VIII. Ringen um Neuguinea

In seiner Studie “The Politics of Accommodation. Pluralism and Democracy in the Netherlands“ kam der Soziologe A. Lijphart 1968 zu der Schlussfolgerung: „All major political problems facing the Dutch during the past century have been resolved peacefully and constitutionally. The only big blot on their record is their failure to withdraw from the colonial empire without bloodshed and severe damage to their national interest.” Der Schaden wurde nicht nur in der Nachkriegszeit bis 1949 angerichtet. Beinahe wäre es ein Jahrzehnt, nachdem die Niederlande die Souveränität Indonesiens anerkannt hatten, noch einmal zu Blutvergießen gekommen, weil die Niederlande sich an den ihnen verbliebenen Rest des „Smaragdgürtels“ klammerten. An Neuguinea (oder Westguinea) arbeiteten sie den Verlust des Kolonialreiches ab, vor allem den Verlust der Identität als Mittelmacht mit ethischem Entwicklungsauftrag. Die diplomatischen Umstände der sogenannten Neuguinea-Affäre: In der Einigung von 1949 blieb Neuguinea ausgeklammert, um sicherzugehen, dass das niederländische Parlament dem Verhandlungsergebnis zustimmte.

Neuguinea-Kampagne

Ab 1952 verkörperte Außenminister J.M.A.H. Luns von der Katholieke Volkspartij (KVP) die rigide Haltung der Niederlande, die Neuguinea unter keinen Umständen an den Einheitsstaat von Sukarno abtreten wollten. Deswegen kündigte Indonesien 1956 die Union mit den Niederlanden auf. Im Oktober 1957 begann Sukarno mit der sogenannten Neuguinea-Kampagne. Zunächst versuchte er (Sukarno), sein emanzipatorisch-nationalistisches Ziel der Eingliederung Neuguineas in die Republik Indonesien mit wirtschaftlichen Druck zu erreichen: Er verstaatlichte die niederländischen Unternehmen, ein Verlust von drei bis vier Milliarden Gulden. Dann griff er zu militärischen Mitteln: Im Januar 1962 kam es zu Seegefechten zwischen den beiden Konfliktparteien, im Mai desselben Jahres landeten indonesische Fallschirmjäger auf Neuguinea. Aber erst der Druck der USA führte zum Einlenken der Niederlande. Am 15. August 1962 passierte endlich die niederländisch-indonesische Übereinkunft über die Übertragung Neuguineas das Parlament.

"Chaos könnte folgen"

Das Festhalten an Neuguinea hatte keine wirtschaftlichen Gründe, denn die Umorientierung der niederländischen Wirtschaft auf den europäischen Markt war rasch und gewinnbringend erfolgt. Stattdessen prägten Emotionen die öffentliche Meinung und die Außenpolitik. Erstens waren die meisten Niederländer überzeugt von der Aufgabe ihres Landes, den Fortschritt nach Asien zu bringen, dort „Erziehungs- und Zivilisationsarbeit“ zu leisten. Aus der Aufgabe erwuchs der Anspruch: Zumindest das nach westlichen Gesichtspunkten völlig unterentwickelte Neuguinea wollten die Niederlande zu einer international anerkannten Modellkolonie machen. 1953 hieß es in einem ausführlichen Bericht dazu: „Die Umstände bringen mit sich, dass die Papuas eine relativ schnelle Entwicklung durchmachen werden, gekoppelt an eine schnelle Loslösung von ihrer primitiven Kultur, was unsere Aufgabe sehr schwierig macht. Eine sorgfältige Politik mit dem Ziel, die Leitung des so schwierigen Akkulturations-Prozesses in den Händen zu halten, ist darum notwendig. Wenn dies nicht gelingt, dann könnte Chaos folgen.“

Anti-Sukarno-Haltung

Zweitens hegten viele Niederländer eine große Abneigung gegen den indonesischen Präsidenten Sukarno, der ihnen wegen der Kollaboration mit den japanischen Besatzern und wegen seiner Sympathie für den Kommunismus als Person „verwerflich“ erschien. Das Festhalten an Neuguinea war damit auch eine Anti-Sukarno-Haltung. Drittens verknüpften die Niederlande ihre Entwicklungsrolle in Neuguinea mit ihrer Bündnisaufgabe im Kalten Krieg, wenn sie argumentierten, dass sie der freien Welt eine strategische Bastion in Südostasien erhielten. Der entscheidende Anstoß, diese größtenteils rückwärtsgewandte, in einer vergangenen Zeit verankerte koloniale Haltung aufzugeben, musste in Form von diplomatischem Druck von außen kommen. Dann erst konnte der andere Bestandteil der Neuguinea-Affäre, die ethisch-missionarische Haltung, in der tatsächlich international anerkannten Aufgabe der neuen Entwicklungshilfe produktiv aufgehen.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2018, Henrike Post