VI. Private Kontakte: PSP, PvdA und andere Parteien

Verschiedene Führungspersönlichkeiten der Pazifistischen Sozialistischen Partei (PSP), ein 1956 gegründeter nicht-kommunistischer, radikallinker politischer Interessenverband, besuchte in den 1960er Jahren die DDR. Besonders sind zwei Reisen einiger PSP-Mitglieder Ende des Jahres 1966 und Beginn des Jahres 1977 hervorzuheben, mit dem Anliegen, in der DDR „originale“ Dokumente für ein Buch und eine Ausstellung über die Kriegsvergangenheit bedeutender westdeutscher Politiker (z.B. Bundespräsident Heinrich Lübke und Bundeskanzler Kiesinger) einzusehen. Kurz nach dem Bau der Mauer hatte die PSP vorsichtig für die Anererkennung der DDR plädiert. Ab Beginn des Jahres 1968 reichte der PSP-Parlamentarier Fred van der Spek bei der jährlichen Debatte über den Haushalt des Außenministeriums insgesamt fünfmal einen Antrag zur Anerkennung der DDR ein. Die Anträge erhielten keine Mehrheit – nur die PSP selbst, ein kleiner Teil der PvdA und manchmal noch die neo-linksliberale Partei D’66 stimmten dafür. Jedenfalls wurde aber das Thema auf die politische Agenda gesetzt. Darüber hinaus waren es einige PSP-Mitglieder, die zusammen mit Studenten der NCSV am 12. Dezember 1970 das Niederländische Komitee zur Anerkennung der DDR gründeten.

Plädoyer für Anerkennung

Wie nützlich auch immer die PSP nun mit ihren insgesamt fünf Anerkennungsanträgen für die DDR war, Ostberlin haderte allgemein stark mit der Vorstellung, zusammen mit diesem „Sammelbecken für Trotzkisten mit recht schlechtem Namen“ in See zu stechen. Die Ostdeutschen setzten ihre Karte lieber auf die PvdA, die große niederländische Arbeiterpartei. Jedes Mal, wenn diese Partei ihre Pforten für Kontakte mit der SED zu öffnen schien, wurde die PSP vernachlässigt. Erstmalig nahmen die PvdA mit der DDR im Januar 1966 Kontakt auf, als eine Vielzahl von Journalisten und aktiven PvdA-Mitgliedern neun Tage durch die DDR reiste. Aufgrund der Tatsache, dass ein Mitglied der Parteispitze, Jan Nagel, mit von der Partie war, meinte die SED, dies als einen offiziellen Annäherungsversuch der niederländischen Sozialdemokraten interpretieren zu können. Die von Nagel geführte Delegation wurde daher in allen Ehren empfangen. Nach Ablauf der Reise veröffentlichten die Sozialisten einen umfassenden Reisebericht in der unabhängigen Zeitung Het Parool. Darin äußersten sie zum einen Kritik an der politischen Unterdrückung in Ostdeutschland, aber plädierten auch zum anderen für eine Anerkennung der DDR. Dies waren neue Töne, die gegen Ende des Jahres 1966 von Nieuw Links, der internen Oppositionsbewegung innerhalb der PvdA, übernommen werden sollten.

In den folgenden Jahren sollte der außenpolitische Sprecher von Nieuw Links, Han Lammers, enge Kontakte zur DDR unterhalten. Er reiste zweimal mit Delegationen von Journalisten nach Ostberlin und kehrte mit sehr positiven Berichten über die DDR zurück. In den Niederlanden setzte er sich für die unmittelbare und bedingungslose Anerkennung des SED-Regimes ein. Im März 1969 sprach sich eine Mehrheit des Parteikongresses für die Anerkennung der DDR aus. Die Mehrheit der Fraktion weigerte sich allerdings, diesen Standpunkt einzunehmen. Im September 1975, zwei Jahre nach der niederländischen Anerkennung der DDR, reiste eine Delegation der PvdA-Parteiführung auf Einladung der SED nach Ostdeutschland. Zum ersten Mal erbrachte eine alteingesessene sozialdemokratische Partei ihr diese Ehre. Während des Besuches wurde die Absprache getroffen, dass beide Parteien in Zukunft intensiv zusammen arbeiten sollten. Anschließend sorgten Bemerkungen des Delegationsmitgliedes Jan Nagel sowie des Delegations- und Parteiführers Ien van den Heuvel für öffentliche Verstimmung. Nagel hatte gesagt, dass die Mauer „historisch richtig gewesen [ist]“ und Van den Heuvel, dass die DDR „auch durch uns zu spät anerkannt worden [ist]“. Innerhalb der Partei, im Parlament und in der Presse ernteten die DDR-Besucher viel Kritik. Die Folge war, dass die Beziehung der PvdA mit der SED trotz der getroffenen Absprache nicht intensiviert wurde. Es blieb größtenteils bei willkürlichen Kontakten der Außensekretäre beider Parteien.

Neben der PSP und der PvdA knüpften auch andere nicht-kommunistische Parteien nach der Anerkennung Kontakte mit ostdeutschen politischen Parteien. Die Politische Partei der Radikalen (PPR), eine linke Absplitterung der Katholischen Volkspartei, unterhielt ab den 1970er Jahren Beziehungen zur ostdeutschen CDU. In den 1980er Jahren organisierten beide Parteien sogar ein Austauschprogramm, im Rahmen dessen Familien von Parteiangehörigen ihre Ferien in Gastfamilien des anderen Landes verbrachten. Auch die CDA nahm Kontakt mit der CDU auf. Die rechtsliberale VVD und die linksliberale D’66 schmiedeten Bande mit der ostdeutschen „liberalen“ LDP. Viel stand jedoch nicht hinter diesen Kontakten.


Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004