XI. Dubceks Frühling, Ulbrichts Herbst: Tschechoslowakei 1968

Unter der Führung des populären Reformers Alexander Dubcek begann die tschechoslowakische kommunistische Partei Anfang des Jahres 1968 eine Kampagne für einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“. Der DDR-Staatschef Walter Ulbricht empfand diesen „Prager Frühling“, im Rahmen dessen unter anderem das Recht auf Meinungsäußerung blühte wie nie zuvor unter einem kommunistischen Regime, als ideologische Bedrohung für die Herrschaft der SED-Spitze im eigenen Land. Darüber hinaus befürchtete er, dass der Ostblock politisch, militärisch und wirtschaftlich auseinanderfallen würde, wenn sich der Freiheitsvirus weiter verbreiten sollte. Gemeinsam mit dem polnischen Staatschef Vladyslav Gomulka, der in Polen mit protestierenden Studenten konfrontiert wurde, motivierte Ulbricht die Sowjetunion an, Maßnahmen gegen die Tschechoslowakei zu ergreifen. Im sowjetischen Parteivorsitzenden Leonid Breschnew trafen die beiden auf ein offenes Ohr, denn dieser teilte ihre Befürchtung, dass die Tschechoslowakei aus dem Warschauer Pakt austreten würde. Obwohl er mit Dubcek erst noch verhandelte, beschloss er später, dass militärisch eingegriffen werden müsse. Am 21. August 1968 besetzten Truppen des Warschauer Paktes das Land.

Bereits in der ersten Phase nach der Invasion ging der DDR-Staatschef Ulbricht als Dubceks „ größter Gegner in Europa“ (Trouw). In den Reaktionen der niederländischen Zeitungen auf die Besetzung spielte die Empörung über die Teilnahme von ostdeutschen Truppen eine große Rolle. Deutschland hatte die Tschechoslowakei bereits schon 1938/1939 überrannt. Der langjährige NRC-Kolumnist, J. L. Heldring, schrieb: „Zum ersten Mal seit 1941 rücken wieder deutsche Soldaten in das Land ein – nun als Handlanger der Sowjetunion, die ihre Väter vor 27 Jahren überfielen.“ Auch Het Parool spielte auf den Einfall Nazi-Deutschlands im März 1939 an. Die Zeitung veröffentlichte untereinander Fotos vom Einmarsch der Wehrmacht in Prag 1939, die von den Einwohnern der tschechischen Hauptstadt mit geballten Fäusten begrüßt wurde, und von einem russischen Panzerwagen, der 1968 die gleichen Reaktionen hervorrief. [1]

Historische Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass bei der Besetzung ostdeutsche Truppen kaum miteinbezogen wurden. Dass die Niederländer jedoch zunächst annahmen, dass DDR-Kampftruppen teilnahmen, war jedoch wohlbegreiflich. Erstens war Ulbricht in der Tat einer der Befürworter für ein Eingreifen des Warschauer Paktes gewesen. Zweitens passte die Annahme gut in das Bild von der DDR als einem militärischen Staat. Dass in den Kommentaren so häufig auf historische Vergleiche mit Nazi-Deutschland zurückgegriffen wurde, war gleichermaßen verständlich. Diese Vorstellung stand nun mal im Einklang mit dem Antitotalitarismus, der die Haltung gegenüber dem Kommunismus bestimmte. Diese Perspektive hatte zwar eigentlich durch die internationale Entspannung seit 1963 an Überzeugungskraft verloren, aber im Falle von Krisen im Ost-Westverhältnis bot sie noch immer einen sehr ansprechenden Interpretationsrahmen.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004