XVIII. Vergangenheit und Selbstdarstellung - Entwicklungspolitik zwischen Macht und Moral

Idealismus und Gewissen

Paramaribo - Hauptstadt von Surinam
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Im beginnenden 21. Jahrhundert berührt die niederländische Entwicklungspolitik mit den beiden Gebieten Migration und Sicherheit wieder  klassische außenpolitische Fragen. Auf der einen Seite herrscht Skepsis über die Effizienz und Nachhaltigkeit der staatlichen Entwicklungshilfe vor – „der Idealismus ist raus“. Zum Eindruck der Machtlosigkeit trägt die immer umfangreichere Berichterstattung in den Medien bei, zum Beispiel auch über Korruption in der Entwicklungshilfe. Im weitesten Sinn zur Entwicklungshilfe gehörend hat auch die Katastrophe von Srebrenica, das Versagen der niederländischen Blauhelme, dazu beigetragen. Auf der anderen Seite bleibt privates Engagement über lokalen Aktivitäten und gesellschaftlichen Initiativen bestehen – im Februar 2004 fand in Utrecht eine Konferenz statt unter dem Slogan „Idealismus existiert noch“.

Emotionen spielen weiterhin eine wesentliche Rolle in der Entwicklungspolitik der Niederlande, in der Bevölkerung besteht immer noch ein moralischer Zugang zu Entwicklungsfragen – ähnlich wie in den skandinavischen Ländern, nationale Gefühle basieren bis heute auf dem christlichen Ideal der Karitas und einem calvinistischen Schuldbewusstsein. Dies spiegelt sich zum Beispiel in der Zeitschrift IS - Internationale Samenwerking wider, die vom Außenministerium unter der Verantwortlichkeit der Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit herausgegeben wird. Die Redaktion titelte im Dezember 2002 „Sorry – die große Wiedergutmachausgabe“ und bot eine Innenschau auf das entwicklungspolitische Gewissen quer durch die Professionen:„Wir hätten alle sicher einmal härter auf den Tisch hauen können, besser in Kontakt bleiben können, mehr Respekt haben können, nachdrücklicher protestieren können, und mehr Zeit freimachen können. (...) Wo haben der Dichter, der Gewerkschaftsmann, die Staatssekretärin, der Autor und die ganzen anderen im letzten Jahr versagt? Und vor allem, wie machen sie das wieder gut?“

Erinnerung und Identität

Auf der einen Seite zeichnet sich über die ethisch-humanitäre Tradition Kontinuität im entwicklungspolitischen Selbstverständnis ab. Auf der anderen Seite hat sich das Selbstbild der Niederlande verändert. In diesem Zusammenhang ist das Stichwort Postkolonialismus wichtig: Postkolonialismus bezeichnet nicht nur eine historische Situation, sondern auch eine Veränderung der Denkweisen über die Welt. Migration, Diaspora und die daraus folgende kulturelle Dynamik haben die Identität westlicher Länder wie der Niederlande nicht nur oberflächlich verändert. Der Redaktion der IS ging es um die Wiedergutmachung persönlicher entwicklungspolitischer Verfehlungen. Die kollektive Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und des Missbrauchs vom selbstgesetzte Entwicklungsauftrag findet auf der wissenschaftlichen und museumspädagogischen Ebene statt. Das Tropenmuseum in Amsterdam ist mit dem Koninklijk Instituut voor de Tropen (KIT) verbunden, das sich zu Beginn der Entwicklungszusammenarbeit auf die Themen Gesundheit und ländliche Entwicklung spezialisiert hatte und mittlerweile den Schwerpunkt auf Training und Beratung legt. In den Ausstellungsräumen des Museums wurde seit Ende der sechziger Jahre ein Schwerpunkt auf Entwicklungszusammenarbeit gelegt: Ein Vierteljahrhundert war dort ein nachgebautes indonesisches Elendsviertel zu besichtigen, anstelle von Masken und Dolchen war die Armut ausgestellt. Die Überarbeitung des Museumskonzepts Ende der neunziger Jahre hat einzelne Menschen und deren Entscheidungen in den Mittelpunkt gerückt – der rote Faden ist jetzt der Konflikt zwischen der niederländischen und der indonesischen Kultur. Mit der Frage „Integration versus Beibehaltung der eigenen Identität“ will die Dauerausstellung eine Verbindung zwischen dem früheren kolonialen Ostindien und den heutigen Niederlanden herstellen.

Diese Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit suchen auch die Initiativen, die sich mit der Aufarbeitung der Sklaverei befassen. Die Kaufleute der Niederlande hatten seit dem 17. Jahrhundert am Sklavenhandel verdient und das Land schaffte die Sklaverei in den westindischen niederländischen Kolonien erst am 1. Juli 1863 ab. An diesem "Emancipatiedag" erlangten 33.000 Menschen in Suriname und 12.000 auf den Antillen ihre Freiheit. In Erinnerung wurde das von der Landelijke Platform Slavernijverleden (LPS) initiierte Nationaal Monument Nederlands Slavernijverleden in Amsterdam am 1. Juli 2002 im Beisein von Königin Beatrix eingeweiht. Die Geschichte der Sklaven und ihrer Nachfahren soll Eingang in die niederländische Nationalgeschichte finden.

Migranten

Seit 1945 haben Einwanderer aus den (ehemaligen) Kolonien ihren Platz in der niederländischen Gesellschaft gesucht: zu den 300.000 sogenannten „Remigranten“ aus Indonesien kamen 200.000 Menschen aus Suriname und 80.000 von den niederländischen Antillen. Während das Tropenmuseum an einer Verständigung der verschiedenen Interpretationen der Vergangenheit arbeitet – mit dem Ziel der Verständigung verschiedener Bevölkerungsgruppen untereinander- hat sich das politische Klima allgemein gegen die Einbeziehung gewandt.

Als die Lijst Pim Fortuyn (LPF) niederlandeweit das politische Leitbild des Multikulturalismus radikal in Frage stellte, hat der sogenannte „realistische Diskurs“ der LPF nicht nur die Andersartigkeit, sondern auch die „Rückständigkeit“ nichtwestlicher Gruppen betont. Mittlerweile wird allgemein in den Niederlanden wieder der Begriff „schwarz“ gebraucht, um zum Beispiel Schulen mit einem hohen Anteil an Einwandererkindern zu bezeichnen. Dieses Gegensatzpaar, weiß-schwarz, war zu Kolonialzeiten üblich und galt damals als Synoym der wertenden Abgrenzung fortschrittlich-rückständig.

Gleichzeitig treten die verschiedenen ethnischen Gruppen in den Niederlanden selbstbewusster auf. Die Schwarzafrikaner zum Beispiel kritisieren, dass Migranten und Diasporagemeinden im regierungsamtlichen Konzept von Partnerschaft nicht vorkommen, obwohl sie ein Motor der Entwicklungszusammenarbeit sein könnten. Nach einer Untersuchung der Organisation AfroNeth aus dem Jahr 2003 sind die Transferzahlungen von Migranten an ihre zurückgebliebenen Familienmitglieder eine wichtige Form der pro-poor finance. Gleichzeitig können die in den Niederlanden ansässigen Migranten mit sozialem Kapital aufwarten und darüber die Modernisierung von Gesellschaft und Wirtschaft ihrer Herkunftsländer anstoßen. Die Anforderungen, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen an den Entwicklungssektor herangetragen werden, sind aber nicht nur finanziell motiviert. Einerseits bietet Entwicklungspolitik traditionell die Möglichkeit, das Selbstbild eines moralisch-verantwortlich handelnden Landes zu unterstützen. Andererseits bietet Entwicklungspolitik neuerdings die Möglichkeit, über die Einbeziehung von Minderheiten eine Integrationsmöglichkeit aufzuzeigen – Stichwort Partnerschaft.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post