VII. Die Niederlande-DDR Vereinigung – De Vereniging Nederland-DDR

Am 12. Oktober 1974 wurde in Amsterdam die Vereniging Nederland-DDR gegründet. Es handelte sich um eine sogenannte Freundschaftsvereinigung, die darauf abzielte, in den Niederlanden „objektive“ Informationen über die DDR zu verbreiten und Kontakte von Niederländern mit der DDR zu fördern. Aus taktischen Gründen war das Wort „Freundschaft“ bei der Gründung vermieden worden, um auch Menschen anzusprechen, die einige Vorbehalte gegenüber dem kommunistischen System der DDR besaßen. Die Einrichtung scheint einigermaßen erfolgreich gewesen zu sein, denn die Vereinigung Niederlande-Deutschland besaß einen ziemlich gemischten Mitgliedsbestand.

Liga für Völkerfreundschaftsgesellschaften

Die Vereinigung organisierte unter anderem Exkursionen in die DDR für Mitglieder und Außenstehende, gab eine Quartalszeitschrift mit positiv gefärbten Berichten über die DDR heraus, verbreitete ostdeutsches Informationsmaterial, organisierte kulturelle Veranstaltungen mit ostdeutschen Künstlern und Ausstellungen über die DDR und vermittelte zu aller Letzt Dritten Kontakte in die DDR. Entsprechend spielte sie eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Partnerschaften zwischen niederländischen und ostdeutschen Städten bzw. Regionen (u.a. Rotterdam und Dresden). Als Partnerorganisation fungierte in der DDR die Liga für Völkerfreundschaftsgesellschaften. Dies war eine große Dachorganisation, welche die Kontakte ostdeutscher Nationaler Freundschaftsgesellschaften (NFG) zu Organisationen ihrer „Zielländer“ sowie die ausländischen Propagandaaktivitäten der DDR koordinierte. Im Gegensatz zur Vereniging Nederland-DDR waren die NFGs leere Hülsen. Es existierte zwar ein Vorstand, aber es fehlten Mitglieder. Das Fehlen einer ostdeutschen Schwesterpartei deutet definitiv auf eine Einseitigkeit der Beziehungen zwischen der Vereniging Nederland-DDR und der DDR hin. Informationen über Ostdeutschland flossen über die Vereinigung in die Niederlande und Niederländer orientierten sich, was die DDR betrifft, an der Vermittlung der Vereinigung. Eine gegengerichtete Bewegung gab es aber kaum. Erst in den 1980er Jahren kamen sporadisch ostdeutsche Delegationen auf Einladung der Vereinigung in die Niederlande; diese bestanden jedoch häufig aus Funktionären. Finanziell war die Vereinigung Niederlande-Deutschland auch in entscheidendem Maße von indirektem Sponsoring durch die DDR abhängig.

Alles in allem war die Haltung der Vereniging Nederland-DDR gegenüber der DDR sehr kritiklos. Erst 1989, in der Spätphase der DDR, ist eine Anzahl von Beispielen dokumentiert, in denen sich der Hauptvorstand gegenüber den Wünschen der DDR bedingt absetzte. Besonders die Lobeshymnen des damaligen zweiten Mannes in der DDR, Egon Krenz, über die Niederwerfung des Chinesischen Studentenprotestes im Juni 1989, stießen bei Mitgliedern und Vorstand der Vereinigung auf Unmut. Die Wende in der DDR und vor allem der Ruf nach Vereinigung mit Westdeutschland stürzte die Vereniging Nederland-DDR in eine große Identitätskrise. Die doppelten Gefühle, mit denen viele Vereinigungsmitglieder kämpften, wurden wahrscheinlich treffend durch die Worte Sekretärs Neijts umschrieben, der Anfang 1990 erklärte, einerseits sehr erfreut über die neue Offenheit, das Mitspracherecht und die Demokratisierung der DDR zu sein, aber andererseits befürchte, die Bundesrepublik könnte sich die DDR einverleiben. Im Dezember 1989 hatte der Vorsitzende Burggraaf bereits deutlich gemacht, warum die Vereinigung die DDR so schätzte: „Das Bestehen der DDR war und ist für uns eine Garantie gegen eine eventuell erneut aufkommende Gefahr, die wir in der Vergangenheit der 30er und 40er Jahre mit all ihren Schrecken kennen gelernt haben.“ Das Bild des anderen, antifaschistischen Deutschlands war bei den Mitgliedern 1989/1990 noch sehr lebendig. Am 6. Oktober 1990, drei Tage, nachdem die DDR in der Bundesrepublik aufgegangen war, wurde die Vereinigung offiziell aufgelöst.


Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004