abkehr vom sozialistischen Konzept erfolgte erst 1986. In der Folgezeit leitete die Regierung die von den Geberländern geforderten Strukturreformen ein. Heute gilt Tansania als Beispiel für den gelungenen Systemwechsel vom Sozialismus zur Marktwirtschaft. Eine positive Nachwirkung hat der afrikanische Sozialismus, wie ihn die Neue Linke der Niederlande in den siebziger Jahren begeistert gefördert hatte: Er hat in Tansania eine Form der nationalen Identität geschaffen, die ethnische Auseinandersetzungen in Schach hält.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post